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Das Badische Landesmuseum Karlsruhe zeigt in einer Überblicksschau die Glasmalerei der Moderne und deren Entwicklung im 20sten Jahrhundert

Lichte Inszenierungen



Jan Thorn Prikker, Der Künstler als Lehrer für Handel und Gewerbe, 1910/1911

Jan Thorn Prikker, Der Künstler als Lehrer für Handel und Gewerbe, 1910/1911

Er hält einen Zirkel in der rechten und einen Plan in der linken Hand und blickt leicht gebeugt auf sein Werk. Etwas entrückt reihen sich beidseitig auf ihn ausgerichtete Gestalten in lebendiger und ausdrucksvoller Gestik an. Der Künstler und Architekt steht gleichberechtigt neben den Handwerkern in der Mitte. „Der Künstler als Lehrer für Handel und Gewerbe“ ist der Titel des neun auf vier Meter großen Glasbildes, das Ankommende im Hagener Hauptbahnhof begrüßt. 1910 beauftragte der Unternehmer und Mäzen Karl Ernst Osthaus den Niederländer Jan Thorn Prikker mit der Verbildlichung des fruchtbaren Zusammenwirkens von Kunst, Industrie und Handwerk – quasi ein Motto für die Gewerbestadt Hagen. Für Thorn Prikker war es die erste Auseinandersetzung mit der Glasmalerei. Mit seiner neuartigen, monumentalen, auf die Architektur bezogenen Formensprache verlieh er diesen Ideen einen entsprechenden Ausdruck.


Die expressiv wirkende Komposition erregte Aufsehen: Energievoll, sperrig-zersplittert, dunkel sowie kräftig buntfarbig. Wie kein zweites markiert das Fenster den Einzug der Avantgarde in das zerbrechliche Medium Glas um 1910. Die Jan Thorn Prikker eigene, linear betonte, flächig angelegte Formgebung in Verbindung mit mystisch leuchtenden Farben erwies sich in der weiteren Entwicklung als ideal für die Umsetzung in Glasbilder, die er mit den Jahren in eine reduzierte, aus geometrischen Elementen aufgebaute Bildsprache überführte. Damit wurde Thorn Prikker zum Maßstäbe setzenden Hauptprotagonisten jener künstlerischen Gattung.

Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe nimmt derzeit in einer großen Sonderausstellung die sakrale wie profane Glasmalerei des 20sten und 21sten Jahrhunderts aus Deutschland, Franreich und der Schweiz in den Blick. Dafür hat es 95 Exponate in neun Abschnitte gegliedert, darunter neben originalen Scheiben auch Entwurfskartons oder Fotografien, und startet mit einer geschichtlichen Rückblende. Die kleine Schar derjenigen, die sich seit der Moderne an jene anspruchsvolle Gattung der Glasmalerei heranwagt, besinnt sich auf alte handwerkliche Techniken, womit die Künstler ihre Arbeiten über das Niveau kunsthandwerklicher Dekore hinausheben. Das simple Malen auf Glas wollte überwunden und die mittelalterliche musivische Technik wieder belebt werden. Im Mittelalter konnten nur wenige Farbtöne in Glasscheiben umgesetzt werden. Wie Mosaike wurden sie mittels eines Bleinetzes zu einem Bild zusammengefügt, das die Konturen bestimmte. Lediglich mit Schwarzlot oder Silbergelb akzentuiert und abgetönt, konnte eine intensive Wirkungskraft erreicht werden. Diese war durch das bei Jugendstilkünstlern oft anzutreffende, süffig anmutende Bemalen von Glas abhanden gekommen.

Glasmalereien, die wie Edelsteine funkeln, bilden seither herausragende Schöpfungen im Œuvre einiger bedeutender Avantgardekünstler, eine Entwicklung, die bis heute andauert. Neo Rauchs Fenster im Naumburger und Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom, Sigmar Polkes Verglasungen im Züricher Großmünster, Imi Knoebels Fenster für die Kathedrale von Reims, Markus Lüpertz’ Chorverglasungen für die Kölner Kirche St. Andreas stehen exemplarisch für die Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler mit dem Medium. Aber nicht nur Kirchen, auch Schulen, Verwaltungsgebäude, Firmensitze und private Wohnbauten gewinnen für die Glasmalerei seit 1910 an Bedeutung.

Gleich nach der historischen Einführung am Beispiel mittelalterlicher Scheiben aus dem 13ten Jahrhundert wartet die Schau mit einer verblüffenden Erkenntnis auf. Kein geringerer als Otto Dix, einer der bedeutendsten Vertreter der Moderne, beschäftigte sich schon kurz vor 1910 mit Entwürfen für Glasfenster. Sie zeigen leuchtende kristalline Farbflecken, eingebunden in eine netzartige Struktur. Erst Ende der 1950er Jahre sollte sich Dix wieder der Glasmalerei widmen. Begleitende Arbeiten namhafter Avantgardekünstler der klassischen Moderne legen die Umsetzung ihrer künstlerischen Sprache in Glasbildern offen. Neben dem „Christuskopf“ von Karl Schmidt-Rottluff oder „Blutige Tränen“ von Ludwig Gies zeigt sich besonders deutlich bei Otto Freundlich, wie eng die Glasmalerei mit der Moderne verbunden ist. Die technisch vorgegebene Flächigkeit des Glases führt ihn zu malerischen Konzepten aus reinen Flächenstrukturen, wie die „Liegende Frau“ aus dem Jahr 1924 eindrucksvoll demonstriert.

Neben Berlin stellt das Rheinland mit der beherrschenden Figur Jan Thorn Prikkers ein Zentrum dar. Für die Kölner St. Georgskirche fertigte er das Symbolfenster mit Fischen. Noch mehr Ruhe und Klarheit verinnerlicht das aus horizontal und vertikal zusammengefügten Bleiruten komponierte Fester „Christus im Ruhrgebiet“ des Kölner Progressiven Franz Wilhelm Seiwert, dessen Töne auffällig ins Pinkfarbene abgleiten. Auch Heinrich Campendonks 1937 für die Pariser Weltausstellung kreiertes Glasfenster „Arma Christi“ ist zu bewundern. In Stuttgart entwickelte sich eine eigenständige Schule der Glasmalerei, deren Hauptvertreter Adolf Hölzel mit Fenstern für das Rathaus der Landeshauptstadt von 1926 in der Karlsruher Schau vertreten ist.

Ein anschließender Exkurs in die internationale Entwicklung fokussiert unvermutete Werke von Frank Lloyd Wright und Theo van Doesburg. Während erstgenannter die um 1913 entworfene farblose Verglasung mit einer ungemein ornamentalen Linearität der Stege durch Rhomben und Dreiecksformen auflockert, verfolgt der andere in einer ebenfalls für private Wohnbauten vorgesehenen, abstrakten Mosaikverglasung aus dem Jahr 1920 anschaulich die Ziele der De Stijl-Bewegung in der Auswahl von Primärfarben samt der Nichtfarbe Weiß für rechteckige Einzelscheiben. An die Stelle klarer Farbabgrenzungen treten bei den um 1918 von Augusto Giacometti entwickelten Kirchenfenstern für St. Martin in Chur Figuren und Ornamente, die sich in der Form schemenhafter und verwischter Farbflecken nahezu auflösen.

Das Kapitel mit Glasmalereien der Nachkriegszeit ruft die Renaissance dieser Kunstform in den 1950er Jahren in Erinnerung, als es galt, viele zerstörte Kirchen und öffentliche Gebäude herzurichten. Die zentrale Rolle nimmt Georg Meistermann ein, dessen abstrakt-dynamische Kompositionen für den Kölner Funkhausneubau des WDR die Aufbruchstimmung jener Jahre spiegeln. Mit diesen Fenstern, die das Senden, Ausstrahlen, Empfangen und Wahrnehmen darstellen, wurde er schlagartig international bekannt. Aber auch Ludwig Gies, Anton Wendling, Wilhelm Buschulte, Wilhelm Teuwen oder eben Otto Dix gehören zu denjenigen, die eigene originelle Akzente setzten.

Georges Braque, Marc Chagall oder Henri Matisse waren damals in Frankreich für die neu gegründete „Art Sacré”-Bewegung tätig, deren Ziel die Steigerung künstlerischer Qualität im kirchlichen Bereich war, in dem die Glasmalerei eine elementare Stellung einnahm. Geschickt eckig-geometrische Verschränkungen in Fenstern von Jean Cocteau lösen maskenhafte Gesichter in Illusionen auf, deren netzartige, eistütenförmige Strukturen mit dunkel abgetönten Farbtönen treffend den Duktus der 1950er Jahre abbilden. Bahn brechend sind Fernand Légers Entwürfe für die Betonglasfenster der Kirche Sacré-Cœur in Audincourt von 1950. In der neuen Technik konnte er seinen charakteristischen Malstil auf besonders beeindruckende Weise umsetzen. Kräftig leuchtende Farbfelder werden von schwarzen breiten Fugen des Betongerüstes durchzogen, die die Sujets betonen. Le Corbusiers Gestaltungen für die in selbiger Technik gefertigten Fenster der Chapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp dürfen in diesem Zusammenhang nicht fehlen. Eindrucksvolle Lösungen aus der Betonglaszeit liefern auch Victor Vasarely und Pierre Soulages.

Die Zeit der Postmoderne seit Mitte der 1970er Jahre führt zu einer differenzierten Behandlung des Glases sowie besonders im Rheinland zu einem Linearstil durch bildhaften Einsatz der Bleiruten. Auch neue Techniken wie der Siebdruck oder das Schmelzglasverfahren, das die Gestaltung dreidimensionaler Oberflächen ermöglicht, führen zu individuellen, höchst originellen Lösungen, wie Werke von Emil Wachter, Hans Gottfried von Stockhausen, Joachim Klos, Johannes Schreiter oder Jochem Poensgen demonstrieren.

Mit Künstlerfenstern der eingangs erwähnten deutschen Malerstars führt die Karlsruher Ausstellung in die Jetztzeit. Sie weisen eine ausgedehntere Spannbreite künstlerischer, immer mehr „bleifreier“ Techniken bei gestisch freien Kompositionen auf. Der in München lebende Glasmaler Thierry Boissel schuf strukturierte, großflächige Scheiben mit vielen Punkt- und Linienrastern. Seine auf fotorealistischen Darstellungen basierenden Sujets verändern sich bei wechselndem Lichtenfällen oder neuen Blickwinkeln. Noch keine Rolle in der Exponatauswahl spielen derzeit in Ausführung befindliche Kirchenverglasungen in den USA, die die Technik der Photovoltaik wirkungsvoll in künstlerische Lösungen integrieren. Dies macht deutlich, welch künstlerisches Potential dieser Zweig auch in Zukunft bereit halten könnte.

Ein hohes Maß an Können, gestalterischem Geschick sowie technischem Verständnis zeichnet nicht nur das „Malen mit Licht“ aus. Besondere Ansprüche stellt auch die Präsentation von Glasmalerei. Der Aufbau aufwendiger Lichtkästen sowie die Tatsache, dass viele Fenster fest verankert und daher nicht ausleihbar sind, lassen jede Ausstellung zu einer aufwendigen wie teuren Herausforderung werden. Ausstellungen von Glasmalerei sind daher leider sehr selten geworden. Darüber hinaus drängten auch viele der modernen Kunst zugeneigte Museumsleute die Leistungen der Glasmalerei in der Vergangenheit bewusst ins Abseits. Sie passte nicht in ihr ideologisches Konzept, das sich gegen Monumentalität richtete und egalitärere Richtungen wie Aktions-, Installations- oder Konzeptkunst einseitig protegierte. Dem Karlsruher Landesmuseum gebührt Anerkennung und Respekt dafür, dass es sich diesem wichtigen Kapitel der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst widmet.

Die Ausstellung „Glasmalerei der Moderne. Faszination Farbe im Gegenlicht“ ist noch bis zum 9. Oktober zu besichtigen. Das Badische Landesmuseum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 26,90 Euro kostet.

Kontakt:

Badisches Landesmusem Karlsruhe

Schloss

DE-76131 Karlsruhe

Telefon:+49 (0721) 926 65 14

Telefax:+49 (0721) 926 65 37

E-Mail: info@landesmuseum.de



11.09.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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09.07.2011, Glasmalerei der Moderne. Faszination Farbe im Gegenlicht

Bei:


Badisches Landesmusem

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Jan Thorn Prikker, Glasfenster mit Fisch- und Kreuzsymbolen, 1928
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Jan Thorn Prikker, Der Künstler als Lehrer für Handel und
 Gewerbe, 1910/1911
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Adolf Hölzel, Abstraktes
 Fenstermosaik für die Verglasung des Stuttgarter Rathauses, um 1928
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Jan Thorn Prikker, Glasfenster mit Fisch- und Kreuzsymbolen, 1928

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Adolf Hölzel, Abstraktes Fenstermosaik für die Verglasung des Stuttgarter Rathauses, um 1928

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