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Das Bonner Kunstmuseum zeigt in einer umfassenden Schau das Werk des belgischen Künstlers Kris Martin

Eine Welt der Fragmente und Leerstellen



Im Hintergrund hört man das Flattern der Plastikplättchen einer Anzeigetafel, wie man sie von Bahnhöfen oder Flughäfen kennt. Der Besucher hält unwillkürlich an und wartet. Aber die matt-schwarzen Plättchen bleiben leer. Kein Schriftzug ist zu sehen, kein Ziel, keine Zeit und kein Ort zu erkennen. Man fragt sich nach seinem ganz persönlichen Reiseziel: Wo soll es hingehen? Die Anzeigetafel „Trinity I“ aus dem Jahr 2009 ist eines der bedeutendsten Werke des 1972 in Belgien geborenen Künstlers Kris Martin. Sie ist eine neue, größere Fassung von „Mandi III“, einer Installation, die Martin 2006 auf der vierten Berlin Biennale zeigte und mit der er bekannt wurde.


Das Kunstmuseum Bonn zeigt nun erstmals umfassend die formale Vielgestaltigkeit und Wandlungsfähigkeit im Œuvre von Kris Martin. Das Projekt ist eine Kooperation mit dem Aargauer Kunsthaus in Aarau und der Kestnergesellschaft in Hannover und wurde gemeinsam mit dem Künstler konzipiert. Das Bonner Museum trug rund 50 Arbeiten zusammen, die die thematische Bandbreite im Schaffen Martins umfassen und die zentralen Ideen der letzten Jahre vereinen.

Wesentlich ist „Trinity I“ auch deshalb, weil es die Themen Zeit, Vergänglichkeit, Schönheit, Flüchtigkeit und Endlichkeit als zentrale Inhalte des Œuvres in sich bündelt. Martin benutzt häufig gefundene oder dem Betrachter bekannte Objekte und verändert sie geringfügig. Was bleibt sind Fragmente des Vertrauten und Leerstellen, die den Besucher irritieren und an sich binden. Fragmentarisch anmutend sind auch die Porzellanscherben auf Papier mit dem Titel „Pars Pro“ aus dem Jahre 2008. „Teile für“ – für was? In schlichtem Holzrahmen auf weißem Grund finden sich hier und da bemalte Scherben. Sie zeigen eine zum Himmel empor gestreckte Hand oder einen Totenkopf am Rande einer Gewandfalte. Der Künstler hat sie gefunden und zum Kunstobjekt erhoben.

Im selben Raum sieht der Besucher auch einen Berg von 706 gesammelten Granathülsen, die alle aus dem Ersten Weltkrieg stammen. Die golden blankpolierten Objekte sind mit wunderschönen Gravuren und Applikationen verziert, in deren Angesicht der Schrecken des Krieges und die Brutalität ihr Gesicht verlieren. Dennoch verbirgt sich hinter der ästhetischen Oberfläche die ursprüngliche Funktion als Vernichtungswaffe: Barocke Fülle und Spielerei stehen gegen modernen Purismus und konzeptionelle Strenge, Schönheit und Zerstörung vereinen sich im Kunstwerk.

Auch an anderer Stelle enthebt Kris Martin Objekte ihrer eigentlichen Funktion. „For Whom“, ein sich ebenfalls auf die Tradition des Readymade stützendes Werk, besteht aus einer riesigen Kirchenglocke. Indem Martin der Glocke ihren Klöppel nahm, wird ein kirchliches Instrument zu einem subversiven Element im musealen Kontext. Zu jeder vollen Stunde schwingt „For Whom“ nun auf dem Bonner Museumsvorplatz lautlos vor sich hin. Ein Heißluftballon aus den 1970er Jahren wird durch Ventilatoren halb aufgeblasen und presst sich so in einen Ausstellungsraum im Obergeschoss. Man blickt in das Innere von „T.Y.F.F.S.H.“ aus dem Jahr 2009 und erinnert sich an Spielzelte aus Kindertagen. Der Besucher spürt den Drang des Auffliegens und nimmt gleichzeitig dessen Unmöglichkeit wahr: Der Raum limitiert diese Freiheit; die Funktion des Ballons wird obsolet. Mit diesem Objekt direkt in Zusammenhang steht „Bee“, ebenfalls von 2009. Sie demonstriert Martins Auseinandersetzung mit der Idee des Fliegens und seiner Grenzen in wesentlich kleinerem Format. Eine tote Fliege hat der Belgier in Gold gegossen und so die Dauer des Todes eines flüchtigen Lebens bewahrt.

Das Museum bespielt ferner auch drei Räume im Untergeschoss. Durch die ungewöhnliche Verteilung der Präsentation entstand so eine Verbindung von oben und unten, innen und außen, von bekannt und unerwartet – eine Vereinigung von Gegensätzen, die reflexartig die Paradoxien von Kris Martins Kunst im Ausstellungskonzept aufgreift. Neun zwischen 90 und 250 Zentimeter hohe stelenartige Steine sind in einem der unteren Ausstellungsräume zu einer lockeren Gruppe angeordnet. Auf den zweiten Blick erkennt der Betrachter in „Summit“ von 2009, dass auf jedem dieser Brocken ein kleines, filigranes Kreuz aus Papier errichtet ist. Die Steine verwandeln sich auf diese Weise zu gewaltigen Bergen mit schroffen Gipfeln. Der Raum wird zu einer Landschaft, die bekannte ikonografische Traditionen mittels einer „Naturmonumentalität“ – schon immer Zeichen des Erhabenen und Ewigen – aufgreift.

Den Kreislauf des Lebens thematisiert Kris Martin in „Butterfly“ von 2010, einer Grafik aus dem 18ten Jahrhundert, die er auseinander geschnitten und neuzusammengesetzt hat. Zwei kleine Schmetterlinge klebte er auf eine Pflanzendarstellung und in ein Spinnennetz. Leben und Tod sind hier dicht beieinander. Wie durch Zerstörung ein neues Bild geschaffen wurde, demonstriert er in einem 2007 entstandenen C-Print eines Dias, das er in einem ausgebrannten Haus fand. Die sichtbare Unsichtbarkeit gewinnt an Ausdruck. Etwas makaber ist ein anderer Fund. Bei dem Werk „Wanderer II“ von 2011 handelt es sich um einen abgetrennten Fuß eines englischen Soldaten, der noch in seinem Schuh feststeckt. Ein Bauer hatte ihn auf seinem Feld gefunden. Wie Kris Martin daran gekommen ist? Auf diese Frage zuckt der sympathische Künstler mit den Schultern, lächelt etwas beschämt und tut so als würde er seinen Mund zuschließen. An anderer Stelle sagt er: „Da muss man wirklich mit Bauern reden können, aber das kann ich.“

Mit dem Tod beschäftigen sich noch viele andere Werke Martins in der Ausstellung. Auf einem großen Spiegel steht der Schriftzug „The End“, wie wir es vom Ende vieler alter Hollywoodfilme kennen. Doch irgendetwas ist anders, wir sehen die Buchstaben spiegelverkehrt und wir sehen uns. In gewisser Weise blicken wir aus der Leinwand heraus, wir blicken ins Leben und sehen, dass wir den Tod im Nacken haben. „The End“ von 2006 ist ein Verweis auf die Endlichkeit unseres Daseins in der Manier eines traditionellen Vanitasmotivs, das sich in der Objektanordnung im Ausstellungsraum manifestiert. Hinter uns im Spiegel erblicken wir zwei Arbeiten mit gleichem Titel „Still Alive“. Die eine ist 2011 entstanden, die andere 2005. Das ältere Werk ist ein versilberter Bronzeabguss von Kris Martins Schädel, die jüngeren Grafiken zeigen ebenfalls Totenköpfe.

Kris Martin ist selten explizit selbstreferenziell. Vor allem in Gesprächen mit dem Künstler eröffnen sich immer wieder Bezüge zu persönlichen Dingen, zu Kindheitserinnerungen und emotional besetzten Erfahrungen. Eine chinesische Legende hat ihn 2006 zu seinem Werk „Sol“ angeregt. In fünf gefundenen Holzstücken hat Martin die lateinischen Worte „agricula“, „sol“, „nimbus“, „terra“ und erneut „agricula“ mit Hilfe einer Lupe eingebrannt. Die Geschichte sei, so sagt der Künstler, die Geschichte seines Lebens, wenn alles perfekt läuft. Ein Bauer arbeitete hart auf seinem Feld, die Sonne brannte auf ihn nieder, so dass er sich eines Tages wünschte, die Sonne zu sein. Er wurde zur Sonne und begann zu strahlen, er fühlte sich unsagbar mächtig. Doch da kam eine kleine Wolke, die sich zwischen ihn und die Erde schob. War er doch noch so groß und mächtig, so konnte ihm dennoch seine ganze Macht von dieser kleinen Wolke genommen werden. So wünschte er sich die Wolke zu sein, und wurde die Wolke. Er wurde riesig, regnete auf die Erde hinab und machte sie fruchtbar. Da wollte er die Erde sein. Er wurde zur Erde, sorgte für Fruchtbarkeit und Nahrung. Da kam ein Bauer, der die Erde pflügte, das tat ihm weh, doch der Bauer hörte nicht auf. Da wollte er wieder ein Bauer sein und wurde erneut zum Bauer. „Momentan bin ich noch die Sonne“, sagt Martin.

In den Kontext der Frage nach dem Selbstbildnis in Kris Martins Werk gehören auch die Arbeiten, die im Zusammenhang des Idioten stehen. Auf 1494 Seiten schrieb der Belgier 2005 Dostojewskis Roman „Der Idiot“ ab und ersetzte den Namen des Fürsten „Myschkin“ durch seinen Eigenen. Ein Jahr später ließ er in Mailand eine Goldmünze mit seinem Profil prägen. Die Währung: ein Idiot. Ein Idiot ist aber auch ein Maß. Wie der Urmeter liegt er als festgelegte Größe vor dem Betrachter. In werkdurchziehender Manier der Paradoxie hat Martin 2010 gleichzeitig erklärt: „I am not an Idiot.“ Und wieder ist es gefundenes Material, diesmal Steine, deren weiße Maserung die Buchstaben dieser Aussage bilden. Auch in „Verwandlung“ von 2005 schrieb der Künstler ein literarisches Werk vollständig ab. Auf nur einem Blatt entfaltet sich die grausame Verwandlung in einen Käfer, die Gregor Samsa in Franz Kafkas Erzählung erleben muss. Entstanden ist ein Dickicht aus Überschreibungen und nicht mehr lesbaren Worten. Es ist schön und schrecklich zu gleich.

Kris Martin bezieht verschiedene Modelle von Zeit in seine Arbeiten mit ein. Er arbeitet dabei nicht schöpfend, sondern aneignend und zeigend. Als konzeptioneller Künstler geht er nicht von der Idee, sondern vom Material aus. „Mr“, ein 200 Zentimeter hoher und 1,6 Zentimeter breiter Spiegel macht das Momenthafte des Lebens anschaulich. Betrachten kann man sich in ihm nicht. Vielmehr blitzt die eigene Erscheinung im Vorbeigehen auf. Das Leben überleben, durch Zerstörung dauerhaft bewahren. Martin verbrennt das seltene und bedrohte Edelweiß, das er in den Bergen gepflückt hat und schreibt dann das Wort „Edelweiss“ mit der schwarzen Asche auf ein weißes Blatt Papier. Das Blatt ist nun nicht mehr edel weiß, die Pflanze vernichtet, und doch überlebt die Erinnerung.

Auf andere Weise dokumentiert er eine Veränderung durch Zeit in seinem Werk mit dem Titel „Vase“ von 2005. Vor jeder neuen Ausstellung wird die über zwei Meter große chinesische Porzellanvase von Kris Martin umgestoßen, so dass sie in viele kleine Einzelteile zerbricht. Im Anschluss versucht er die Teile mit Klebstoff wieder zum ursprünglichen Ganzen zusammenzufügen. Scherben und Staub, die er nicht zuordnen kann, wirft er ins Innere der Vase. In Bonn ist diese Aktion nun zum dritten Mal geschehen. Immer wieder wird das Aussehen der Vase verändert, die Zahl der Risse und Löcher nimmt zu, die Vase an sich wird mit der Zeit immer kleiner. „Ja, ja es wird immer schlimmer“, sagt Martin, „aber sie wird auch immer schöner. Am Anfang war sie so hässlich.“

Die Ausstellung „Kris Martin. Every day of the weak“ läuft vom 2. Februar bis zum 22. April. Das Kunstmuseum Bonn ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an Weiberfastnacht und Rosenmontag. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Für Kinder bis 12 Jahre, Schulklassen und Mitglieder des Museumsvereins ist er frei. Zur Ausstellung ist ein vom Künstler mitgestalteter Katalog erschienen. Das Bonner Kunstmuseum lädt am den 12. Februar um 11 Uhr zu einer Kuratorenführung mit Volker Adolphs und am 28. März um 11 Uhr zu einem Künstlergespräch ein. Etwa zeitgleich präsentiert das Lehmbruck Museum in Duisburg Kris Martins Skulptur „Mandi“.

Kontakt:

Kunstmuseum Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 2

DE-53113 Bonn

Telefax:+49 (0228) 77 62 20

Telefon:+49 (0228) 77 62 60



01.02.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Lena Hennen

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Veranstaltung vom:


02.02.2012, Kris Martin. Every Day of the Weak

Bei:


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Künstler:

Kris Martin










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