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In einem denkmalgeschützten Ensemble stattlicher Fachwerkhäuser produziert seit fast zweihundert Jahren Deutschlands älteste Sektkellerei in Esslingen. Die Gebäude dienen der Firma Kessler auch als Markenzeichen

Gerüttelt und gedreht, nicht gerührt



Die Fachwerkhäuser des Kessler-Areals im Zentrum von Esslingen

Die Fachwerkhäuser des Kessler-Areals im Zentrum von Esslingen

Was für ein eindrucksvoller Auftritt im Zentrum von Esslingen. Zwei hoch aufragende Stirnseiten mit Spitzgiebeln zwingen den Besucher direkt hinter der Stadtpfarrkirche St. Dionys zum Innehalten. In den engen mittelalterlichen Gassen wirken die von Stock zu Stock immer weiter vorspringenden Fachwerkständerkonstruktionen noch steiler, als sie es ohnehin sind. Über Sockelgeschossen aus Werksteinen entfalten kleinteilige Strukturen aus Sprossenfenstern mit Läden, Gefachen in der Form des Andreaskreuzes oder „Stehender Männer“, verzierten Balken, Schwellen, Knaggen bis hin zu gewissenhaft verlegten Bieberschwanzziegeln auf steilen Satteldächern malerische Effekte aus Formen, Farben und lichten sowie schattigen Zonen. Kernbau des imponierenden Ensembles ist der so genannte Speyrer Pfleghof.


Im wesentlichen auf den Resten steinerner Vorgängerbauten im 13. Jahrhundert errichtet, vermachte 1213 Stauferkaiser Friedrich II. die Kirche samt Liegenschaften dem Speyrer Domkapitel. Dem Pfarrhaus wurde die neue Funktion des Pfleghofs zuteil. Als repräsentativer Stützpunkt diente er nun dem Speyrer Domkapitel zur Abwicklung von Geschäften, aber auch als Einzugsort von Abgaben. Rund 600 Jahre lagerte in den weitläufigen Kellern der Zehntwein. Ab 1547 nahm der Stadtrat das Anwesen in Pacht. Bis heute erstrecken sich die Kellergewölbe auch unter dem in südwestliche Richtung ausschwenkendem Flügel der um 1600 errichteten „Geistlichen Verwaltung“. Die Baunaht ziert ein 18 Meter tiefer Ziehbrunnen, dem Original nachgebildet um 1903/04 vom Architekten Albert Benz.

Ab 1832 kommt dann Georg Christian Kessler ins Spiel. In Etappen erwerben er und seine Nachfolger bis 1866 das gesamte Ensemble der einzigartigen Fachwerkhausgruppe. Hier etablierten sie die Zentrale ihrer Sektfirma. Auch fast zwei Jahrhunderte danach sind hier Verwaltung und Produktion zugegen. Unter den 850 Baudenkmalen aus über 1200 Jahren in der oft als „heimliche Fachwerkhauptstadt“ titulierten Esslinger Kernstadt zählt das Kessler-Areal zu den attraktivsten. Urwüchsig aneinander gefügt, tritt es zugleich als Signet und damit als Wirtschaftsfaktor für Deutschlands älteste Sektfirma auf. Erhalt und Nutzung solch historischer Gemäuer stellen bei den komplizierten Produktions- und Managementprozessen von heute eine Herausforderung dar. Gleich einer aparten Zeitreise durch Jahrhunderte von der Gotik bis heute gestaltet sich die Besichtigung.

Die permanente Prozesshaftigkeit des Bauens führt zu Beginn der 2007 eröffnete „Genuss- und Schauraum“ vor Augen. Fotografien und Bilder führen in die Firmenhistorie ein. Sie setzt ein mit dem schillernden Industriepionier Georg Christian Kessler. Am 30. März 1787 in Heilbronn geboren, arbeitete er nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre ab 1804 als „Comptorist“ in einer Firma im damals zu Frankreich gehörenden Mainz. Schon 1807 zieht es den frankophilen Kessler als Bilanzbuchhalter zur Champagner-Weinhandelsgesellschaft Veuve Clicquot-Fourneaux & Cie. nach Reims. Deren Inhaberin, die Witwe Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, erteilte dem überaus erfolgreichen Kessler 1810 die Prokura. Am 1. Januar 1815 stieg er sogar zum Teilhaber auf. Er nutzte die Chance, sich breites Wissen in Erzeugung und Vertrieb anzueignen.

Ab 1825 setzte in Etappen sein Rückzug aus dem Unternehmen von Clicquot-Ponsardin ein. Kessler kehrte in seine Heimat zurück. Mit seinem Schwager gelang ihm in Esslingen der Aufbau einer hochmodernen Textilfabrik. Dieses unternehmerische Engagement war jedoch nur als Zwischenlösung gedacht. Bald wurde Johannes Merkel dominierender Teilhaber und Inhaber der Textilfirma. Als Johannes Merkels Sohn Oskar das Unternehmen übernahm, ließ er sich 1872/73 eine prachtvolle Villa im Stil der Neurenaissance errichten, in der seit 1973 das Esslinger Kunstmuseum „Villa Merkel“ untergebracht ist.

Kessler widmete sich rasch seiner endgültigen Profession: Der Produktion von Sekt. Nach sorgfältiger Vorbereitung wie Versuchsreihen mit heimischen Weinen auf den väterlichen Gut Neuhof bei Heilbronn gründete er mit dem Oberjustizprokurator Heinrich August Georgii am 1. Juli 1826 unter dem Namen „G. C. Kessler & Cie“ die heute älteste Schaumweinfabrik in Deutschland. Die „Herstellung und der Verkauf mossierender Weine nach Champagnerart“ war mitnichten eine Imitierung französischer Erzeugnisse; Kessler schuf ein neues Produkt mit eigenem Profil. Der Erfolg war rasant. Wenn auch die Hälfte der ersten Tranche von 8.000 Flaschen zersprungen war, kletterte die Produktion rasch auf 54.000 im Jahr 1828. Das spätgotische Haus der ehemaligen Kelterei des Kaisheimer Pfleghofs, in der die Herstellung 1826 startete, war dem rapiden Wachstum nicht gewachsen. Ab 1832 wurden in Etappen riesige Gewölbekeller unter der 200 Meter entfernt liegenden Gebäudegruppe des Speyrer Pfleghofs als endgültiger Firmensitz erworben. Nach Ausweitung der Produktion konnten Handelsbeziehungen in alle Welt intensiviert werden.

Georg Christian Kessler, dessen 1826 getraute zweite Ehefrau und deren zwei Kinder nicht an der Fortsetzung des unternehmerischen Engagements interessiert waren, gab ab 1835 seine Firmenanteile krankheitsbedingt sukzessive an Carl Weiss-Chenaux ab. Georg Christian Kessler verstarb im Alter von 55 Jahren an den Folgen eines unheilbaren Rückenmarksleidens am 16. Dezember 1842 in Stuttgart. Nun folgte über sechs Generationen hinweg die Lenkung des Unternehmens durch die Inhaberfamilie Weiss. Ihre leitende Teilhaberschaft endete mit der Insolvenz im Jahr 2004. Ein neuer Gesellschafterkreis unter Führung des Esslinger Betriebswirtes Christopher Baur führte das Unternehmen aus der Krise. Im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung stieg Mitte 2013 die italienische Genossenschaftskellerei Cavit aus Trient als strategischer Partner bei der Kessler Sekt GmbH & Co. KG ein. Der bisherige Gesellschafterkreis um Geschäftsführer Christopher Baur hält künftig die Hälfte der Anteile am Unternehmen.

Beim Eintauchen in die Historie ist vor allem Treppensteigen angesagt. Über enge Stiegen führt der Weg ins regellose Gewölbelabyrinth. Ein 1746 gezeichneter, grafische Qualitäten entfaltender Kellerplan lässt zwölf unterschiedlich große Gewölbe aus dem 13. bis 16. Jahrhundert auf verschiedenen Ebenen erkennen. Konstant auf 13 Grad temperiert, bieten hier 2.000 Quadratmeter Platz für 70.000 kopfüber in Holzgestellen gelagerte Flaschen. Auf die Fermentation des Traubenmosts zu einem leichten, säurebetonten Sektgrundwein folgt eine bis zu sechswöchige Vergärung in der Flasche, der sich eine mindestens neunmonatige Reifephase auf der Hefe anschließt. In den Flaschen herrscht nach der Gärung ein Druck von bis zu 6 bar. Am Ende der Reifephase rüttelt und dreht der Kellermeister bei den auf klassische Weise erzeugten Sekten jede Flasche von Hand, damit sich die Hefe auf dem Korken sammelt und mit einem trickreichen Verfahren entfernt werden kann, ohne dass der Sekt die Flasche verlassen oder gefiltert werden muss.

In den Kellergewölben stechen besonders skurrile Pilzformationen an den Decken ins Auge. Der schwammige, fadenartig herabhängende „Cladosporium Cellare“ bewirkt klimatisch bestmögliche Bedingungen mittels Verbreitung einer überaus feinen Sauerstoffatmosphäre. Auf schmalen Steintreppen geht es wieder nach oben in automatisierte Produktionsstraßen. Große Maschinen besorgen unter kritischen Blicken von Arbeitern Verkorkung, Versiegelung, Etikettierung der Flaschen und fügen sie zu Paletten zusammen. Über eine Million Dreiviertelliterflaschen nebst Piccolos und Magnumgrößen verlassen pro Jahr die historischen Gemäuer.

Hier und da zieren historische Werbeplakate die Wände. Immer wieder verstand es der kunstsinnige Kessler-Chef Rudolf Weiss nach 1900, bekannte Zeichner für Werbemotive zu gewinnen. So gestaltete der bekannte Simplicissimus-Karikaturist Josef Benedikt Engl 1904 das Motiv zweier mit einem Sektkühler herbeieilender „Piccolos“, wie Kellner damals bezeichnet wurden. Auch der berühmte Zeichner Thomas Theodor Heine entwarf prägnante Sujets für Kessler. Immer wieder spielte er dabei auf aktuelle Situationen an, etwa auf die 1902 eingeführte Sektsteuer in der Gestalt von Ozeandampfern in Flaschenform. Allein 400 Künstler beteiligen an einem 1926 anlässlich des einhundertjährigen Firmenjubiläums veranstalteten Kunstwettbewerb. Die Werbekampagnen verfehlten ihre Wirkung nicht. Ab 1881 durfte Kessler als königlich württembergischer Hoflieferanten auftreten. Auf den Luftschiffen der Zeppelinflotte wurde Kessler ebenso ausgeschenkt wie in Dornier-Passagierflugzeugen. In der Nachkriegszeit kredenzte auf Betreiben von Kanzler Konrad Adenauer das Kanzleramt auf Staatsempfängen den Gästen der Bundesregierung Kessler-Sekt.

Das heimische Württemberg aber blieb aber bis heute Hauptabsatzgebiet. 30 Mitarbeiter bewerkstelligen pro Jahr die Produktion von über eine Million Flaschen des edlen Tropfen der Premiumklasse, das sich als exklusives Nischenprodukt versteht. Verkosten kann man es zum Abschluss des Rundgangs in einem der historischen Säle und Stuben in den Obergeschossen des Kessler-Karrees. Knarrende Balken und Türen begleiten den Weg durch ein Gewirr aus Fluren und Salons, in denen heute verwaltet und repräsentiert wird. Zu den kunsthistorisch bedeutsamen Sälen zählt das ehemalige Refektorium, das heutige Wappenzimmer. Den holzvertäfelten kleinen Saal aus dem Jahr 1616 akzentuiert mittig eine farbig gefasste gedrehte Holzsäule. Wenn das mittelständische Unternehmen auch künftig die regionale Verwurzelung nicht aus den Augen verliert und das Weite gleichzeitig im Blick behält, darf es um seine Zukunft nicht bange sein.

Die Firma Kessler bietet Führungen durch das historische Gemäuer für unterschiedliche Gruppengrößen an. Anmeldungen erbeten unter:

Kessler Sekt GmbH & Co. KG
Georg-Christian-von-Kessler-Platz 12-16
D-73728 Esslingen am Neckar

Telefon: +49 (0) 711 – 310 593 10
Telefax: +49 (0) 711 – 310 593 50

www.kessler-sekt.de



05.01.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert unter dem Speyrer Pfleghof
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Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert unter dem Speyrer Pfleghof
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Blick in das Wappenzimmer aus dem Jahr 1616
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Josef Benedikt Engl, Die Kessler-Piccolos, 1904
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Kellerplan der Gebäudegruppe von 1746
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Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert unter dem Speyrer Pfleghof

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Blick in das Wappenzimmer aus dem Jahr 1616

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Josef Benedikt Engl, Die Kessler-Piccolos, 1904

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Kellerplan der Gebäudegruppe von 1746

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