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Das Von der Heydt-Museum Wuppertal zeigt Meisterwerke der Avantgarde. Sie alle präsentierte Herwarth Walden in seiner Berliner Galerie „Der Sturm“, die er vor genau 100 Jahren eröffnete

Farbensprühende Brüllaffen in der Gemäldegalerie eines Irrenhauses



Franz Marc, Stallungen, 1913

Franz Marc, Stallungen, 1913

Die hell leuchtenden, voller Klarheit erstrahlenden Farben lassen keinen Betrachter unberührt. Franz Marc frischte damit seine „Stallungen“ im Jahr 1913 auf. Aber nicht nur sie und das längsrechteckige Format des nahezu zwei Meter breiten Ölgemäldes stechen ins Auge. Deutlich abgemildert zeigt sich Marcs schwungvolle Harmonie aus Natur- und Tiersujets der Vorjahre. Vertikale Streifen und Linien, durchbrochen von gezackten Aufwallungen zergliedern facettenreich die Fläche, wodurch sich die Wirkung der Kolorierung noch steigert. Die in Boxen eingestellten Pferde sind eher zu erahnen als zu erkennen. Der Prozess zur Abstraktion ist voll im Gang. Weit gediehen ist er auch in zeitgleichen Gemälden Robert Delaunays. „Drei Fenster, der Turm und das Rad“ betitelte der Pariser die Ansicht seiner Heimatstadt, die sich infolge extremer prismatischer Durchdringung von Formen und Farben fast nur mit Hilfe des Titels orten lässt.


Die beiden bedeutenden, normalerweise in New Yorker Museen beheimateten Meisterstücke gehören zu den Glanzpunkten eines starken Auftritts der Avantgarde im Von der Heydt-Museums. In Wuppertal sind derzeit Expressionismus, Futurismus, Dadaismus, Varianten des Kubismus und der Rayonismus zu Hause. Die Entwicklung der Kunst von 1901 bis 1932 wird anhand von rund 200 Exponaten, vornehmlich Gemälden, aber auch Arbeiten auf Papier und Plastiken, von 75 Künstlern in einer aufschlussreichen Schau vorgestellt. Fast sämtliche Stücke eint ein Aspekt: 90 Prozent waren nachweislich auf Ausstellungen der legendären Berliner Galerie „Der Sturm“ zu sehen. In langer, intensiver Recherchearbeit hat ein Team von Wissenschaftlern der Düsseldorfer Universität die Geschichte der Galerie und die Vita ihres umtriebigen Managers Herwarth Walden erforscht. Nun ergibt sich die einmalige Chance, den damals durch die deutsche Hauptstadt fegenden künstlerischen „Sturm“ im von der Heydt-Museum nachzuvollziehen.

Herwarth Walden kommt am 16. September 1878 als Georg Lewin in der Mark Brandenburg zur Welt. Schon drei Jahre später zieht die aus Russland eingewanderte jüdische Arztfamilie weiter nach Berlin. Nach dem Besuch des Gymnasiums widmet sich der religionslos aufgewachsene Georg dem Studium der Musik. Der hervorragende Pianist komponiert, gibt Konzerte, unterrichtet. Er verkehrt in lebensreformerischen Kreisen, gründet einen „Verein für Kunst“. 1901 legt er sich den Künstler- und Passnamen Herwarth Walden zu, fußend auf dem 1854 erschienenen Tagebuchroman „Walden; or, Life in the Woods“ von Henry David Thoreau. Zwei Jahre später ehelicht er die in Wuppertal-Elberfeld gebürtige, zehn Jahre ältere Else Lasker-Schüler, eine expressionistische Zeichnerin und Dichterin.

Nach diversen Engagements als Schriftleiter und Redakteur gründet Walden dann mit dem Heft „Der Sturm“ eine eigene Zeitschrift, dessen erste Ausgabe am 3. März 1910 erscheint. Hier bespricht er Ausstellungen, kämpft für Erneuerung der künstlerischen Ästhetik. Der Mitarbeiter und Wiener Rebell Oskar Kokoschka steuert Grafiken bei. Zugleich verfolgt Walden den Plan, Kunstausstellungen zu veranstalten. In einer zum Abbruch bestimmten Gilka-Villa an der Berliner Tiergartenstraße 34a eröffnet er vor genau 100 Jahren, am 12. März 1912, die erste Ausstellung mit Werken des Blauen Reiters, Oskar Kokoschkas, weiteren Expressionisten und des Bildhauers Franz Flaum. Das Gründungsereignis der Galerie „Der Sturm“ war ursprünglich als Jubiläumsschau anlässlich der einhundertsten Ausgabe des namensgleichen Blattes mit den in ihr vertretenen Künstlern gedacht. Doch schon im April und Mai 1912 folgt eine Ausstellung italienischer Futuristen.

Herwarth Walden agiert in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht als gewöhnlicher Galerist. Er ist ein dynamischer Kulturkämpfer mit Charisma und Gleichgesinnter der Künstler, der gegen Zwänge der wilhelminischen Ära und akademischen Erstarrung des Kunstbetriebes auftritt. Bis nach Japan und in die USA reicht die globale Vernetzung der Aktivitäten. Mit der radikal-modern ausgerichteten Pogrammatik des „Sturm“ besitzt die Avantgarde in der pulsierenden Kunststadt Berlin über Jahrzehnte eine weit ausstrahlende Plattform. Im März 1932 erscheint dann die letzte Nummer seiner Zeitschrift, des theoretischen Überbaus aller Aktivitäten Waldens. Auch die Ausstellungsserie endet nach 142 Präsentationen. Wirtschaftlich bedingt, ist Walden in den 1920er Jahren für sowjetische Institutionen aktiv und schließt sich der Kommunistischen Partei Deutschlands an. Mit seiner vierten Frau, der Übersetzerin Ellen Bork, übersiedelt Walden im Juni 1932 nach Moskau, wo er im Hotel Metropol Quartier bezieht. Er arbeitet als Fremdsprachenlehrer und Publizist. Im März 1941 wird er Opfer des stalinistischen Terrors und unter dem Vorwand der Spionage verhaftet. Am 31. Oktober 1941 verstirbt der nach Saratow an der Wolga Deportierte ebendort.

Die Wuppertaler Schau stellt diesen Beginn der modernen Kunstbewegungen vor. Gegliedert in 20 Abschnitte, lässt sie einzelne Etappen und Facetten in ihrer Vielfalt und Breite wieder aufleben. Aus Waldens erster Ausstellung gibt es ein Wiedersehen mit Bildern von Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke und Oskar Kokoschka. Seine zur Seelenschau neigende, zwischen Zeichnung und Malerei oszillierende Kunst eignet sich vortrefflich für ein Porträt von Herwarth Walden, das den Galeristen einleitend in unruhig vibrierendem Habitus vorstellt. Kurz darauf sorgt eine von einem Katalog begleitete Schau italienischer Futuristen für Furore, aus der nun Werke von Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Gino Serverini in Wuppertal wieder präsent sind.

Dass Herwarth Walden die Bedeutung Wassily Kandinskys richtig erkennt, belegt die ihm nachfolgend gewährte Einzelausstellung. Arbeiten von anfänglich impressionistisch beeinflussten, märchenhaften Motiven über die Ablösung vom Gegenstand bis hin zu abstrakten Kompositionen aus Waldens ehemaliger Schau sind nun wieder zu sehen. Immer wieder tauchen Bilder von Oskar Kokoschka auf, einer der zentralen Gestalten der Bewegung, der neben Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Hermann Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee und Lyonel Feininger auch Zeichnungen für die Zeitschrift beisteuert, von denen eine Auswahl in einem grafischen Kabinett vereint ist. Die Schrift „Der Sturm“ ist seinerzeit zudem ein wichtiges Forum für die Schwarz-Weiß-Kunst der Druckgrafik.

Zu den Höhepunkten in der Geschichte des „Sturms“ zählt die Ausrichtung des legendären „Ersten Deutschen Herbstsalons“ vom 20. September bis 1. Dezember 1913. Finanziell ist der Herbstsalon für Walden zwar ein Desaster, künstlerisch aber ein einzigartiges Unternehmen kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dessen erregende Atmosphäre kann der Besucher in einem geballten Auftritt der internationalen Avantgarde nachvollziehen. Besonders hervorzuheben in dieser einmaligen Bündelung innovativer Kräfte kurz vor Kriegsbeginn ist eine Werkgruppe Robert Delaunays. Ihm gilt bereits im Frühjahr 1913 eine Einzelschau im „Sturm“. Seine lichterfüllten Farbmalereien berauschen noch immer mit ihren Simultanbewegungen und -kontrasten in ausgesuchten Farbklängen. Im Verlauf des Ausstellungsrundgangs wird deutlich, wie sehr Delaunay Klee, Feininger oder Marc beeinflusst.

Für die Vielfalt der künstlerischen Strömungen jener Jahre stehen in Wuppertal unter anderem 22 Werke von Henri Rousseau, die eine singuläre Vorstellung primitiver Ursprünglichkeit verkörpern, oder Feiningers extravagant kristalline Kompositionen. Neben Gabriele Münter, Heinrich Campendonk, Alexej von Jawlensky, Alexander Archipenko rückt immer wieder Marc Chagall in den Fokus, der sich durch ein Festhalten an Sujets aus seiner russischen Heimat sowie ein besonders poetisches Gefühl für die Ausdruckskraft der Farbe von seinen Kollegen abhebt. Im Juni und Juli 1914 veranstaltet Walden die erste große Gesamtschau mit Chagalls Werken. 1914 erhält auch August Macke eine Einzelausstellung im „Sturm“, aus der fünf Arbeiten den Weg nach Wuppertal gefunden haben.

Trotz der Schwierigkeiten betreibt Walden seine Galerie während des Krieges weiter und bleibt neuen Tendenzen auf der Spur. 1916 ist Johannes Itten mit seiner ersten Einzelpräsentation zu Gast, in der er Rhythmen und Formen als geistig-emotionale Vorgänge akzentuiert. Die Pariser Kubisten Jean Metzinger und Albert Gleizes, Prager Kubisten bis hin zu Archipenko mit seinen Anregungen aus Kubismus und archaischen Traditionen vermittelt Walden ebenso wie Haltungen der Dada-Bewegung. 1919 präsentiert Kurt Schwitters erstmals seine ironisch-ästhetische Merz-Kunst aus Material- und Stempelcollagen im „Sturm“.

Zwischen 1919 und 1921 gibt es eine Zäsur. Dem Expressionismus hängt ein Ruf nach dezidiert deutscher Kunst nach. Neue Strömungen besetzen das Feld. Bilder von Willi Baumeister, Walter Dexel oder mit dem Suprematismus in Beziehung zu setzende Gemälde und Holzreliefs von Erich Buchholz leiten zur Ungegenständlichkeit über. In den 1920er Jahre ist „Der Sturm“ eine internationale Anlaufstelle für Vertreter osteuropäischer Künstler vor dem Hintergrund kräftiger Migrationswellen. Für Wirbel sorgt 1921 eine spektakuläre Ausstellung des russischen Suprematisten Iwan Puni, die von Umzügen mit kubistisch gestalteten Kostümen begleitet wird.

Russische Konstruktivisten, László Moholy-Nagy, der 1920 nach Berlin kommt, oder sein ungarischer Landsmann Lajos d’Ébneth mit abstrakten Kompositionen aus schwebenden Balken, die einer die Schwerkraft überwindenden Dynamik folgen, bereichern die Schau in Wuppertal. Doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten vergrößern sich mehr und mehr. Wahrscheinlich bestreitet Carl Buchheister im Jahr 1929 die letzte Ausstellung im „Sturm“. Kurz vor Waldens Emigration nach Moskau porträtiert ihn Edmund Kesting. Das eindrucksvolle, von Verschlossenheit erschütternde Porträt dieser für die Kunstgeschichte so bedeutenden Person schließt den Kreis.

Ohne den Talentscout Herwarth Walden würden heute wohl viele Sammlungen der großen Museen in Berlin, Bern, New York, Paris, Washington und anderswo weitaus anders aussehen, so wird zumindest in den Fachbeiträgen des die Wuppertaler Schau begleitenden Kataloges gemutmaßt. Denn viele Meisterwerke der Museen hingen zuerst im „Sturm“. Der exzellent vernetzte Walden verstand es, im komplexen Beziehungsgeflecht der Kunstszene die interessantesten Künstler herauszufiltern. Viel Kritik musste Walden ertragen: „Farbensprühende Brüllaffen“ und „Gemäldegalerie eines Irrenhauses“ gifteten beispielsweise einige Medien. Trotz seiner Qualitätskriterien verschwanden auch einige seiner Künstler in der Versenkung. So enthält die Wuppertaler Ausstellung auch Exponate weitaus weniger bekannter Maler.

Walden war bei allem Gespür kein Museumsmann, sonder zuerst Geschäftsmann. Lässt man im Nachhinein die Wuppertaler Auswahl im Geiste Revue passieren, geben sich Waldens Vorlieben zu erkennen, so beispielsweise für extrem glühende Farben und russische Künstler. Seine individuelle Bild- und Künstlerauswahl bleibt bedeutsam. Die Aufarbeitung der Galerie- und Ausstellungsgeschichte vom „Sturm“ und damit ihr Herausholen aus dem opaken Licht der Kunstgeschichte ist neben dem Vergnügen sinnlichen Erlebens der Ertrag dieser Ausstellung.

Die Ausstellung „Der Sturm. Zentrum der Avantgarde“ ist noch bis zum 10. Juni zu sehen. Das Von der Heydt-Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags bis 20 Uhr, samstags und sonntags ab 10 Uhr. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Zur Ausstellung sind ein umfangreicher Katalog sowie ein Aufsatzband erschienen. Die zwei Bände kosten einzeln 25 Euro, zusammen 40 Euro.

Kontakt:

Von der Heydt-Museum

Turmhof 8

DE-42103 Wuppertal

Telefon:+49 (0202) 56 36 23 1

Telefax:+49 (0202) 56 38 09 1

E-Mail: von-der-heydt-museum@stadt.wuppertal.de

www.sturm-ausstellung.de



24.04.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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