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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Mit nur 30 Jahren starb der Fotokünstler Mark Morrisroe an Aids. Sein intensives und zum Teil verstörendes Werk, das auf dem Grad zwischen Dokumentation und Selbstbetrachtung balanciert, ist derzeit in der Villa Stuck in München zu sehen

Die Fragilität der Subkultur



Dem amerikanischen Fotografen Mark Morrisroe war nur ein einziges Jahrzehnt gegeben, seinen Weg als Künstler zu bestreiten. Es war das Jahrzehnt der Underground-Szene, der diversesten Coming Outs, des Punk und der Drag-Queens. Kurz: er waren die 1980er Jahre. Der damalige Kunststudent in Boston war Teil dieser Szene. Wie besessen hat er alles fotografiert: Die aufgeputzten Männer in den schäbigen Bars, die androgynen Mädels, die sich gegen jedes Klischee von Weiblichkeit aufbäumten. Ohne Scham und mit provokantem Verweis auf seine Sexualität auch sich selbst auf zerknüllten Bettlaken, und die Freunde am Morgen nach der Party in ihren trostlosen Wohnungen. Manches erinnert an Nan Goldin, die wie er für die Bostoner Schule steht und mit der er zudem befreundet war.


Doch Mark Morrisroe hat die Szene nicht mit der selben Schärfe seziert wie Goldin, sein Blick fängt auch die weichere Seite der Subkultur ein, in die sich Selbstzweifel und Unsicherheit mischen. Wenn Nan Goldin als die Protokollantin der Selbstzerstörung in die Geschichte eingeht, dann ist Morrisroe der Chronist der Fragilität der Subkultur. Wie mit einer wackeligen Handkamera aufgenommen wirken seinen Fotografien. Ungeschönt und von ungekünstelter Ästhetik, die das damalige Lebensgefühl zwischen zügellosem Lebenshunger, homosexuellem Selbstbekenntnis und Fatalismus zum Ausdruck bringt.

In manchem ähnelt der künstlerische Werdegang auch dem eines Robert Mapplethorpe, nicht nur, dass beide Fotokünstler im Jahr 1989 gestorben sind. Mark Morrisroe verdiente sich eine zeitlang als Stricher sein Geld, war fasziniert von schmuddeligen Schwulenmagazinen und verarbeitete einzelne Motive wie auch Mapplethorpe zu Collagen. Und letztlich hatte auch Morrisroe einen starken Hang zum Selbstporträt, weniger allerdings zur Selbstinszenierung. All die Polaroids, die den jungen Mann in der Dusche stehend zeigen, die seine Betrachtungen des eigenen Körpers und seines Geschlechts und letztlich auch den von Aids ausgezehrten Körper fokussieren, der sich wie ein Embryo zusammengerollt und voller Skeptizismus schräg von oben beleuchtet wird, all das sind Kapitel einer Selbstreflektion und Identitätssuche, die das Resultat nicht vorwegnimmt. Hier wie auch in den Porträts der Freunde und Wegbegleiter, darunter immer wieder Pat Hearn, die später in New York seine Galeristin werden soll, sind es die Unvoreingenommenheit und das Privat-Intime, die diesen Bildern eine fast ergreifende Authentizität verleihen.

Den großen Durchbruch hat Mark Morrisroe zu Lebzeiten nicht mehr geschafft. Er gehört zu jener verlorenen Generation der Aids-Opfer. Sein umfangreicher fotografischer Nachlass aber, der heute in Besitz der Ringier-Stiftung in der Schweiz ist und derzeit zum ersten Mal in Deutschland als großen Retrospektive in der München Villa Stuck zu sehen ist, verrät ein ungestümes künstlerisches Talent, das sich ausprobierte, experimentierte und ein gewaltiges kreatives Potential besaß. Im Gummidruck- und nicht im Siebdruckverfahren hat er wie ein „Warhol der Subkultur“ bereits existierende bizarre, skurrile oder ganz banale Fotos, etwa von Hunden oder einer in einen Sessel gequetschten Frauen, farblich verfremdet, überlagert und collagiert und entweder in grellen Farben oder in einer ausgelaugten Tonigkeit vervielfältigt. Große Polaroids mit Porträts von Freunden hat er übermalt, die Ränder beschriftet und mit Zeichen versehen, und auf diese Weise die Grenzen der Fotografie schon längst überschritten. Anders als in den Porträts und Milieustudien ging es ihm hier nicht mehr um das genaue, deutliche Abbild, sondern um die Visualisierung von etwas Unaussprechlichem, das zu erkennen, die größte Tiefenschärfe nicht zuließe.

Morrisroe hat mit der sogenannten Sandwich-Technik experimentiert. Farbdias wurden in Schwarz-Weiß-Negative umgewandelt und das Papier durch die übereinandergelegten Negative hindurch belichtet. Seine beiläufig aufgenommenen Stadtlandschaften, die Szenerien seiner Punk-Ausschweifungen und die Faszination für männliche Körper, die in seinem ganzen Werk nicht zu übersehen ist, entziehen sich nun des dokumentarischen Charakters, bekommen gar pittoreske Züge. Grobkörnigkeit, Unschärfe, verbräunte Tonung und zum Teil sich auflösende Konturen werden zu Mitteln einer scheinbar entrückten Sicht auf die Realität. Bis zum Schluss war Mark Morrisroe auf der Suche nach dem äquivalenten künstlerischen Ausdruck für das, was man Lebensgefühl nennt. Noch im Krankenhaus hat er Röntgenaufnahmen seiner zerfressenen Luge, Fotos seiner ausgetretenen Schuhe, Zettel und Krankenakten zu Piktogrammen verarbeitet, die in ihrer milchig-poppigen Farbigkeit und ihrer surrealen Komposition wie der psychedelische Seufzer eines Unermüdlichen wirken.

Die Ausstellung „Mark Morrisroe“, die in Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur entstand, ist noch bis zum 28. Mai zu sehen. Das Museum Villa Stuck hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. Der in Englisch und Deutsch herausgegebene, 512seitige Katalog mit zahlreichen Beiträgen der Kuratoren und einem umfangreichen Abbildungsteil ist im bei JRP Ringier erschienen und kostet 45 Euro.

Kontakt:

Museum Villa Stuck

Prinzregentenstraße 60

DE-81675 München

Telefon:+49 (089) 455 55 10

Telefon:+49 (089) 45 55 51 25

Telefax:+49 (089) 45 55 51 24



08.05.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sabine Spindler

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Veranstaltung vom:


01.03.2012, Mark Morrisroe

Bei:


Museum Villa Stuck

Künstler:

Mark Morrisroe










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