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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Die Frankfurter Kunsthalle Schirn widmet sich zum 25sten Bestehen surrealen Dingwelten

Abseits der Norm



Welche Funktion besitzt Kunst und wie vermitteln dies Ausstellungshäuser? Die Konzepte dazu sind ebenso divergent wie konträr. Vor besonderen Herausforderungen stehen allerdings jene Kunsthallen, die ohne eigenen Fundus agieren müssen, wie das Haus der Kunst in München, der Martin-Gropius-Bau in Berlin, die Bonner Bundeskunsthalle oder die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Um den Mangeln an kontinuierlich anziehenden eigenen Glanzpunkten auszugleichen, sind neben originellen Ideen am Puls der Zeit finanzielle Kraftakte sowie eine visionär wie umsichtig agierende Leitung gefragt. Etabliert vor einem Vierteljahrhundert in einer kulturell fruchtbaren Epoche, konnte sich die Schirn unter dem Direktorat von Christoph Vitali (1986-1994), Hellmut Seemann (1994-2001) und seit 2001 von Hans Hollein nachhaltig und weitreichende Resonanz in Europa verschaffen.


Erbaut mitten im historischen Stadtkern Frankfurts am alten Königsweg zwischen Dom und Römer, wo einst an Verkaufsständen, sogenannten „Schirnen“, Waren feilgeboten wurden, herrscht auch heute noch lebhafte Betriebsamkeit, also genau der richtige Standort für das Aufeinandertreffen von Kunst und Publikum. Das Team Bangert, Jansen, Scholz & Schultes entwarf dafür einen 140 Meter langen und zehn Meter schmalen Komplex, der nicht einfach zu bespielen ist. Doch dank dem Geschick der Kuratoren standen bislang gestalterische Umsetzungen und interessante Exponate in ausgeglichener Balance zueinander. Mit ausgefallenen Themen, einem teils schrägen Programm und der Verortung im Zeitgeschehen konnte die Schirn immer wieder die Neugierde des Publikums wecken und dabei wissenschaftliche Fragestellungen nicht aus den Augen verlieren. Sechs Millionen Besucher in rund 200 Ausstellungen seit der Eröffnung am 28. Februar 1986 sind dafür der Beweis.

Unter diesen Vorzeichen scheint die Jubiläumsschau genau die richtige. Erstmals widmet sich mit der Schirn eine Institution umfassend den dreidimensionalen Arbeiten des Surrealismus. Hinein gelangt der Besucher nur über eine doppelläufige Stiege, deren Handläufe bereits mit grob behaartem Fell ausstaffiert sind. Vorbei an skurrilen Attrappen in dämmrigen Lichtverhältnissen schlenkert die Ausstellungsarchitektur zwischen Frankensteins Gruselkabinett und bordellartigen Verhältnissen. Dann beginnt der Ernst. Am besten startet man in der Rotunde, wo Texte und Fotografien die Chronologie der Bewegung sprichwörtlich aufrollen. Von der schon 1913 vom geistigen Urvater Guillaume Apollinaire propagierten Offenheit für neue Materialien über Marcel Duchamps Readymades wie den Flaschentrockner oder das umgedrehte Pissoir sowie Pablo Picassos 1914 aus gefundenen Materialien zusammengefügtes „Absinthglas“ gelangt man in die Dada-Bewegung der 1920er Jahre mit ihren frechen Arbeiten.

1924 ist es dann soweit: Der theoretische Spiritus Rector der Bewegung, André Breton, verfasst das „Erste Surrealistische Manifest“. Zunächst primär von der Literatur geprägt, entwickeln nun ehemalige Dada-Künstler wie Max Ernst, Joan Miró, Yves Tanguy, André Masson und René Magritte einen spezifisch surrealistischen Ausdruck. Schon 1922 kreiert Man Ray mit dem mit Nägeln besetzten Bügeleisen „Cadeau / Geschenk“ eine Inkunabel des surrealistischen Objektes. Als dann Salvador Dalí und Alberto Giacometti zur Gruppe der Surrealisten hinzutreten, erhält die Objektkunst einen starken Schub. Giacometti ist der erste Künstler, der seine Arbeiten explizit als Objekte bezeichnet und damit vom Begriff Skulptur Abstand nimmt, da er ihm mit zu viel Ästhetik befrachtet scheint.

In den 1930er Jahren stellen nicht nur Künstler, sondern auch Schriftsteller und Sympathisanten Objekte her, deren Definition ausgesprochen weit gefasst wird. Die umfassendste Ausstellung surrealistischer Objekte wird im Mai 1936 in der Pariser Galerie Charles Ratton eröffnet. Als Höhepunkt und zugleich Abschlussmanifestation der engeren surrealistischen Bewegung gilt die 1938 eröffnete „Exposition Internationale du Surréalisme“ in den Räumen der Pariser Galerie Wildenstein. Streitereien in der Gruppe, der Ausschluss Dalís im Jahr 1939, Kriegsereignisse sowie politische Umstände führen zum vorläufigen Ende der surrealistischen Gemeinschaft. Nach dem Krieg läuft die Bewegung in der „Exposition inteRnatiOnale du Surréalisme (EROS)“ 1959 in der Galerie Cordier in Paris zur letzten Blüte auf. In der als dunkle Höhle gestalteten Schau bildet ein „kannibalisches Festmahl“ von Meret Oppenheim den Höhepunkt. Lebensmittel wie Austern, Hummer oder Obst werden auf dem Körper eines entblößten Mannequins angerichtet. Mit dem Tod André Bretons im Jahr 1966 gilt der Surrealismus als beendet.

Die lange Halle der Schirn gibt im Anschluss recht eng bestückt rund 110 Objekten und 70 Fotografien von 52 Künstlern Platz. Während Max Ernsts „Habakuk“, eine aus kegelförmigen Elementen abstrakt modellierte, vogelartige Figur, ebenso wie vier aus farbigen Metallplättchen, Scheiben oder Stäben zusammengesetzten Mobiles und Stabiles von Alexander Calder etwas Verspieltes und Heiteres implizieren, signalisieren Meret Oppenheims Pelzhandschuhe mit vorschauenden blutrot lackierten Holzfingernägeln eher das Unheimlich-Makabere eines Gruselkrimis. Die für die Einführung animalischer Elemente in die Kunst bekannte Künstlerin schuf 1936 auch das legendäre Pelzgedeck aus pelzüberzogenen Tassen, Untertassen und Löffeln.

Die Herauslösung von Elementen aus ihrem gewohnten Kontext und ihre Integration in ein fremdes Umfeld regte die Künstler nicht nur zu eigener Kreativität an, sondern provozierte beim Betrachter vielfach auch schockierendes wie erhellendes Staunen. Humorvoll, träumerisch, psychologisch, erotisch und damit erstaunlich zeitgenössisch geben sich die dem Rationalen völlig zuwiderlaufenden Objekte aus Fundstücken. Teils überraschende Assoziationen, in denen Widersprüchliches humorvoll verschmolzen wird, komponierte etwa George Grosz. Im Jahr 1920 verwandelte er eine Schneiderpuppe in ein aktionistisches Antikunstwerk gegen die bürgerliche Kultur. Den rechten Unterschenkel ersetzte er durch einen Lampenfuß in Anspielung auf die vielen Kriegsversehrten, an der Stelle des Kopfes blinkt eine Glühbirne, die für die Manipulierbarkeit des vermeintlich leuchtenden Verstandes beim „wildgewordenen Spießer Heartfield“ steht.

„The Evil Eye – Der böse Blick“, ein großes, empathisches Auge in einem Plexiglaskasten von Enrico Donati aus dem Jahr 1947, dessen rückseitiges Affengesicht Taschenspiegel reflektieren, gehört zu den unheimlichsten Exponaten der Schau, der aus Schwämmen zusammengesetzte Regenschirm von Wolfgang Paalen sicherlich zu den bizarrsten. Magrittes 1932 mit einem Wolkenhimmel bemalte Porträtbüste Napoleons fehlt im weiteren Verlauf ebenso wenig wie das gleichfalls berühmte, vier Jahre später von Dalí ausgedachte „Hummertelefon“ und die Schubladen durchsetzte Figur der Venus. Allein 21 Objekte steuert Man Ray bei, die vordergründig die Nahrung thematisieren, aber eng mit dem Motiv der Sexualität verbunden sind. Besonders seine Objekte bewegen sich im Nukleus surrealistischer Ausprägungen: Der Körper, oft als Torso in Teile fragmentiert, wird eine ins Absurde wie Humorvolle gekippte Übersteigerung mit unübersehbar erotischen Untertönen.

Neben dieser vielseitigen Auseinandersetzung mit der Sexualität bildet permanent die Psychoanalyse von Sigmund Freud eine der wichtigsten Inspirationsquellen der Surrealisten bei ihrer Beschäftigung mit unerfüllten Wünschen und Begehren. Aber auch auf Vergangenes wird Bezug genommen. In der Tradition der Renaissance steht etwa ein von Marcel Jean 1940 entworfener surrealistischer Schrank, bei dem lackierte reale Holztüren vor dem Hintergrund einer Landschaftsmalerei eine weitere Illusionsebene vortäuschen. Nicht vergessen werden sollte die berühmte „Onanistische Schreibmaschine“ aus dem Jahr 1940. Conroy Maddox stellte sie auf ein weiches Samtkissen, dem der Schmerz des Arbeiten gegenübersteht, denn jeweils ein Nagel mit der Spitze nach oben besetzt jede Anschlagstaste. Marcel Mariëns einglasige Brille, das Label dieser Schau, regt abschließend noch einmal zum genauen Hinsehen an und erweitert wie die vielen anderen, überwiegend kleinen Objekte als Extrakt des Surrealismus die Sicht auf die Bewegung.

Die Ausstellung „Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray“ ist bis zum 29. Mai zu besichtigen. Die Schirn Kunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Museumskasse 34,80 Euro kostet.

Kontakt:

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Am Römerberg

DE-60311 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 2998820

Telefax:+49 (069) 29988240

E-Mail: schirn@schirn.de



15.04.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


11.02.2011, Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Man Ray bis Dalí

Bei:


Schirn Kunsthalle Frankfurt

Bericht:


Risse in der Wirklichkeit










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