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Mit der Kunst des Realismus in ihren verschiedenen Spielarten um 1970 feiert das Aachener Ludwig Forum seinen 20sten Geburtstag

Härter als die Realität?



Am 27. Juni 1991 fing alles an. Unter dem Motto „Die neue Art Museum“ öffnete damals in Aachen ein Haus, das durch die Schenkungen und Leihgaben des Aachener Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig zu dem neuem Typus eines „Forums“ wurde, das zur Präsentation und Diskussion der jeweils aktuellsten Kunstentwicklungen einlud. Das 20jährige Jubiläum des Ludwig Forums Aachen ist nun der Anlass für eine dreiteilige internationale Ausstellungsreihe: Das „Mutterhaus“ der Sammlung, die sich inzwischen über elf Institutionen weltweit erstreckt, widmet sich nach einem Beitrag am Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien und vor der noch folgenden Ausstellung im Ludwig Múzeum Budapest den Realismus-Strömungen in Malerei, Fotografie und Skulptur um 1970.


Der Titel der Ausstellung „Hyper Real – Kunst und Amerika um 1970“ suggeriert eine Konzentration auf das genuin US-amerikanische Phänomen des Fotorealismus’, doch ist in Aachen nahezu alles vertreten, was im Zusammenhang mit dem Realismus in der Mitte des 20sten Jahrhunderts steht. Konrad Klaphecks „Athletisches Selbstbildnis“, eine nüchtern dargestellte Schreibmaschine, ist wohl kaum auf fotorealistische Charakteristika zu reduzieren, sondern vereint diese viel eher mit Merkmalen des Surrealismus und der Pop Art zu einem eigenen Stil. In dem Begleitblatt zur Ausstellung erfährt der Besucher zwar dann beiläufig, dass die Maschine eine „beinahe surreale Aufladung“ erfährt, was jedoch vermutlich den meisten Besuchern entgehen wird. Das entpuppt sich als deutliche Schwäche der Ausstellung, die versucht eine Fülle an unterschiedlichen Werken – es sind immerhin 250 zusammengekommen – unter einem Thema zu subsumieren, wobei eine deutliche Erklärung der Zusammenhänge fehlt.

Arbeiten des Fotorealismus und Hyperrealismus werden kombiniert mit Bildern von Jean-Michel Basquiat, Gemälde der Pop Art hängen neben ihrem Wegbereiter Jasper Johns, die Rezeption des Fotorealismus auf der Documenta 5 in Kassel lässt das Stimmungsbild in Europa aufblitzen, das Themenfeld amerikanische Stadt und Landschaft ist vertreten, und die Kuratoren unternehmen den Versuch, den verschiedenen Gattungen Malerei, Skulptur und Fotografie Rechnung zu tragen. Dem Besucher wird zu verstehen gegeben, dass all diese Entwicklungen und Werke miteinander zu tun haben, ihr genaues Verhältnis zueinander bleibt jedoch recht unklar.

Der amerikanische Fotorealismus entstand in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren und kann als Gegenantwort auf die damals vorherrschende Abstraktion gesehen werden. Die Gemälde reproduzieren meist vorhandene Fotos mit einer absoluten Detailgenauigkeit. Da die Künstler für die Arbeiten oft mehrere Lichtbilder als Vorlagen kopierten, werden die Bilder zu hyperrealen Darstellungen verwoben, mit einer für eine Kamera unmöglichen Schärfe auf allen Bildebenen. Extreme Perspektiven wie der schräge Blick nach oben auf ein Meer von Reklametafeln in Robert Cottinghams „Carl’s“ von 1975, die Wiedergabe von spiegelnden Oberflächen und Reflexionen, wie sie Richard Estes in den Fenstern einer Apotheke eindrucksvoll zur Schaustellt, und große Formate wie bei Robert Bechtle und seinem extrem fotorealistischen Familienporträt „Berkeley Pinto“ sind typische Merkmale dieses Stils.

Chuck Close hingegen spielt mit den partiellen Unschärfen von Fotografien und übernimmt sie in seine Bildnisse. Wie ein missglücktes und dennoch ins Monumentale gesteigertes Passbild wirkt das Porträt des kalifornischen Bildhauers Richard Serra, der den Betrachter mit gelangweiltem Blick, leicht vorgeschobener Kinnpartie und unvorteilhafter Untersicht von der riesigen Leinwand herab anstarrt. Auf die Spitze getrieben sind die Spiegellungen, Reflexionen und Lichtspiele bei Richard Estes’ Blick auf die Frontscheibe eines Busses. Versatzstückartig entdeckt der Betrachter hinter all dem Glas, Lack und Chrom einzelne menschliche Körperteile der Passagiere. Gesichter sind allerdings keine auszumachen, so dass die Anonymität der Großstadt unangefochten bleibt. An dem „Chrom-Effekt“ hat auch Ralph Goings, einer der Hauptvertreter des Stils, nicht gespart. Sein Wohnwagen der Marke „Airstream“ glitzert und glänzt im gleißenden Sonnenlicht der Wüste mit den VW-Felgen eines Don Eddy aus dem Jahr 1971 um die Wette.

Als Peter und Irene Ludwig – das Paar ist übrigens direkt am Anfang der Ausstellung in einem Porträt von Jean Olivier Hucleux zu sehen – bereits Ende der 1960er Jahre anfingen, die neue Kunst aus Übersee zu sammeln, stießen sie vielerorts auf Unverständnis. Die oft alltäglichen Motive und die nüchterne Bildsprache schienen den meisten Kunstfreunden zu banal, als dass sie bildwürdig sein könnten. Wie falsch diese erste Einschätzung war, zeigte sich bereits 1972 auf der berühmten Kasseler Documenta 5, wo Chefkurator Harald Szeemann die Werke dieses Stils als „Fotorealismus“ oder „Hyper Realism“ erstmals in Europa in großem Maßstab vorstellte. In einem Raum wird jetzt in Aachen über Briefe, Interviews und zeitgenössische Berichterstattungen der Realismus-Diskurs um 1970 skizziert. Wie damals setzt das Ludwig Forum nun wieder Werke des genuin amerikanischen Realismus anderen Konzepten aus Europa entgegen.

Mit dem Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch und einer Serie geometrisch monochromer Farbfelder von Gerhard Richter stehen sich die zwei Auffassungen von Darstellbarkeit, Konzeptkunst und Fotorealismus, gegenüber. Das monumentale Gemälde „Medici“ von Gertsch war schon 1972 als Leihgabe der Ludwigs auf der Documenta vertreten. Es zeigt Freunde des Künstlers, die sich amüsiert über eine Baustellenabsperrung lehnen, die den Namen Medici als Baufirmensignet trägt. Ähnlich wie auch sein Künstlerkollege Chuck Close stellt Gertsch in seinem Gemälde den scheinbar objektiven Abbildcharakter der Fotografie in Frage. Durch die Bearbeitung als Gemälde erhält das Sujet einen symbolträchtigen Charakter, der mit der Konfrontation von Kunst und Barrieren spielt.

Handelsübliche Lackmusterkarten hatte Gerhard Richter zwischen 1966 und 1974 abgemalt und vergrößert. „Permutation 1 – 1024“ ist eine fünfteilige Arbeit, der ein mathematisches System zu Grunde liegt. Sie beginnt mit einem Bild aus vier Quadraten in Komplementärfarben, dem im Sinne der arithmetischen Progression Bilder mit 16, 64, 256 und mit 1024 Farbfeldern folgen. Ihre Anordnung ist jedoch willkürlich und widerspricht somit jeglichem konzeptuellen Grundgedanken des Werks – ein Verwirrspiel mit den Hauptströmungen der zeitgenössischen Kunst.

Seine Wurzeln hat der Fotorealismus in der Hinwendung zur Realität durch die Pop Art, weshalb in Aachen auch Andy Warhol und Co am Anfang der Schau zu finden sind. Riesige Comicstrips von Roy Lichtenstein gesellen sich zu dem Pin-up von Mel Ramos, das sich lasziv auf einem Nilpferd räkelt. Aus der Werbeindustrie kommt nicht nur Warhol, der neben anderen Werken auch mit seinen „Flowers“ und „Orange Car Crash“ aus seiner Desaster-Serie vertreten ist, sondern ebenfalls der Reklamemaler James Rosenquist. Seine Darstellung der Joan Crawford als Protagonistin einer Zigarettenanzeige lässt diese Herkunft offensichtlich werden.

Tom Wesselmann zog ästhetische Anregung ebenfalls aus der Werbung. Eine seiner „Great American Nudes“ ist im Wiener Museum Moderner Kunst beheimatet und darf schon deshalb in der Aachener Schau nicht fehlen. In mehreren Bildebenen entfaltet sich vor dem Auge des Betrachters ein Interieur. Telefon, Heizung, Tisch, Blumenvase, Vorhang und Stuhl sind reale Objekte, der anonyme Frauenakt in typisch Wesselmannscher Manier ist jedoch an die Rückwand des Raumes gemalt.

Der Fotorealismus förderte die Betrachtung von Fotografie als Kunst im erheblichen Maße und unterstützte die Anerkennung von Fotografen als Künstler. Begleitet werden die pikturalen Werke in der Schau deshalb von Arbeiten der Fotografie, die zeitlich parallel zur hyperrealistischen Malerei entstanden sind. Die Lebenswelt der Mittelschicht wird zum führenden Sujet in den Abzügen von Dan Graham. Seine 1966 entwickelte Serie „Homes for America“ behandelt in kritischer Sichtweise die Umgebung seines Heimatortes New Jersey, die in ihren neuen Architekturformen zur Vereinsamung des Einzelnen in der Masse beiträgt. Den seriellen Blick hat der Künstler gemeinsam mit Lee Friedlander, der 20 Blicke in Innenräume mit laufendem Fernseher festhielt. Weitere wichtige Vertretern der „New Topographics“, wie unter anderen die Fotografen Lewis Baltz und Stephen Shore genannt werden, runden den weiten Ausstellungsreigen ab.

Den alten Gedanken des Paragone, dass nicht nur die Malerei, sondern auch die Skulptur die Wirklichkeit lebensecht wiedergeben kann, demonstrieren die Plastiken von Duane Hanson und John De Andrea eindrucksvoll. Letzterer schuf seine „Woman on Bed“ im Jahr 1974. Bei dem lebensgroßen, nackten Körper der schlafenden Frau aus Fiberglas und Polyester scheint man den ruhigen Atem förmlich zu spüren. Hansons etwas übergewichtige Frau mit Lockenwicklern im Haar und Zigarette im Mund kann als Spiegel der amerikanischen Konsumgesellschaft gesehen werden. Auch seine drei verwirrend lebensechten Obdachlosen, über die man als Besucher fast zu stolpern scheint, vermitteln den sozialkritischen Ansatz im Werk des Amerikaners.

Wie die Künstler seit 1980 bis heute mit dem Realen und der Wirklichkeit in der Kunst umgehen, zeigen die letzten Räume im Forum Ludwig, in denen Arbeiten von Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, Jeff Koons, Larry Sultan und Thomas Demand zu sehen sind. Basquiat und Haring bezogen beide auf unterschiedliche Weise ihre Inspiration aus der Street Art, von Graffiti und Taggs der New Yorker Straßen. In „Ishtar“ verknüpft sie der Afroamerikaner Basquiat mit Formen der afrikanischen Stammeskunst, Comicfiguren und Schriftzügen. Verstörend wirkt das Wirrwarr aus verschlungenen schwarzen Linien, die Haring 1985 auf eine gelbe LKW-Plane malte, und darin erstmals mit dem Thema AIDS künstlerisch an die Öffentlichkeit trat. Er war selbst infiziert und starb fünf Jahre später.

Wie die Brücke vom Fotorealismus zu Jeff Koons und seiner erotisch-blasphemisch aufgeladenen Holzskulptur „Jeff and Ilona made in heaven“ zu schlagen ist, offenbart sich dem Besucher des Ludwig Forums nicht wirklich. Es ist eine lebensgroße Darstellung von Koons selbst und seiner Frau und späteren Exfrau Ilona Staller, besser bekannt als „Cicciolina“, die sich als Pornodarstellerin einen Namen machte und als Abgeordnete im italienischen Parlament für den ein oder anderen Skandal sorgte.

Einem Spiel mit der Wirklichkeit gibt sich Thomas Demand hin, wenn er bekannte Orte wie das Oval Office original getreu aus Papier nachbaut, um sie dann zu fotografieren und anschließend wegzuwerfen. Er verlässt also das Spektrum der Dokumentarfotografie und regt den Betrachter an, über die Konstruiertheit des Bildes zu reflektieren. Auch Larry Sultan arbeitet nur quasi-dokumentarisch. Seine Serie „The Valley“ aus den Jahren 1998 bis 2000 präsentiert den Arbeitsalltag von Pornodreharbeiten im San Fernando Valley. Dabei bildet er die Darsteller in einer oft unbeteiligten Pose ab. Eingebettet in die Vorortatmosphäre – die Drehorte waren oftmals Privathäuser – wirken die Bilder wie friedliche Idyllen, hinter deren trügerischem Schein die harte Realität wartet.

Die Ausstellung „Hyper Real – Kunst und Amerika um 1970“ läuft bis zum 19. Juni. Das Ludwig Forum Aachen öffnet am Dienstag, Mittwoch und Freitag zwischen 12 und 18 Uhr, am Donnerstag von 12 bis 20 Uhr sowie am Samstag und Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

Kontakt:

Ludwig Forum

Jülicher Strasse 97-109

DE-52070 Aachen

Telefon:+49 (0241) 18 07 104

Telefax:+49 (0241) 18 07 101



10.06.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Lena Hennen

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