Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Anzeige

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Der Erfinder des nach ihm benannten Zinns, Engelbert Kayser, verstarb vor einhundert Jahren. Eine große Retrospektive im Kölner Museum für Angewandte Kunst stellt sein bedeutendes kunstgewerbliches Produkt und seine Person vor

Verkaufsschlager des Jugendstil



Hugo Leven, Fledermausleuchter, Köln um 1901/02

Hugo Leven, Fledermausleuchter, Köln um 1901/02

Gegenstände aus Zinn waren im 19ten Jahrhundert aus der Mode, ja sogar in Verruf geraten. Aufgrund des gesundheitsschädlichen Bleigehaltes lag die Herstellung am Boden. Nur noch Randprodukte wie etwa Deckel für Bierkrüge wurden aus Zinn gefertigt. Spezifische Umstände veranlassten den Kölner Unternehmer und Kunstgewerbehändler Engelbert Kayser gegen Ende des 19ten Jahrhunderts zu einer Änderung dieses Zustandes. Zwischen 1898 und 1906 erlebten die in originellen Jugendstilformen gehaltenen, auf eine besser gestellte Klientel zielenden Gebrauchsgegenstände eine weltweite Blüte. Damals musste man zwischen fünf und einhundert Goldmark anlegen, um ein Stück zu erstehen. Heute variieren die Preise von wenigen Euro bis hin zu vierstelligen Summen. An die 200 Geschirrteile, Behältnisse, Leuchter, Vasen, Dosen, Kannen, Bestecke und vieles mehr der bedeutendsten Marke im deutschen Jugendstilzinn versammelt nun eine sehenswerte Schau im Kölner Museum für Angewandte Kunst, in der auch Engelbert Kayser als umtriebige Figur im neureichen Kölner Establishment vorgestellt wird.


1840 als erster Sohn eines Zinngießereiinhabers in Kaiserswerth bei Düsseldorf geboren, erlernt auch Engelbert Kayser das Zinngießerhandwerk, ehe er 1864 nach Köln übersiedelt. Hier eröffnet er ein Kaufhaus für kunstgewerbliche Ausstattungsutensilien im Luxussegment. Schnell erfolgreich und vermögend, lernt er als Händler und Hoflieferant, Trends einzuschätzen und selber zu setzen. Er kennt die Pogramme von Manufakturen. Mit über 50 will er noch einmal etwas Neues wagen. In der sich abzeichnenden stilistischen Wendezeit vom Historismus zum Jugendstil und der aufkeimenden Kunstgewerbebewegung schwebt ihm die Wiederbelebung des gut formbaren, günstig, das heißt seriell produzierbaren Zinns vor. Anspruchsvoll und repräsentativ soll es sein. Damit setzt er auf das Interesse einer kauffreudigen, aufstrebenden und vermögend gewordenen Mittelschicht.

Kayser erzeugt eine bleifreie lebensmittelechte Legierung mit einem auffälligen Silberglanz. Das neue „Silberzinn“ überzeugt die Kunden. Im Jahr 1894 entstehen in einem Düsseldorfer Atelier erste Modelle der neuen Handelsmarke, die im Jahr drauf unter dem Namen „Kayserzinn“ amtlich als Warenzeichen eingetragen und geschützt wird. Die Familie wird bei der intelligenten wie zeitgünstigen Platzierung des neuen Produktes am Markt eingebunden. Engelberts Bruder Jean Kayser, der die inzwischen in Bockum bei Krefeld neu aufgebaute elterliche Zinngießerei geerbt hat, übernimmt als Produzent die personal- und kapitalintensive Spezialistenarbeit der Herstellung in seiner an die 800 Mitarbeiter starken Fabrik, in der die Kayserzinn-Produktion zunächst allerdings anderen Warengruppen untergeordnet ist. Auch den Vertrieb regelt Jean.

Engelbert Kayser liefert als kreativer Kopf Ideen und Modelle. Dafür richtet er in Köln ein Atelier ein, in dem Zeichner, Bildhauer und Modelleure Gussformen kreieren. Die Entlohnung erfolgt nach vertraglichen Festlegungen: Zehn Prozent des Gewinns stehen Engelbert Kayser zu, die restlichen neunzig Prozent seinem Bruder Jean. Auch andere Brüder sind eingespannt: Heinrich Kayser, von Beruf Architekt, errichtet für seine Brüder Villen und Geschäftshäuser, Josef Kayser vertreibt als Kunsthändler auch das Zinn seiner Brüder. Bis 1906 entstehen rund 600 Modelle, insgesamt beläuft sich die Anzahl auf rund 1000 dekorative Jugendstilobjekte bis zum Ende der Unternehmung im Jahr 1914.

Der Ausstellungsbesucher kann deutlich die stilistischen Wandlungen anhand sorgfältig ausgewählter Exponate nachvollziehen. Die ersten Artefakte aus den Jahren um 1897 stellen sich als überladene und pompöse Schöpfungen dar – ein stilistischer Neuanfang sieht anders aus. Zudem geben sich die frühen Modellreihen noch heterogen und unentschieden. Langsam kommen modern anmutende, glattwandige Becher und Vasen auf, die sich mit stilpluralistischen Reminiszenzen in der Gestalt gigantischer Bowlen, verschnörkelter Jardinieren oder münzumkränzter Pokale abwechseln. Fahrzeuge wie Kriegsschiffe sind ebenso zu entdecken wie barocke Elemente.

Doch langsam kommt der Einfluss des erst 21jährigen ausgebildeten Lithografen und studierten Bildhauers Hugo Leven zum Tragen. Der begabte Künstler arbeitet ab 1895 und bis 1904 in Engelbert Kaysers Entwurfsatelier und wird nach dem Ausscheiden Leiter der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Auf ihn gehen die gestochen scharfen und botanisch korrekten Pflanzenmotive zurück, die weich gerundete Erzeugnisse zieren. Auch typische Jugendstilsujets wie Vögel oder Insekten verschönern nun die Waren, im Spiegel von Platten sind Fische oder andere Tiere angeordnet. Stark macht sich der Einfluss der japanischen Künste bemerkbar.

Um 1900 stößt der 1871 geborene, an der Stuttgarter und Karlsruher Akademie ausgebildete Bildhauer Hermann Fauser ins Team, der zusammen mit Leven jene gestalterischen Höhepunkte eines eigenständigen Stils kreiert, der das Zinn berühmt machen sollte. Das Metall wird wie eine weiche Masse stark plastisch ausgeformt. Teilweise erinnern die Gefäße selbst an Pflanzen, Tiere oder asymmetrisch-organische Erscheinungen der Natur. Die schwungvollen oder eingedrückten Modellierungen werden bis ins Bizarre getrieben. Beide Künstler verstehen es, die Eigenschaften des Zinns mit intensiver organischer Vitalität derart ausdrucksstark zu steigern, dass die suggestiven Gebilde als Vorläufer des deutschen Expressionismus angesehen werden können. Freie skulpturale Erfindungen wie Tierfiguren, Leuchter, Schiffe oder die berühmte, in der Form eines Akts geschaffene Teekanne sprühen von Fantasie. Durch die Liebe Engelbert Kaysers zur Jagd und zum Angeln nehmen entsprechende Motive eine Sonderstellung ein, die vornehmlich vom Düsseldorfer Akademieprofessor Carl Geyer und dem Landschaftsmaler Johann Christian Kröner erdacht werden.

Internationale Beachtung erfährt das Kayserzinn vor allem auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900. Den enormen Prestigegewinn unterstreichen die Verleihung der Goldmedaille sowie über 5000 Bestellungen, die kurz darauf eingehen. Eine Goldmedaille erhält Kayserzinn auch 1902 auf der Ausstellung für moderne dekorative Kunst in Turin sowie der Düsseldorfer Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung; auf letztgenannter ist Kayserzinn mit einem eigenen großen Pavillon vertreten. Doch schon 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis erfüllen sich die wirtschaftlichen Erwartungen nicht mehr.

Ab 1904 leitet der an der Berliner Akademie ausgebildete, 1881 geborene Bildhauer Karl Berghof zu einer neuen Formensprache über. Er überführt das Design in die Ära des Neoklassizismus mit architektonischen Gliederungen, Kränzen und Widderköpfen. Die Produkte werden kubischer, kantiger, sind schlicht geformt und spitzwinkliger, sehen teils aus wie technische Geräte und tragen streng stilisierte, in isolierten Feldern sitzende Naturmotive. Der organisch-florale Duktus, mit dem die Marke berühmt geworden war, verschwindet in Etappen.

1905 wird das Kölner Entwurfsatelier aufgelöst, das Engelbert Kayser erst zwei Jahre zuvor zusammen mit seiner pittoresken Villa, einem Gründerzeitschloss voller Kunst und historistischer Pracht am Kölner Rheinufer, hat neu errichten lassen. Leven und Fauser sind nicht mehr für Kayser tätig. Die Verlagerung der Entwurfstätigkeit in die Fabrik nach Krefeld-Bockum um 1905 ist verbunden mit einem Verlust an kreativer Substanz und stilistischer Eigenständigkeit. 1908 werden Entwürfe im „Neubarock“ vorgestellt. Engelbert Kayser zieht sich zurück und stirbt am 3. September 1911. Nach dem Ersten Weltkrieg verliert das Kayserzinn im Wettstreit mit anderen Fabrikaten der Krefelder Fabrik völlig an Bedeutung. Zudem steigen seit 1905 die Rohstoffpreise für Zinn stark an. 1928 wird die Zinngießerei geschlossen. 1930 geht die Firma in Konkurs.

Der Erfolg der Marke war wesentlich bedingt durch ausgezeichnete Bildhauer und Modelleure, die einen unverwechselbaren Charakter der Produkte kreierten und damit die – wenn auch kurzzeitige – Blüte herbeiführten. Die Schaffung von gebrauchsfähigen dennoch repräsentativen, pflegeleichten Objekten mit beliebter silberkompatibler Farbigkeit zu einem goldrichtigen Zeitpunkt führte zu einem bedeutenden kunstgewerblichen Beitrag, der nun erstmals vollständig dokumentiert in einer monografischen Begleitpublikation zusammengefasst ist. Alle rund eintausend geschaffenen Modelle, die mit der Marken-Kennziffer 4000 beginnend registriert wurden, liegen in dem Werkverzeichnis vor. 59 konnten jedoch noch nicht mit Fotos belegt werden.

Als maßgebliches Nachschlagewerk stellt der Begleitkatalog auch den Privatmann Engelbert Kayser vor, der als Mitglied im Kölnischen Kunstgewerbeverein und Förderer des 1888 eröffneten Kunstgewerbemuseums ein angesehener Bürger der Domstadt war, was zahlreiche erhaltene Ausstattungsgegenstände aus seiner bombastischen, pompös überladenen, nicht mehr erhaltenen Gründerzeitvilla in der Ausstellung unterstreichen. Vor allem aber räumen Katalog und Ausstellung mit der bis heute oft zu hörenden falschen Annahme auf, das Kayserzinn komme aus Krefeld. Hier ging lediglich die Produktion von statten. Autor war der Kölner Engelbert Kayser, dessen wichtigen Beitrag zur deutschen Kunstgeschichte die sehenswerte und instruktive Schau die nötige Reputation verschafft.

Die Ausstellung „Kayserzinn. Engelbert Kayser. Jugendstil-Zinn aus Köln“ ist bis zum 20. November zu besichtigen. Das Museum für Angewandte Kunst hat täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro. Die umfangreiche Begleitpublikation mit dem ersten vollständigen Werkverzeichnis ist bei Arnoldsche Art Publishers in Stuttgart erschienen und kostet an der Museumskasse 39,90 Euro.

Kontakt:

Museum für Angewandte Kunst

An der Rechtsschule

DE-50667 Köln

Telefax:+49 (0221) 221 238 85

Telefon:+49 (0221) 221 267 14



11.09.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Gesamt Treffer 26

Seiten: 1  •  2  •  3

Events (1)Adressen (1)Variabilder (19)Künstler (5)

Veranstaltung vom:


03.09.2011, Kayserzinn. Engelbert Kayser. Jugendstil-Zinn aus Köln

Bei:


Museum für Angewandte Kunst

Variabilder:

Hugo Leven, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1896
Hugo Leven, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1896

Variabilder:

Jardiniere, Köln, um 1904/06
Jardiniere, Köln, um 1904/06

Variabilder:

Hugo Leven, Kanne, Köln um 1900/01
Hugo Leven, Kanne, Köln um 1900/01

Variabilder:

Kompottschale mit Glaseinsatz von Jean Beck, Köln, um 1903/04
Kompottschale mit Glaseinsatz von Jean Beck, Köln, um 1903/04

Variabilder:

Hans Stoltenberg-Lerche, Krug, Köln um 1899/1900
Hans Stoltenberg-Lerche, Krug, Köln um 1899/1900

Variabilder:

Hugo Leven, Leuchter, Köln um 1901/02
Hugo Leven, Leuchter, Köln um 1901/02

Variabilder:

Hugo Leven und Hermann Fauser, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1902
Hugo Leven und Hermann Fauser, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1902







Hugo Leven, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1896

Hugo Leven, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1896

Jardiniere, Köln, um 1904/06

Jardiniere, Köln, um 1904/06

Hugo Leven, Kanne, Köln um 1900/01

Hugo Leven, Kanne, Köln um 1900/01

Kompottschale mit Glaseinsatz von Jean Beck, Köln, um 1903/04

Kompottschale mit Glaseinsatz von Jean Beck, Köln, um 1903/04

Hans Stoltenberg-Lerche, Krug, Köln um 1899/1900

Hans Stoltenberg-Lerche, Krug, Köln um 1899/1900

Hugo Leven, Leuchter, Köln um 1901/02

Hugo Leven, Leuchter, Köln um 1901/02

Hugo Leven und Hermann Fauser, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1902

Hugo Leven und Hermann Fauser, Kaffee- und Teeservice, Köln um 1902

Kayser & von Großheim, Villa Kayser, Köln 1903/04

Kayser & von Großheim, Villa Kayser, Köln 1903/04

Karl Berghof und Johann Christian Kröner, Weinkühler, Köln um 1904/06

Karl Berghof und Johann Christian Kröner, Weinkühler, Köln um 1904/06

Hugo Leven, Weinkühler, Köln um 1901/02

Hugo Leven, Weinkühler, Köln um 1901/02

Hugo Leven, Schüssel, Köln um 1897

Hugo Leven, Schüssel, Köln um 1897

Unbekannter Künstler, Porträtmedaillon Engelbert Kayser, 1903

Unbekannter Künstler, Porträtmedaillon Engelbert Kayser, 1903




Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce