Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 01.06.2019 113. Auktion: Vergessene Moderne - Meistergraphik deutscher Klassiker - Moderne Kunst Teil I

© Galerie Bassenge Berlin

Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Seit 50 Jahren residiert das einzige Schmuckmuseum Europas im Pforzheimer Reuchlinhaus. Eine glanzvolle Sonderausstellung zum Schlangenmotiv feiert dieses Jubiläum

Schlangen zum fünfzigsten Geburtstag



René Lalique, Brustschmuck „Schlangen“, Paris 1898/99

René Lalique, Brustschmuck „Schlangen“, Paris 1898/99

Nein, in eine Schlangengrube gerät man wahrlich nicht, auch wenn die durch ein Loch führende Wendeltreppe vom lichten Foyer ins dunklere Souterrain des Reuchlinhauses ein mulmiges Gefühl suggeriert. Das elegant geschlängelte, freitragende Konstrukt aus gefalteten Stahlrohrkästen mit Wangen aus Plexiglas lenkt auch wegen knatternder Geräusche die Aufmerksamkeit auf sich. Die klare, kalte Formensprache des International Style zeichnet die in den Park ausgreifende Baugruppe innen wie außen aus. Das Reuchlinhaus der badischen Schmuckmetropole Pforzheim gilt weit über die Staatsgrenzen hinaus als erstes Kulturzentrum. Am 20. Oktober 1961 fand die Einweihung statt, ein halbes Jahr vor der Eröffnung der Wolfsburger Variante von Alvar Aalto. Heute steht die Collage scharfkantiger Quader aus wechselnden Materialien unter Denkmalschutz.


Vorgesehen war das Domizil einst für vier Institutionen: Das Schmuckmuseum, die Ausstellungshalle des Kunstvereins, die Stadtbücherei nebst Stadtarchiv sowie die archäologische Geschichtssammlung der Stadt Pforzheim. Seit 2006 sind Kunstverein und Schmuckmuseum alleinige Nutzer. Die problemlose Umnutzung ermöglichte das innovative Konzept des Architekten Manfred Lehmbruck (1913-1992). Der Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck realisierte nach gewonnenem Wettbewerb ab 1957 ein Ensemble von ausgeprägter Flexibilität. Schnell erlangte der Entwurf Vorbildcharakter. Lehmbruck wurde fortan als Baumeister bekannt und geschätzt. Mit dem Duisburger Lehmbruck Museum und dem Federseemuseum bei Bad Buchau konnte er anschließend zwei weitere Ausstellungshäuser in Deutschland realisieren.

Das Reuchlinhaus, dessen Namensgebung als Referenz an den großen Sohn der Stadt, den Juristen und Humanisten Johannes Reuchlin (1455-1522), zu verstehen ist, besteht im Wesentlichen aus einem meisterhaften Arrangement vierer differenziert verkleideter Kuben um ein niedriges Foyer. Wandhohe, bis zu neun Meter lange und drei Meter hohe Panoramascheiben verschaffen lichte Übersicht. Transparenz bestimmt auch die lichte Stahl-Glaskonstruktion des Würfels für den Kunstverein. Verschiebbare Lichtdecken und Bodenschienen für mobile Stellwände sorgen für Flexibilität. Besonders hier schlägt die Inspiration von Lehmbrucks Mentor und Lehrer Ludwig Mies van der Rohe durch. Netzartig verfugte Natursteinfronten aus rotem Nordschwarzwälder Sandstein verweisen beim Quader auf Heimatliches.

Als dunkel abgeschottetes Schatzhaus gibt sich der Würfel des Schmuckmuseums. Gleißende Spots lassen im magischen Dunkelraum der „black box“ die Exponate nicht nur in unnatürlich wohlfeilem Glanz erstrahlen, sondern sind auch eine Herausforderung für die Augen jeden Betrachters. Von der Decke schweben Vitrinen wie Raumschiffe und erwecken Assoziationen an Satelliten. Außen überziehen diese Box eisblaue Glasscheiben und hellgraue Aluminiumplatten im Schachbrettmuster. Letztere wurden vom Bildhauer Adolf Buchleiter mit kraterartigen Strukturen versehen. Unverkennbar bleibt auch hier die Anspielung auf das 1957 begonnene Raumzeitalter.

Der als Gegengewicht konzipierte, lang gestreckte Baukörper für die Bibliothek gibt sich konventionell in Sichtbeton. Im Rahmen der 2006 abgeschlossenen Generalsanierung durch HG Merz fanden hier neben weiteren Dauer- und Wechselausstellungszonen Café und Museumsshop eine angemessene Bleibe. Einfühlsam wurden baugebundene Einrichtungsteile wieder verwendet, und im ehemaligen großen Bibliothekssaal diskret konzipierte Ausstellungsvitrinen eingerichtet. Auf einer der dreiseitig umlaufenden Galerien erinnert eine kleine Architekturausstellung an Manfred Lehmbruck. Dessen Pforzheimer Haus rückt nun zum fünfzigjährigen Jubiläum besonders in den Fokus.

Doch auch der bis zu 15.000 Arbeiten umfassende Fundus des Schmuckmuseums kommt nun unter den deutlich ausgeweiteten Präsentationsbedingungen im Reuchlinhaus mehr zur Geltung. Hervorgegangen aus Vorbildersammlungen der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule und des Kunst- und Kunstgewerbevereins wurden die 1938 vereinten Bestände im Folgejahr in einer Patriziervilla ausgestellt. Kriegsbedingt musste das Haus 1942 schon wieder geschlossen werden. In den Schwarzwald ausgelagert, überlebten sämtliche Stücke die nachhaltige Zerstörung der Stadt Pforzheim im Februar 1945. Am 21. Oktober 1961 wurde dann das Schmuckmuseum im Reuchlinhaus eröffnet. Heute enthält die Dauerausstellung rund 2.000 Pretiosen vom dritten Jahrtausend vor Christus bis in die Gegenwart.

Da die Sammlung eine Reihe von Schmuckstücken aufweist, die sich dem Motiv der Schlange widmen, lag es für den langjährigen Museumsdirektor und Kurator Fritz Falk nahe, zum Jubiläum eine rund 160 Exponate umfassende Sonderschau mit internationalen Leihgaben zusammenzustellen. Serpentina, die als reizvolle Tochter des Archivarius Lindhorst in E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der goldene Topf“ erscheint, gelegentlich Schlangengestalt annimmt und in die sich der junge Anselm verliebt, animierte Falk zum Titel dieser großen Ausstellung.

Seit über einhundert Millionen Jahren existieren Schlangen. Schon die frühesten Kunstwerke um 9.000 vor Christus beanspruchen sie motivisch. Die Schlange versinnbildlicht gleichermaßen Gut und Böse, Männlichkeit und Weiblichkeit, Tod und Leben und fasziniert die Menschen auf allen Kontinenten mit Ausnahme von Australien. Die zeitliche und kulturelle Bandbreite der Schlangensujets demonstrieren die erlesenen Exponate. Ohrenschmuck, Ringe, Armschmuck, Colliers und Broschen aus der Zeit von 700 vor Christus bis heute führen ein breit gefächertes Spektrum individueller künstlerischer Fassungen voller Glanz und Glamour vor Augen. Die an Gold und funkelnden Edelsteinen reiche Schau setzt mit sorgsam ausgearbeiteten Kettchen aus Ägypten ein, gefolgt von einem Schlangenarmreif mit Herakles-Knoten aus dem dritten bis zweiten Jahrhundert vor Christus als erstem Höhepunkt. Dieses Motiv war vor allem in der hellenistischen Welt verbreitet.

Die Ausstellung entführt zudem in viele entfernte Kulturen, so auch nach Indien. Auf dem Subkontinent waren vor allem Schlangenohrringe beliebt, die Schutz vor Schlangenbissen bieten sollten sowie Wünsche nach langem Leben und Fruchtbarkeit verkörperten. Das Wort „Naga“ steht im Indischen insbesondere für die Kobra, die im Buddhismus und Hinduismus göttlichen Rang einnimmt. Als Armschmuck gestalten Juweliere oft doppelköpfige Kobras, die auf den nie endenden Kreislauf von Leben und Tod ebenso hinweisen wie auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch. In Südostasien wirkt ein Amulett in Schlangenform als der das Böse abwehrende, schützende Glücksbringer. Glanz und Augen der Schlangen sollen Feinde blenden und besiegen; daher trugen Krieger die Glücksbringer auf dem Kopf. In Afrika taucht die Schlange im Schmuck vieler Könige auf, so bei Anhängern oder Fingerringen. Als Symbol der Weisheit entfaltet sie magische Kraft und soll den Herrschern zu Klugheit und Macht verhelfen.

Im Mittelalter, der Renaissance und zu Zeiten des Barock und Rokoko gab es nahezu keinen Schlangenschmuck in Europa. Gründe darin sind in der christlichen Prägung der Gesellschaft zu vermuten, die sich nicht mit dem Symbol des Teufels umgeben wollte. Erst im 19ten Jahrhundert steigt das Motiv in der Beliebtheitsskala wieder nach oben auf. Die Schmuckindustrie der Gründerzeit widmet sich ausgiebig diesem Tier. Broschen, Armreife, Anhänger, Diademe und Ringe mit Schlangen werden mit Vorliebe getragen. Allen voran die britische Königin Victoria schmückte sich gern mit besonders edlen Schlangen aus Gold. Kaum einer der großen Juweliere des 19ten Jahrhunderts in Paris, aber auch in St. Petersburg versäumte es, Schmuck mit Schlangen zu produzieren. Unter Verwendung teuerster Materialien wie Gelb- und Weißgold sowie Platin, besetzt mit Diamanten und weiteren kostbaren Edelsteinen, besteht diese Tradition bis ins 21ste Jahrhundert.

Stücke aus dem Œuvre des Zarengoldschmieds Carl Fabergé verdeutlichen in Pforzheim die wichtige Rolle der Schlange. Sie erscheint vorwiegend bei Ziergegenständen wie Schalen, Vasen, Uhren, Stockgriffen oder Zigarettenetuis. Obgleich Europa zu Fabergés Zeiten vom Jugendstil dominiert wurde, musste er dem eher klassizistisch-historisierenden Stil Rechnung tragen, bedingt durch seine internationale, meist adelige Kundschaft. René Lalique, bedeutender Schmuckkünstler des Art Nouveau, ist bekannt für seine vielgestaltige ornamentale Verwandlung von Tieren. Seine Entwürfe sind fantasievolle Verschlingungen und Verknotungen auch in Kombination mit menschlichen Körpern.

Das Highlight der Ausstellung schuf das Pariser Atelier des Goldschmieds und Juweliers Georges Fouquet im Jahr 1899 nach einem Entwurf des Böhmen Alphonse Mucha. Es gehört zu den auffälligsten Kreationen im Bereich des Schlangenschmucks. Ein mit Opalen und Diamanten besetzter Schlangenarmreif aus Gold wird durch zarte Kettchen mit einem Schlangenfingerring als zweitem Schmuckstück verbunden. Gefertigt wurde das erlesene Stück für die schillernde Schauspielerin Sarah Bernhardt, um 1900 eine der extravagantesten Persönlichkeiten in Paris. 1987 wurde das Kleinod für 1,75 Millionen Schweizer Franken bei Christie’s angeboten, zu hoch, um es für Pforzheim gewinnen zu können. Vom Markt für lange Jahre verschwunden, entdeckte es Fritz Falk nun im Mucha-Museum im japanischen Sakai.

Die Ausstellung „Serpentina. Die Schlange im Schmuck der Welt“ ist noch bis zum 26. Februar 2012 zu sehen. Das Schmuckmuseum Pforzheim hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an Heiligabend und Silvester. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch in deutscher und englischer Sprache erschienen, das an der Museumskasse 39,80 Euro kostet.

Kontakt:

Schmuckmuseum Pforzheim

Jahnstraße 42

DE-75173 Pforzheim

Telefon:+49 (07231) 39 21 26

Telefax:+49 (07231) 39 14 41



08.12.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Gesamt Treffer 27

Seiten: 1  •  2  •  3

Events (1)Adressen (1)Berichte (4)Variabilder (21)

Veranstaltung vom:


26.11.2011, Serpentina. Die Schlange im Schmuck der Welt

Bei:


Schmuckmuseum Pforzheim

Bericht:


Teilschließung des Lehmbruck Museums

Bericht:


Salzburger Schmuckpreis für Paul Iby

Bericht:


Schwelgen im Luxus

Bericht:


Glanz einer Epoche

Variabilder:

René Lalique, Brustschmuck „Schlangen“, Paris 1898/99
René Lalique, Brustschmuck „Schlangen“, Paris 1898/99

Variabilder:

in der Ausstellung „Serpentina. Die Schlange im Schmuck der Welt“
in der Ausstellung „Serpentina. Die Schlange im Schmuck der Welt“

Variabilder:

Blick in den Ausstellungssaal des Kunstvereins im Reuchlinhaus
Blick in den Ausstellungssaal des Kunstvereins im Reuchlinhaus







in der Ausstellung „Serpentina. Die Schlange im Schmuck der Welt“

in der Ausstellung „Serpentina. Die Schlange im Schmuck der Welt“

Blick in den Ausstellungssaal des Kunstvereins im Reuchlinhaus

Blick in den Ausstellungssaal des Kunstvereins im Reuchlinhaus

Modell des Reuchlinhauses von Manfred Lehmbruck

Modell des Reuchlinhauses von Manfred Lehmbruck

Reuchlinhaus: Außenansicht des Quaders mit der historischen Sammlung des Schmuckmuseums

Reuchlinhaus: Außenansicht des Quaders mit der historischen Sammlung des Schmuckmuseums

Reuchlinhaus: Außenansicht mit Blick auf die Ausstellungshalle des Kunstvereins

Reuchlinhaus: Außenansicht mit Blick auf die Ausstellungshalle des Kunstvereins

Reuchlinhaus: Foyer mit Wendeltreppe

Reuchlinhaus: Foyer mit Wendeltreppe

Reuchlinhaus: Sonderausstellungsraum des Schmuckmuseums

Reuchlinhaus: Sonderausstellungsraum des Schmuckmuseums

Reuchlinhaus: Wendeltreppe im Foyer

Reuchlinhaus: Wendeltreppe im Foyer

Schlangenring, hellenistisch, 2. Jahrhundert v. Chr.

Schlangenring, hellenistisch, 2. Jahrhundert v. Chr.

Schlangenarmreif, griechisch-hellenistisch, 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.

Schlangenarmreif, griechisch-hellenistisch, 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.

Schlangencollier, Cartier, Paris 1919

Schlangencollier, Cartier, Paris 1919

Wilhelm Lucas von Cranach, Anhänger „Schlangennest“, 1917

Wilhelm Lucas von Cranach, Anhänger „Schlangennest“, 1917

Zwei-Schlangen-Diadem, 1921

Zwei-Schlangen-Diadem, 1921




Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce