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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Kolumba, das Kunstmuseum der Erzdiözese Köln, präsentiert seine neue Jahresausstellung

Denken im Museum der Nachdenklichkeit



Kann man heute freies Denken überhaupt noch voraussetzen? Geistiges Erörtern basiert immer stärker auf konkreten Zwecken, verlagert sich hin zur raschen Abrufbarkeit von Wissen im Rechner. Als wesentliches Element gehört das Lesen zum Denken. Bücher als Medien der Langsamkeit sind auf dem Rückmarsch, so dass das Nachlesen, Wiederholen und Nachsinnen einem flüchtigen Informationssurfen gewichen sind. Nun stemmt sich Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, gegen diesen Trend. Aufregende, aber gehaltlose Stars, marktschreierische Sensationen, durchschlagende Blockbuster-Ausstellungen und oberflächliche Events – all das findet im Museum der Nachdenklichkeit keinen Platz. Im dem etwas anderen Ausstellungshaus entführt in den nächsten zwölf Monaten eine denkwürdige Werksauswahl in eine befruchtende und erhellende Atmosphäre unter dem Vorstoß, Denken zu provozieren.


„denken“ – was für ein einfaches, klein geschriebenes Wort. Es formuliert, was zum Erfassen substanzieller Aspekte unerlässlich bleibt. Gleich zu Anfang im Foyer wird man darauf gestoßen. Auf einen pyramidalen Sockel aus geschichtetem Moselschiefer hat der Bildhauer Josef Wolf einen archaisch anmutenden Weiberner Tuffstein so platziert, dass er immer wieder neue Ansichten freigibt. Die Arbeit eines Steinbildhauers beginnt mit dem Sehen und Erkennen von Materialeigenschaften, bevor er mit den Händen „weiterdenkt“. Nach diesem schweren, massiven Auftakt in direkter Korrespondenz zur Ausgrabungszone mit den steinernen Überresten aus 2000 Jahren begleiten den Weg nach oben fünf Fotografien Bernhard Blumes unter dem Titel „Die reine Vernunft ist als reine Vernunft ungenießbar“. Die rational nicht begreifbare Arbeit zeigt eine Person, die einen kleinen weißen Quader verzehren möchte. Was muss geschehen, um ihn genießbar zu machen? Liebe, Muße und vor allem Kontemplation sind als Voraussetzungen für das Denken unerlässlich.

Im ersten Obergeschoss angekommen, lässt ein Video von Monika Bartholomé am Prozess des Zeichnens teilhaben, am Wechselspiel zwischen Denken und den Bewegungen der Hand. Den Inhalt der vier Evangelien bringt dann ein seltenes Exemplar aus der Frühzeit des Buchdrucks näher. Bei dem Blockbuch „Ars memorandi notabilis per figuras evangelistarum / Die Kunst des Erinnerns“ fällt Piktrogrammen auf den dicht mit ganzseitigen Holzschnitten gefüllten Blättern die Funktion zu, Evangelien in Erinnerung zu rufen. Weltweit existieren von dem um 1470 in Nürnberg gedruckten Buch nur noch in zwei Exemplare.

Vorbei an Zeichnungen von Rune Mields aus der Werkreihe „Steinzeitgeometrie“ kommt der Besucher dann vor einem Schmuckfußboden von 1220/30 aus der Pfarrkirche St. Pankratius in Oberpleis bei Königswinter zu stehen. Die farblich variierenden Tonplatten zeigen einen Kosmos, der auf antikes Denken zurückzuführen ist. Die Künstler verstanden es vor Jahrhunderten schon, hochästhetisch in simplen, formal reduzierten Schemata aus Kreisformen das Weltbild aus Mensch, Zeit und Universum griffig zu erschließen. Himmelsrichtungen, Elemente und Jahreszeiten kreisen um eine imaginäre Mitte, die der katalanische Maler Antoni Tàpies im Rahmen einer künstlerischen Sinnsuche des Jahres 1965 in der Form kreisender Fußspuren zu markieren versucht. Die „Spuren auf weißem Grund“, so der Bildtitel, nähern sich diesem Zentrum, treffen es aber nie, da es ihm offenbar nicht darstellbar erscheint.

Ein immer wieder anmutsvolles Erlebnis entfachen die in Spots des völlig abgedunkelten Armariums stehenden liturgischen Gegenstände aus dem Kirchenschatz von St. Kolumba. Wie Kleinarchitekturen anmutende, filigran überlade, gotische Turmmonstranzen, Reliquiare und Vortragekreuze füllen die Vitrinen, nunmehr ergänzt durch eine Videoinstallation von Lutz Fritsch. Sie entführt in einen grün gestrichenen, mitten in der Eintönigkeit, Leere und Abgeschiedenheit der antarktischen Eiswüste verpflanzten Container. Die hier untergebrachte „Bibliothek im Eis“ setzt mit ihren poetischen und wissenschaftlichen Überlieferungen einen Kontrapunkt zum monotonen, lebensbedrohlichen Vakuum der Umgebung.

Gerade die Bücher spielen in der neuen Zusammenstellung der Exponate eine wichtige Rolle. Sie schaffen vieles, was andere Medien nicht leisten können. 954 Künstlerbücher trugen in den letzten 40 Jahren der Kölner Grafiker Steffen Missmahl und seine Frau Edith zusammen, eine grandiose Zusammenstellung von Artefakten, die auf nichts verweisen, nichts dokumentieren, sondern autonome Werke sind und das Denken auf besondere Weise erlebbar gestalten. 101 Exemplare aus der Kollektion, die das Sammlerpaar Kolumba vermacht hat, gestatten einen verdichteten Gang durch eine Epoche, deren Facettenreichtum von Carl Andre, Joseph Beuys, Marcel Broodthaers, Daniel Buren, James Lee Byars, John Cage und Hans-Peter Feldmann bis zu Richard Tuttle, Wolf Vostell, Franz Erhard Walther, Andy Warhol, Lawrence Weiner und Beat Zoderer reicht.

Im obersten Geschoss empfängt die um 1650 von Jeremias Geisselbrunn geschaffene Alabasterfigur der Muttergottes mit Kind den Besucher. Dies geschieht vor dem Hintergrund von Birgit Antonis großformatigen Acrylmalereien auditiver Reihungen, die Bildräume von hoher Dynamik als Ausschnitte abstrakter Volumina suggerieren und in ihren Wirbeln Elemente der vorgestellten barocken Plastik aufnehmen. 45 Schreibmaschinen aus rund 100 Jahren deuten, verschiedenartig auf einem geschwungen zugeschnittenen Unterbau angeordnet, neben der Wandlung von Technik und Design auch die Eigendynamik bürokratischer Auswüchse an. Die erbarmungslose, überdrehte Macht kalter Maschinenwelten umkreist auch das aus dem Jahr 1959 stammende Ölgemälde „Der Wille zur Macht“ von Konrad Klapheck, das eines der voran im Original ausgestellten Modelle interpretiert.

Im zentralen Mittelsaal bietet sich dann ein grandioser Auftritt seines 2005 verstorbenen Düsseldorfer Akademiekollegen Dieter Krieg. Großformatig mit weit ausholenden, wilden Gesten stellt der Maler 1998 fest: „In der Leere ist ist nichts“. Kombiniert mit Acrylglas auf Leinwand akzentuieren türkisfarben abgetönte, leere Gläser den Hintergrund von den krakelig aufgetragenen schwarzen Buchstaben des Bildtitels. Sowohl die teils über die Bildformate hinausgeführten Scheiben, die wirren Linien als auch die Spiegelungen der Arbeiten in Decke und Boden lassen den Betrachter zwischen der Realität des Raumes und der des Bildes pendeln. Grammatische Fragwürdigkeiten, Worttrennungen, Undeutlichkeiten verhindern schnelles Lesen und Begreifen. So setzt unweigerlich das Denken über die fallenden Gläser und realen Glasfragmente ein, über Schönes und Unschönes, über Unfügsames und Gestaltetes. Was ist nichts? Was ist Leere?

Dieses Spektrum an Fragen überführt von dem wie für den Raum geschaffenen Zyklus in die drei umliegenden Turmsäle. Vorbei an der in situ fest verorteten „Bürgerlichen Tragödie“ von Jannis Kounellis, der kontemplatives Denken zugrunde liegt, läuft man direkt auf Rune Mields Bild „Blau“ aus dem Zyklus „Über die Farbe“ zu. Auf blauem Hintergrund hat sie 249 Arten von Blautönen gelistet. Für den Raum einer privaten Andacht über die Vergänglichkeit, über Leben und Tod steuert Krimhild Becker eine Installation aus menschlichen und animalischen Artefakten bei. Den Ostturm möchten die Kuratoren diesmal als poetischen Hinweis auf die Welt der Phantasie und auf die künstlerische Fähigkeit, dem Unvorstellbaren Raum zu geben, gestaltet wissen. Ein imposant aufbäumendes Gebilde aus Schichtholzplatten, Zedernhölzern, Stahlstangen und eisernen Trägerplatten kombinierte Victoria Bell zu einer „Fliegenden Lokomotive“. Flugzeuge und Lokomotiven verwachsen zu einen Dickicht, eine Warnung vor der Hybris des Machbaren, ein Appell zur Bewahrung der Schöpfung und zum Ausgleich. Die organischen Formen der zwischen Vorstellung und Wirklichkeit oszillierenden Arbeit finden sich auch in Konrad Klaphecks Gemälde „Kleines Liebesglück“. Den wuchshaften Sujets des 1959 entstandenen Ölbildes in dunkel abgetönten Farben liegen Fahrradklingeln zugrunde.

Der Parcours zum höchsten Turm des Museums führt an von Zartheit und Sensibilität nur so sprühenden aquarellierten Bleistiftzeichnungen zu Kolumba des Architekten Peter Zumthor vorbei. Vor dem berühmten, 1449 in Nürnberg geschaffenen Heilig-Geist-Retabel, dessen Mittelbild die Versammlung der Apostel mit der Muttergottes in ihrer Mitte zu Pfingsten darstellt, findet sich nun die Ton-Raum-Skulptur von Bernhard Leitner. Sie bietet über Klänge ein Erlebnis, dem ebenfalls mit Worten nicht beizukommen ist. Hier am höchsten Punkt des Hauses gibt sich die sinnliche Ausstellung ins Extreme gesteigert, bedingt durch die auf Augenhöhe arrangierten Begegnungen zeit- und medienübergreifender Exponate. Dabei muss man nicht alles definitiv auslegen können. Denn einer, der alles erklären kann, erklärt selbst nichts.

Die Ausstellung „denken“ ist bis zum 31. August 2012 zu besichtigen. Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, hat täglich außer dienstags von 12 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Zur Ausstellung sind zwei Kataloge erschienen. Der umgangreiche Katalog „denken“ zu den Künstlerbüchern der Sammlung Missmahl kostet an der Museumskasse 35 Euro, zum Blockbuch „Ars memorandi“ 16 Euro.

Kontakt:

Kolumba - Das Kunstmuseum des Erzbistums Köln

Kolumbastraße 4

DE-50667 Köln

Telefax:+49 (0221) 933 193 33

Telefon:+49 (0221) 933 193 0



14.10.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Variabilder:

45 Schreibmaschinen aus der Werk- und Formensammlung
45 Schreibmaschinen aus der Werk- und Formensammlung

Variabilder:

Schmuckfußboden mit Kosmosbild aus der
 Pfarrkirche St. Pankratius in Oberpleis, um 1220/30
Schmuckfußboden mit Kosmosbild aus der Pfarrkirche St. Pankratius in Oberpleis, um 1220/30

Variabilder:

Pingsdorfer Muttergottes, Köln (?), um 1170
Pingsdorfer Muttergottes, Köln (?), um 1170

Variabilder:

Jeremias Geisselbrunn, Muttergottes mit Kind vom Marienaltar
 in St. Kolumba, um 1650
Jeremias Geisselbrunn, Muttergottes mit Kind vom Marienaltar in St. Kolumba, um 1650







45 Schreibmaschinen aus der Werk- und Formensammlung

45 Schreibmaschinen aus der Werk- und Formensammlung

Schmuckfußboden mit Kosmosbild aus der Pfarrkirche St. Pankratius in Oberpleis, um 1220/30

Schmuckfußboden mit Kosmosbild aus der Pfarrkirche St. Pankratius in Oberpleis, um 1220/30

Pingsdorfer Muttergottes, Köln (?), um 1170

Pingsdorfer Muttergottes, Köln (?), um 1170

Jeremias Geisselbrunn, Muttergottes mit Kind vom Marienaltar in St. Kolumba, um 1650

Jeremias Geisselbrunn, Muttergottes mit Kind vom Marienaltar in St. Kolumba, um 1650




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