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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Das Museum Tinguely in Basel präsentiert erstmals seit 20 Jahren wieder einen Werküberblick des russischen Avantgardestars Wladimir Tatlin

Neue Zeiten, neue Kunst



Seltsam technoide Konstrukte beherrschen die große Ausstellungshalle des Baseler Museums Tinguely. Auf hohen kreisrunden Podesten stehen Balkenkonstruktionen und schrauben sich diagonal nach oben bis fast an die Decke. Generationen von Architekten, bildenden Künstlern und Schriftstellern ließen sich inspirieren vom 1919/20 erarbeiteten Projekt für ein „Denkmal der III. Internationale“. Nur wenige künstlerische Arbeiten besitzen einen derart legendären Status wie dieses wohl bekannteste Werk Wladimir Tatlins, das er in Zusammenhang mit Lenins Parteiprogramm erarbeitete. Die Idee zu diesem Turm, der mit 400 Metern höher als der Eiffelturm hätte werden sollen, spiegelt die ungeheure Euphorie in den ersten Jahren der russischen Revolution. Die himmelwärts strebende Bauskulptur entspricht dem Glauben an die Kraft zur Erschaffung einer neuen Welt. In den aufwärts verjüngten Drehungen einer Eisenspirale um eine parallel zur Erdachse gestellte, vertikale Zentrale fügen sich vier um die eigene Achse rotierende Innenkörper. Sie sollten den Sitz einer gerecht organisierten Regierung beherbergen und eine neue soziale Ordnung ausdrücken. Genau diese bewegten Raumkörper versinnbildlichen die Revolution.


Ausgeführt wurde Tatlins Staatsmetapher, dieses Symbol der neuen, schöpferischen Macht von agitatorischer, umwälzender Qualität allerdings nie. Bürgerkrieg, fehlende materielle Ressourcen sowie technische Grenzen verhinderten seinerzeit die Realisierung. Auch blieben keine der beiden von Tatlin erstellten Visionen des Turmmodells erhalten. Nur wenige Fotografien existieren von ihnen. Mittlerweile gibt es verschiedene Rekonstruktionsvarianten. Die Ausstellung im Baseler Museum Tinguely setzt zwei der profiliertesten Versionen in einen Dialog: Die in der Moskauer Tretjakow Galerie beheimatete von 1992/93, die der Urform am nächsten kommt, und jene aus dem Pariser Centre Pompidou von 1979, erkennbar am ungefärbten Holz.

Um diese Hauptexponate gruppieren sich in Basel nun 130 weitere Exponate Wladimir Tatlins. Die Konterreliefs und der Flug des „Letatlin“ setzen dabei die Hauptakzente. Doch begonnen hatte der Künstler mit der Malerei. Geboren im Dezember 1885 in Moskau, entstammte er dem linken Künstlermilieu. Tatlins Mutter arbeitete als Dichterin, der Vater war Ingenieur. Mit noch nicht einmal mal 14 Jahren startete er 1899 als Seemann ins Berufsleben. Bis 1915 musste er aus finanziellen Gründen zur See fahren, unterbrochen von Studienzeiten an Hochschulen in Moskau und Penza. Fußend auf russischer Ikonenmalerei und Volkskunst stand Tatlins frühe Malerei den Avantgardeströmungen des Westens, vor allem Pablo Picasso und Henri Matisse, nahe. Neben Ausstellungsbeteiligungen entwarf er insbesondere Bühnendekorationen für Theaterstücke. Bis 1913 war er ausschließlich Maler künstlerisch tätig.

Ein locker strukturiertes Selbstbildnis von 1911 mit einem Hang zur eigenen Mystifizierung stellt ihn in der Ausstellung als Matrosen vor. Auch weitere recht schwungvoll hingeworfene Sujets stellen Verbindungen zur Seefahrt her. Organische Formen, abgedunkelte Farben, flächig-dekorative, kurvige Formen mit prägnanten Umrisslinien verleihen den unverwechselbaren Bildern eine kraftvolle Dynamik, die er bis an die Grenze der Abstraktion führt. Doch dann reagiert Tatlin unmittelbar auf die Assemblagen Picassos und entwickelt von 1914 bis 1917 seine Konterreliefs. Die räumlich-plastischen Konstruktionen aus Holz, Metall, Glas, Asphalt und Seilen sind seine bahnbrechende Erfindung, mit der er die Grundlagen der Malerei aus den Angeln hebt und eine eigene Kunstgattung erschafft.

Mit diesen Mixed-Media-Installationen avanciert er zum revolutionären Künstler. Am Anfang steht das noch vor der Revolution 1914 geschaffene Eck-Konterrelief, dessen Entstehung vermutlich auf einen Besuch bei Pablo Picasso im gleichen Jahr zurückzuführen ist. Materialien, Volumina und Konstruktionen sprengen perspektivische Räume, selbst Licht wird zum Material. Sie werden zum Fundament für sein weiteres Schaffen. Leider ist nur wenig von den radikalen Beiträgen zur künstlerischen Moderne original erhalten, vieles wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte anhand von Fotografien rekonstruiert.

Zu neuen Höhepunkten bricht Wladimir Tatlin mit der visionären Flugskulptur „Letatlin“ auf. Mit dieser zwischen 1929 und 1932 entwickelten utopischen Flugmaschine beabsichtigt er, individuellen Träumen einer kollektiv normierten Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Sie ist das Ergebnis der Suche nach einer körperlich-kinetischen Dimension des Fliegens. Tatlin will das als menschliche Urerfahrung verstandene Fliegen, das im Zuge der Evolution verloren gegangen sei, für den modernen Bürger wiedererlangen. Die fragilen Synthesen aus Kunst, Technik und Utopie sind gekennzeichnet von Schwung und Gegenschwung, Linienkontinuität und Unterbrechung und entfalten so einen eigenen ästhetischen Reiz. Wie Skelette von Urvögeln präsentieren sich diese eleganten poetischen Mischformen in der Ausstellung. Auch hier sind zwei Rekonstruktionen ausgestellt, unter anderem eine von 1991 aus dem Zeppelin Museum Friedrichshafen. Das Original war leider als Leihgabe nicht zu gewinnen, dafür ist ein originaler, souverän geformter Flügellängsträger als autonome Arbeit zu sehen. Der „Holm für den Letatlin“ stammt aus der berühmten Sammlung Costakis in Thessaloniki.

Tatlins Beschäftigung mit dem Theater währt sein gesamtes Künstlerleben. Das 2005/06 auf der Grundlage von Fotografien rekonstruierte Konterrelief „Der fliegende Holländer“ aus dem Jahr 1916 stellt schon früh einen direkten Bezug zu seinen Bühnendekorationen her. Die Ausstellung schließt mit zahlreichen Bühnen- und Kostümentwürfen. Sie bestechen durch schnittige Formen und eine ausgeprägt signalartige Sprache. Starke Farben und rhythmisierte Muster sind darüber hinaus beherrschende Charakteristika. Am 31. Mai 1953 stirbt Wladimir Tatlin in Moskau.

Neben Kasimir Malewitsch gehört Tatlin zu den wegweisenden russischen Künstlern des frühen 20sten Jahrhunderts. Gerne arbeitet er im Kollektiv, ist ein Meister im Bereich von Interdisziplinarität und Synthese, im Zusammenführen von Materialien, Formen und wirkungsästhetischen Aspekten. Bis heute erweisen ihm bildende Künstler seine Referenz, man denke nur an die aus Leuchtstoffröhren mit fluoreszierend weißem Licht zusammengesetzten Lichtobjekte „Monumente für Tatlin“ von Dan Flavin aus dem Jahr 1964. Nach der Retrospektive in Düsseldorf und Baden-Baden 1993/94 zeigt nun verdienterweise das Tinguely Museum, wie aktuell sein Werkschaffen noch heute ist.

Die Ausstellung „Tatlin. Neue Kunst für eine Neue Welt“ ist noch bis zum 14. Oktober zu besichtigen. Das Museum Tinguely hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Franken, ermäßigt 10 Franken. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Museumskasse 52 Franken kostet.

Kontakt:

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 1

CH-4058 Basel

Telefax:+41 (061) 68 19 321

Telefon:+41 (061) 68 19 320



20.09.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


06.06.2012, Vladimir Tatlin - neue Kunst für eine neue Welt

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Wladimir-Ewgrafowitsch Tatlin










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