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In Wien widmen sich derzeit zwei Museen dem Maler und Menschen Lucian Freud. Damit hat der Enkel Sigmund Freuds erstmals einen großen Auftritt in der österreichischen Hauptstadt

Nackt und intim



Es gibt eine schöne Fotografie, die Lucian Freud bei der Arbeit darstellt. Sie zeigt den Maler in seinem Londoner Atelier. Hemd und Schal hat er ausgezogen und über die Lehne eines Stuhles gehängt. Mit entblößtem Oberkörper steht der Dreiundachtzigjährige mitten im Raum. Freuds rechte Hand hält eine Palette, während er mit den Fingern der Linken zwei Pinsel umfasst. Wände, Türrahmen, Stühle und Malschürze sind mit erdigen Flecken übersät, allesamt Arbeitsspuren vieler Jahre, die immer dann entstanden, wenn der Maler überschüssige Farbe vom Pinsel strich. Kein Tageslicht erhellt das Atelier. Es ist eine nächtliche Szene. Scheinwerferlicht wirft harte Schatten und pointiert die Wölbungen und Vertiefungen des nackten Oberkörpers.


Das Portrait stammt von David Dawson. Er war für viele Jahre Assistent und enger Freund von Lucian Freud und einer der wenigen, dem der Maler erlaubte, ihn bei der Arbeit zu fotografieren. Das Spannende an Dawsons Portrait ist, dass er genau mit den Elementen arbeitete, die für Lucian Freud in seiner Malerei selbst wesentlich waren: die intime Nähe und Vertrautheit zwischen Künstler und Modell, die fehlende Interaktion ihrer Blicke, die Präsenz des dargestellten Körpers und dessen vom Verfall stigmatisierte Fleischlichkeit.

Dawsons Portrait hängt derzeit im Sigmund Freud Museum in Wien in einer Ausstellung. „Lucian Freud: Privat. Fotografien von David Dawson“, ist der Titel der kleinen Schau, eine aufschlussreiche Inaugenscheinnahme, die Einblicke in die Atmosphäre des Ateliers von Lucian Freud gibt und mit intimen, persönlichen Blick die Umstände dokumentiert, unter denen die Arbeiten des Enkels von Sigmund Freud entstanden. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) Wien. Zeitgleich mit dem Sigmund Freud Museum wird dort bis Anfang 2014 eine Schau mit Gemälden von Lucian Freud präsentiert. Eine Ausstellung, die einen retrospektiven Überblick des Œuvres von Lucian Freud nun erstmals auch in Wien ermöglicht.

Über viele Jahre hatte Lucian Freud es immer wieder abgelehnt, eine Einladung zu einer Präsentation seiner Arbeiten in Wien anzunehmen, in einer Stadt, in der seine eigene Familie bis 1938 lebte, wo sie jedoch von den Nationalsozialisten enteignet und von wo sie vertrieben beziehungsweise deportiert wurde. Dass Lucian Freud seine Ablehnung aufgab und 2010 einer Präsentation in Wien zustimmte, ist vor allem dem britischen Kunsthistoriker und Kurator der Ausstellung, Jasper Sharp, zuzuschreiben. Der Adjunct Curator for Modern and Contemporary Art am KHM, der in diesem Jahr bereits den österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig kuratierte, kannte Lucian Freud bereits seit früher Jugend, da dieser und seine eigene Familie Nachbarn waren. Sharp ist es zu verdanken, dass sich nach den großen Freud-Ausstellungen, die 2010 im Centre Pompidou in Paris und 2012 in der National Portrait Gallery in London stattfanden, zahlreiche Museen, aber auch viele private Leihgeber für die Dauer der Wiener Schau von ihren Freud-Arbeiten getrennt haben.

Anders als die erwähnten Großausstellungen in Paris und London vertraut die Wiener Ausstellung auf eine überschaubare Auswahl von nur 43 Arbeiten, die in den Monaten vor Freuds Tod in Zusammenarbeit mit dem Künstler und David Dawson getroffen wurde. Dabei handelt es sich um Gemälde, die so kenntnisreich gewählt wurden, dass ein prägnanter Einblick in Freuds beinahe 70jährige Schaffenszeit ermöglicht wird: von dem frühen Selbstportrait „Man with a Feather“ aus dem Jahr 1943, das Freud im Alter von nur 21 Jahren malte, bis hin zu seinem letzten Gemälde „Portrait of the Hound“, einem Doppelportrait von David Dawson und dessen Whippet Eli, das unvollendet auf der Staffelei stand, als Lucian Freud am 21. Juli 2011 starb.

Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile, wobei zwei separate Galerien durch einen Zwischentrakt miteinander verbunden werden und jeweils Ausblicke in die angrenzenden Sammlungsbestände des Museums zulassen. Der erste große Raum bietet 30 Jahre Malerei von Lucian Freud auf einen Blick. Klassisch gehängt, fast chronologisch und dicht nebeneinander reihen sich hier zahlreiche Hauptwerke, die einmal mehr Freuds eigene Worte bestätigen, „alles hätte mit seiner Biografie zu tun“. Das frühe Portrait von Kitty Garman „Girl in a Dark Jacket“ aus dem Jahr 1947 ist ein schonungsloses, präzis beobachtetes und minutiös in Malerei übersetztes Bildnis seiner ersten Ehefrau. Das zweite Portrait von Kitty, „Girl with a white dog“ von 1950/51, steht bereits für eine wichtige Übergangsphase in der technischen und stilistischen Entwicklung von Lucian Freud, die Merkmale sowohl früherer als auch späterer Arbeiten vereint. Das Gemälde ist einer der ersten weiblichen Akte des Künstlers und das erste von vielen Bildern, die sich mit dem körperlichen und seelischen Verhältnis zwischen Mensch und Tier auseinandersetzen.

In den folgenden Jahren gewinnt die Farbe einen immer größeren Stellenwert. Im Selbstportrait „Reflection with two children“ aus dem Jahre 1965 arbeitet Freud mit einem auf dem Boden liegenden Spiegel, um nicht Gefahr zu laufen, das Bild seiner Person zu malen, wie er es geistig vor Augen hatte. Gebieterisch starrt der Maler in seltsamer Verkürzung der Proportionen auf seine Spiegelung herab, während Lucian Freuds kleine Kinder Ali und Rose frontal dargestellt sind und ihre Bildnisse über den Rand des Spiegels ragen. Freuds Interesse an experimentellen Kompositionen und sein innovativer und spielerischer Zugang zu den Inszenierungen seiner Gemälde zeigt sich in zahlreichen weiteren Gemälden, wie dem Selbstbildnis „Interior with a plant, Reflection, Listening“ von 1967/68 oder dem verstörenden Doppelbildnis „Large Interior, London W.9“, das Lucian Freud im Jahr 1973 von seiner Mutter Lucie und seiner damaligen Geliebten Lady Jacquetta Eliot malte.

Freuds Auseinandersetzung mit historischen Gemälden und Skulpturen war konstant und für die Entwicklung seines Werks zentral. Es war eine Beziehung, die in seiner Geburtstadt Berlin durch die gemeinsamen Besuche mit seiner Großmutter im Ägyptischen Museum und der Gemäldegalerie genährt worden war und sein ganzes Leben andauern sollte. Die Wiener Ausstellung verfolgt Freuds Verständnis für die Kunstgeschichte an einigen Beispielen: James Henry Breasteds Standartwerk der Geschichte Ägyptens beispielsweise, das der junge Lucian von seinem Großvater geschenkt bekommen hatte, avanciert in Freuds Malerei zum autonomen Bildthema. Für „Still Life with Book“ von 1991/92 saß das Buch Modell. Eine weitere Gelegenheit, sich mit Freuds Interesse an der Kunst der Vergangenheit zu beschäftigen, bietet dessen Bezugsnahme auf Jean-Baptiste Siméon Chardins Bildnis „Die junge Lehrerin“, ein Gemälde, zu dem Freud im Jahr 2000 auf Einladung der National Gallery im Rahmen der Ausstellung „Encounters: New Art from Old“ zwei Fassungen anfertigte. Die Ausstellung bietet den direkten Vergleich, um nachvollziehbar zu machen, wie sich Freuds Interesse an bestimmten Werken der Vergangenheit zu einem Dialog mit den eigenen Gemälden entwickelte.

Hatte Jasper Sharp im ersten Ausstellungssaal Freuds malerische Entwicklung wie ein kurzgefasstes Kompendium ausgebreitet, ausgehend vom sensiblen Frühwerk und seiner Weiterentwicklung von der hyperrealistischen, analytischen Präzision zu einer pastosen Malerei, die der Farbe einen immer größeren Stellenwert zugesteht, versammelt er im zweiten großen Raum vor allem die monumentalen Figurenbilder, die ab Anfang der 1980er Jahre entstanden. „Painter working, Reflection“ von 1993, ein bewegendes Selbstportrait des Siebzigjährigen, zeigt den alternden Maler, nackt mit Pinsel und Palette allein in seinem Atelier. Mit Arbeiten wie „Naked Man, Back View“ von 1991/92, „Nude with leg up (Leigh Bowery)“ von 1992 oder „And the bedroom“ von 1993 erreicht Lucian Freud schließlich jene Meisterschaft, die für ihn in der Durchdringung und Einheit von Malerei und Portrait, von Malerei und menschlichem Fleisch bestand. Fortan isoliert Freud die Körper im Raum, holt sie nah an den Betrachter heran und gibt sie in Aufsicht oder von hinten. Freud modelliert die Körper mittels pastoser, leuchtender Fleischfarbe in fein differenzierter Kolorierung und verleiht ihnen eine fast skulpturale Präsenz. Seine Aufmerksamkeit gilt der Anspannung der Muskeln und der Genitalien, akribisch schildert er die Weichheit, Verletzbarkeit und Erschlaffung des Fleisches.

Lucian Freud wollte den „Ausdruck allein in den Körper darunter hineinbringen“ und setzte dem Menschlichen in den meist monströsen Leibern ein erschütterndes Monument. „Was verlange ich von einem Bild?“, fragte Freud einmal, um gleich darauf zu antworten: „Ich will, dass es in Staunen versetzt, verstört, verführt, überzeugt“. In Wien hängen die Bilder des virtuosen Einzelgängers, dem der Erfolg viele Jahre versagt blieb, der konsequent und unbeirrt seinen Weg verfolgte und der zeitlebens zu zeitgenössisch war für die alten Museen und zu historisch für die der zeitgenössischen Kunst, nun ganz in der Nähe derer, die er immer bewunderte: Tizian, Velázquez, Rubens und Rembrandt – nah genug und doch in respektabler Entfernung. Genau so, wie es Lucian Freud sicher gefallen hätte.

Die Ausstellungen „Lucian Freud“ und „Lucian Freud: Privat. Fotografien von David Dawson“ sind bis zum 6. Januar 2014 zu sehen. Das Kunsthistorische Museum Wien hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 11 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der Katalog aus dem Prestel Verlag kostet 39,95 Euro.

Das Sigmund Freud Museum hat täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 8 Euro, 6,50 Euro beziehungsweise 4 Euro.

Sigmund Freud Museum
Berggasse 19
A-1090 Wien

Telefon: +43 (0)1 – 319 15 96
Telefax: +43 (0)1 – 317 02 79

Kontakt:

Kunsthistorisches Museum Wien

Maria-Theresien-Platz

AT-1010  Wien

Telefon:+43 (01) 525 24 0

Telefax:+43 (01) 525 24 503

E-Mail: info@khm.at



03.11.2013

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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