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Das Würzburger Museum im Kulturspeicher stellt die Verbindung von Studien zu ausgeführten Gemälden bei Camille Graeser vor

Vom mühsamen Finden der Form



Der ältere Herr am Zeichenbrett sieht genauso akkurat und aufgeräumt aus wie seine Kunst. Die Fliege um den Hals ist sorgfältig gebunden, die schon etwas lichten weißen Haare sind sauber nach hinten gekämmt. Das Foto, welches Emmy Rauch 1955 von ihrem Mann Camille Graeser schoss, verrät viel über den großen Zürcher Konkreten. In der rechten Hand hält er den Stift, mit dem er gerade an einer kleinen Skizze arbeitet. Auf dem Tisch liegt nichts Überflüssiges, nur das Brett und einige Zeichnungen. Die von den Brillengläsern eulenhaft vergrößerten Augen sehen aufmerksam und ernst in die Kameralinse. Der konzentrierte Blick des Künstlers mustert und analysiert. Und analytisch sind auch seine Werke, immer durchdacht und berechnet, ganz den Prinzipien der Konkreten Kunst unterworfen. Gleichzeitig aber sind sie von großer Frische und Farbkraft, manchmal haben sie sogar etwas Verspieltes – ganz so wie die gestreifte Fliege, die der Maler auf dem Foto zur sportlichen Jacke kombiniert.


Dank der umfangreichen Sammlung Peter C. Ruppert im Würzburger Kulturspeicher bildet die Konkrete Kunst einen Schwerpunkt des Museums. Auch zwei Werke Camille Graesers gehören zum festen Bestand des Hauses. Die aktuelle Sonderausstellung „Camille Graeser. Vom Entwurf zum Bild“ legt den Fokus nun aber nicht nur auf die fertigen Bilder, sondern vor allem auf die Entwurfszeichnungen und Skizzen, die der Maler in großer Menge angefertigt hat. Seinem vergleichsweise kleinen malerischen Œuvre von insgesamt 324 Gemälden steht die enorme Zahl von etwa 4.500 Skizzen und Zeichnungen gegenüber. Sie sind ein beredtes Zeugnis für den mühsamen Findungsprozess der künstlerischen Form und die Entstehung des Kunstwerks. Auf einmal tritt der Künstler Camille Graeser hinter den analytischen Konstruktionen der konkreten Bildelemente hervor, und sein analytisches Vorgehen erscheint nachvollziehbarer. Der Vergleich der Entwurfskizzen mit den ausgeführten Bildern erlaubt einen tiefen Einblick in die Werkstatt Graesers und seine Arbeitsweise, die immer ein Ringen mit der richtigen Form zu sein scheint.

Camille Graeser ist neben Max Bill oder Richard Paul Lohse ein Hauptvertreter der Zürcher Schule der Konkreten. In seiner Schau begibt sich der Würzburger Kulturspeicher auf die Spuren dieses recht leisen Künstlers, der ganz anders als sein Kollege Bill eher ein stiller Pionier der Konkreten Kunst war. Künstlerische Manifeste oder politische Kundgebungen waren seine Sache nicht, er arbeitete zurückgezogen und lebte mit seiner Frau Emmy Rauch in einfachen Verhältnissen. Der 1892 in der Nähe von Genf geborene Graeser war schon 45 Jahre alt, als er die Prinzipien des Konstruktivismus und der Konkreten Kunst für sich entdeckte. In Stuttgart hatte er als Innenausstatter und Mitglied des Deutschen Werkbundes Erfolge gefeiert, musste Deutschland jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlassen. In der Schweiz konnte er als Innenarchitekt nicht mehr Fuß zu fassen, so dass er sich verstärkt der Malerei zuwandte. Der Kontakt zu Leo Leuppi und Richard Paul Lohse führte ihn zur Konkreten Kunst, der er bis zu seinem Tode treu bleiben sollte.

Graesers Output als Zeichner war sehr hoch, jedoch waren nur die wenigsten Zeichnungen als autonome Kunstwerke gedacht. Sobald dies der Fall war, markierte der Künstler die Blätter durch Signatur oder eindeutige Beschriftung. Das Gros der erhaltenen Skizzen, die nun in Würzburg zu sehen sind, sind jedoch Vorzeichnungen, die Graeser nur für sich selbst anfertigte und die sich dementsprechend auch auf der Rückseite von Zeitungsseiten oder auf Briefumschlägen befinden können. Der Schweizer zeichnete und probierte so lange, bis er genau das gewünschte Ergebnis fand. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Skizzen teilweise nur in Nuancen, vielleicht ein Streifen in einer anderen Farbe, vielleicht eine Fläche anders gesetzt. Erst wenn er zufrieden war, markierte Graeser die Skizze mit einem oder mehreren kleinen x. Andere Entwürfe verwarf er komplett, in dem er sie durchstrich oder mit einem „nein“ versah. Teilweise finden sich auf einem Blatt unterschiedliche Bewertungen, wie zum Beispiel bei einer Studie mit sieben Variationen eines horizontalen Wandreliefs. Jedes einzelne Objekt ist kommentiert, und am unteren Rand des Blattes findet sich auch noch ein Vermerk zu den einzelnen Farben. Die beiden umgesetzten Entwürfe sind mit einem umkringelten x und dem Wort „ausgeführt“ gekennzeichnet. Nur ein weiterer der sieben Entwürfe fand Graesers Zustimmung, er ist mit x und „ja“ markiert. Die anderen vier Entwürfe bekamen ein „nein“ und wurden offensichtlich verworfen.

Der Gang durch die beiden großzügigen Ausstellungsräume in Würzburg ist gleichsam ein Abschreiten der künstlerischen Biografie Camille Graesers. Sein Œuvre ist gekennzeichnet durch einzelne Werkgruppen, die sich mit unterschiedlichen Herangehensweisen an die Konkrete Kunst auseinandersetzten. Dazu gehören Gruppen wie die „Loxodromischen Kompositionen“, die „Rhythmischen Winkelreduktionen“, die „Exzentrischen Rotationen“ oder die „Polaren Dislokationen und Permutationen“. Zu den mathematisch klingenden Werkgruppen passen die immer wissenschaftlich-trockenen Titel, die Graeser seinen Bildern gibt, etwa „Drei Progressive Kontraste“ von 1944. Dem aus T-Elementen konstruierten Bild stellt die Ausstellung acht Entwurfskizzen und Vorzeichnungen gegenüber, die sich unterschiedlich stark vom fertigen Bild unterscheiden. Erst die Gegenüberstellung macht klar, welche analytischen Gedanken hinter der Anordnung der einzelnen Bildelemente stecken. Unwillkürlich wird klar, dass es sich bei dem fertigen Bild wirklich um die letzte Stufe in einem langen Findungsprozess handelt.

Vor allem bei der Werkgruppe der „Loxodromischen Kompositionen“ wird Graesers Auseinadersetzung mit der Musik deutlich, nicht zuletzt durch Bildtitel wie „Musikalische Valenz“ oder „Kolor-Sinfonik“. Der wenig melodische Begriff loxodromisch, den Graeser aus der Trigonometrie entnommen hat, heißt nichts anderes als schiefwinklig, weshalb er selbst die Werkgruppe auch als „Schrägrelationen“ bezeichnet. Tatsächlich sind die Schrägen bei Werken wie „Verve II (Visible Musik)“ bildbeherrschend. Graeser rastert seinen Bildgrund, die kleinste Einheit ist dabei das Quadrat. Einige Quadrate werden farblich hervorgehoben und durch Diagonalen miteinander verbunden. Die so entstehenden Formeinheiten erinnern an Musiknoten, die Verteilung der Elemente im Bild lässt an mittelalterliche Notenblätter denken, auf denen die Noten ebenfalls durch kleine quadratische Zeichen angegeben werden.

Die Rasterung des Bildgrundes bleibt bis zum Schluss Bestandteil von Graesers Kunst. Das Quadrat als kleinste Einheit ist der Ausgangspunkt von Bildern wie „Triade (triadisches Thema)“ oder „Doppeltes Komplementär-Thema II“. Mit der etwa ab den 1970er Jahren einsetzenden Werkgruppe der „Dislokationen“ führt Graeser in seinem Spätwerk dieses Prinzip weiter. Mehr als bei den früheren Bildern spielt Dynamik und Spontaneität nun eine Rolle. Die recht reduzierten Gemälde bestehen meist aus wenigen einfachen Grundformen. Für „Translokation B“ beispielsweise benötigt Graeser nur fünf Elemente. Ein blaues, ein grünes, ein orangefarbenes und ein rotes Quadrat vor gelbem Grund. Es scheint, als sei das rote Quadrat gerade aus der Reihe herausgefallen. Unwillkürlich entsteht im Betrachter der Wunsch, es zurück nach oben zu schieben, um die scheinbar gestörte Ordnung wieder herzustellen. Doch auch hier relativieren die Vorzeichnungen diesen Eindruck. Erst die große Zahl an Entwurfskizzen, die in Würzburg zu sehen sind, macht den Variantenreichtum eines solch vermeintlich einfachen Bildes klar. Fünf Blätter mit insgesamt sechzehn anderen Möglichkeiten zeichnete Graeser, bevor er sich schließlich für die endgültige Form entschied.

Die Ausstellung „Camille Graeser. Vom Entwurf zum Bild“ ist bist zum 15. April zu sehen. Das Museum im Kulturspeicher hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, dienstags erst ab 13 Uhr und donnerstags zusätzlich bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3,50 Euro, ermäßigt 2 Euro. Für 25 Euro kann der umfangreiche Katalog von Richard W. Gassen und Vera Hausdorff an der Museumskasse erstanden werden.

Kontakt:

Museum im Kulturspeicher

Oskar-Laredo-Platz 1

DE-97080 Würzburg

Telefon:+49 (0931) 322 250

Telefax:+49 (0931) 322 25 18



01.04.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Julia Remenyi

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