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Die Manfista 9 in Belgien

Wo bitte geht’s nach Genk?



Die ehemalige Zeche Waterschei in Genk

Die ehemalige Zeche Waterschei in Genk

Die Provinz Limburg in Belgien beginnt gleich hinter den Niederlanden, wenn man von Aachen aus mit dem Auto kommt. Genk oder war’s Gent? Unterschiedlicher geht’s nicht, auch wenn hier nur ein Buchstabe für Verwirrung sorgt. Von 2.000 auf 65.000 Einwohnern wuchs Genk in nur 67 Jahren vor allem wegen der zu Beginn des 20sten Jahrhunderts entdeckten Kohlevorkommen, der Automobilindustrie und der Stahlproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg an und das alles höchst multikulturell: Polen, Italiener, Griechen, Türken und Marokkaner wohnen und leben hier. Das macht das Bild dieser nichtssagenden Stadt mit ihrer erneuerten Architektur schön bunt. Obwohl Genk zu den größeren Städten Belgiens zählt, ist sie im Bewusstsein der Kunstreisenden noch nicht verankert.


Diese Tatsache kam den Kuratoren der Manifesta 9 sehr entgegen. Genk sollte sich in kürzester Zeit nicht wiedererkennen. Es ist und war die abwechslungsreiche Geschichte der Industrialisierung der Provinz Limburg, die die Kuratoren neugierig machte. 1906 entdeckt man in Genk das schwarze Gold. Kohle, wohin das Auge sah, und dann noch die unglaubliche Nähe zum deutschen Ruhrgebiet. Rasch wurde um die erste Grube eine Trabantenstadt mit kleinen Häuschen inklusive Gärten gebaut.

Für die neue Waterschei-Mine entstand ein überaus imposantes Verwaltungsgebäude im Stil des Art Déco, das sogar einen Ballsaal beherbergt. Gebaut wurde dieses Haus, das eher an ein Schlösschen erinnert, 1924 nach Entwürfen von Gaston Vautquenne. Bis auf einige wenige Räume, wie den Ballsaal und das gewaltige Büro des Direktors mit seiner Holzvertäfelung, wurde das Gebäude nach seiner Schließung entkernt, wurden fast alle Wände entfernt und so 24.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche gewonnen. Eine kleine Gruppe ehemaliger Bergleute unterhält hier in einer Ecke ein Bergbaumuseum mit Kneipe. Beides wurde erfolgreich in die Ausstellung integriert. Wim Dries, jung und clever, macht als Bürgermeister eine hervorragende Figur, gibt sich smart und gewandt in Fremdsprachen. Er hat begonnen, was über all die Jahre nur mühselig vorwärts ging: die Viertel von Genk um ein immer noch schwer zu definierendes Zentrum zu einer Stadt zusammenwachen zu lassen mit Designhotel, Stadtbibliothek in auffallender Architektur und begrünten Wohnhäuschen.

Nun kam also noch die Manifesta dazu, die kleine auf Europa konzentrierte Schwester der Biennale von Venedig oder gar der Documenta in Kassel. 15 Jahre gibt es sie schon, und alle zwei Jahre fragt man sich, ob sie bereits ins Bewusstsein der Menschen geschlüpft ist. Jedenfalls waren die bisherigen Austragungsorte mal spektakulär, mal weniger oder gar exotischer, Rotterdam oder Luxemburg oder aber das Gefängnis von Murcía in Spanien.

Doch warum gerade Genk? Die drei Kuratoren, der Mexikaner Cuauhtémoc Medina, die in Belgien lebende Griechin Katerina Gregos und die britische Kunsthistorikerin Dawn Ades, nahmen in ihrer Planung diesen Ort exemplarisch für den Versuch, einen Dialog zwischen gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und sozialem Wandel zu schaffen. Drei Kunsthistoriker auf dem Weg zu „The Deep in the Modern“ hatten sich gewappnet, der Bedeutungslosigkeit des einstigen Wertstoffes Kohle entgegenzutreten und der Wirtschaftskrise zu zeigen, dass es auch anders hätte gehen können und die Perspektive für eine blühende Zukunft genauso schwarz zu sehen ist wie damals, als man 1987 die Kohleförderung in Genk einstellte. So wurden drei Themenbereiche für die Manifesta entwickelt: Die „Poetics of Restructuring“ zeigt Kunst von 41 zeitgenössischen Künstlern, „Age of coal“ präsentiert alles zum Thema Kohle in historischem Gewand, und in „17 Tons“ werden unter anderem Dokumente zu einem Streik gezeigt, bei dem zwei Kumpels umkamen – Zeitgenössisches und Kunsthistorisches im Kontext.

Was, so fragt man sich allerdings, machen Blattschneideameisen im Büro des einstigen Zechendirektors und welchen Bezug haben sie zur Kohle? Der in Köln lebende Ecuadorianer Kuai Shen hat sich nach eigenen Angaben in die Königin der Blattschneideameisen verguckt und sich gedacht, dass es mit dem selbstgezogenen Königsstaat in einem Königsstaat doch gelingen müsste, die aufgelassenen Räume mit quirligem Leben zu füllen. Seine Apparaturen aus Glas erinnern an frühe Versuchsanordnungen aus Tagen des eigenen Chemieunterrichts. Fleißig bewegen sich darin die kleinen Krabbeltiere und zeigen, was man zustande bringen kann, wenn man nicht gegeneinander sondern füreinander arbeitet, eben Symbiosen eingeht. Die Ameisen füttern alle gemeinsam einen Pilz, dieser wiederum ernährt die Ameisen. Kuai Shen hat so ein europäisches Modell vor Augen, um die Wirtschaftskrise zu meistern.

Ähnliche Gedanken bewogen Ni Haifeng aus China, der mittlerweile in Amsterdam lebt und arbeitet. Seine „Para-Production“ ist das wohl monumentalste Werk in dieser Kunstschau. Er häufte einige Tonnen zerschlissener Stoffe in die Mitte eines großen Geschosses und befestigte am Oberlicht ein aus vielen Stofffetzen zusammengenähtes Flickenwerk. Am Rand stehen Tische mit einheitlichen Singer-Nähmaschinen. Die Brisanz dieser der Patchworkarbeit liegt darin begründet, dass die Textilien aus einem chinesischen Ausbeutungsbetrieb stammen.

Ante Timmermans stammt aus Ostflandern und lebt in Gent und in Zürich. Er arbeitet in seiner Installation und Teilperformance den Verwaltungsalltag der Mine auf. Auch hier steht Routine im Vordergrund, selbst wenn diese einen Menschen scheinbar körperlich nicht so fordert. Doch auch die Monotonie der sich immer wiederholenden Handlungen ist ein Spiel mit Systemen, die das Absurde der alltäglichen Arbeit vor Augen führt. Wenn Timmermans dabei ist, weiße Papierbögen zu lochen, und aus dem Fenster der Minenverwaltung schaut, sieht er auf einen grün bewachsenen Hügel. Dieser Hügel ist alles, was vom Kohleabbau übrigblieb. Ein Hügel, der so gar nicht in diese flache Landschaft passen will. Die ausgestanzten Papierkonfetti aus dem Locher sammelt er und baut daraus den Hügel vor dem Fenster nach. Weit romantischer, weit filigraner in schlichtem Weiß.

Wie jedes Großereignis hat auch die Manifesta 9 in Genk eine musikalische Umrahmung, die jeder Besucher selbst in Bewegung setzen kann. Eine kurbelbetriebene Miniorgel lässt bei ausreichender Drehgeschwindigkeit die Internationale über viele Verstärker durch die Fabriketagen hallen. Der Aufruf an die Arbeiterbewegungen dieser Welt ist noch nicht verklungen. Aber wer weiß schon, dass die Melodie des Liedes 1888 von einem Belgier namens Pierre Degeyter komponiert wurde? Für Hedwig Fijen, die Direktorin der Manifesta, ein klares Statement des Künstlers Nemanja Cvijanovic aus Kroatien.

Viel ist zu sehen auf der Manifesta, nicht nur, dass man an Bernd und Hilla Bechers stillen Aufnahmen von Zechentürmen vorbeiflaniert oder nachdenklich auf Christian Boltanskis Memory-Tafeln schaut oder unter Marcel Duchamps nachgebauter Kohlensäckeinstallation von eigentlich 1938 wandelt. Richard Longs Kohleband imponiert in diesem Umfeld mehr als sonst irgendwo, und eine Ansammlung türkischer Gebetsteppiche erinnert dezent daran, wie viele Menschen weltweit angeworben wurden, den Reichtum aus Genk zu fördern.

Der Untertitel dieser Manifesta 9 lautet: „Die Ästhetik der Kohle und die Poesie der Restrukturierung“. Darunter subsumieren sich ein Blick zurück in die Vergangenheit und ein visionärer Blick in die Zukunft. Dies alles wird vorgetragen auf 24.000 heruntergekommenen und zudem noch unebenen Quadratmetern über drei Etagen und diffusen Lichtverhältnissen. Dafür gibt’s nur ein Wort: Respekt.

Die Manifesta 9 ist bis zum 30. September in Genk zu sehen und hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, freitags zusätzlich bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 6 Euro, für Kinder bis 12 Jahren ist er kostenlos.

Manifesta 9
Koolmijn van Waterschei-Genk
André Dumontlaan
BE-3600 Genk

www.manifesta9.org



27.08.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Marianne Hoffmann

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Im Innern der Zeche Waterschei

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