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Gegensätze in Chemnitz: Die Kunstsammlungen stellen Michael Morgners dunkle Menschenvisionen den heiteren Horizontdeklinationen Jan Dibbets’ gegenüber

Erdenschwere und himmlische Leichtigkeit



Michael Morgners Kunst ist keine leichte Kost. Betritt man derzeit die Wechselausstellungsräume der Kunstsammlungen Chemnitz im Haus am Theaterplatz, wird man schon allein von Präsenz der großformatigen Arbeiten im ersten Saal überwältigt. Nur sieben Werke, die teils aus mehreren Tafeln bestehen, füllen hier die weißen Wände mit ihren aufgerissenen, grauschwarzen, braunen und weißen Oberflächen aus. Auf den ersten Blick erscheinen sie wie abstrakte reduzierte Farblandschaften. Doch dann schälen sich menschliche Gestalten oder Symbole aus dem oftmals filigranen Farbgewirr heraus, die den Weg zum Inhalt der Bilder ebnen. Schon Morgners Titel legen nahe, dass er in seinen Arbeiten existenzielle Fragen behandelt: Sie heißen etwa „3 Figuren im Raum“, „Studie zum Turiner Schweißtuch“, „Jüdisches Requiem“ oder „Selbstportrait“.


In seiner Kunst nimmt Michael Morgner stets den Menschen als Bezugspunkt, und hier vor allem den leidenden und geschundenen. Das hat mit seiner Biografie zu tun. 1942 in Chemnitz geboren, erlebte Morgner noch als kleiner Junge das Ende des Zweiten Weltkrieg, den Selbstmord seiner Verwandten, die sich aus Angst vor den Russen erschossen haben, nach seinem Studium von 1961 bis 1966 in Leipzig die Repressalien des DDR-Regimes und 1986 den Tod seiner Frau Dörte. „Meine Motivation in der DDR war immer, etwas herzustellen, an dem sich andere Leute aufrichten konnten“, so Morgner. Gerade deswegen hat er sich mit hoher Energie stets an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft für den Menschen engagiert. Er war Gründungsmitglied der Chemnitzer Künstlergruppe „Clara Mosch“ und der dortigen Produzentengalerie „Galerie Oben“, die für die Belebung des kulturellen Lebens in der DDR von weitreichender Bedeutung waren, sowie Mitinitiator der Kunstvereins „Kunst für Chemnitz“.

Seine berühmteste Schöpfung dürfte wohl die gekrümmte „Angstfigur“ sein, eine in ein Korsett aus Verstrebungen eingezwängte, unfreie menschliche Gestalt, die sich aus ihren Zwängen befreien möchte. Für Morgner ist sie eine Verkörperung des Lebens in der DDR, der Versuch der allgemeinen Gleichschaltung, die Unmöglichkeit wegzulaufen und das Stieren ins Nichts. Diese menschliche Typologie tritt in vielen seiner Werke in Erscheinung, so auch dreifach rhythmisiert und von einem Judenstern überlagert im Triptychon „Jüdisches Requiem“ von 2000, mit dem Morgner einerseits ein persönliches wie kollektives Manifest des Gedenkens an den Holocaust schuf, anderseits die Verdrängung der Schuld an den Juden durch den DDR-Staat thematisiert, der diese Verbrechen auf die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Dritten Reiches abschob.

Prominent hat Morgner die „Angstfigur“ zudem in dem fünfteiligen „Selbstporträt“ aus dem Jahr 2006 verarbeitet. Über das Fotoportrait, das ihn als ernsten, eines seiner Kunstwerke schützenden Mann zeigt, hat er auf den mittleren Tafeln drei seiner Symbolfiguren als Schablonen angebracht – neben der „Angst“ auch den „Schreitenden“ und den „Aufsteigenden“ – und so sein Selbstverständnis als Künstler in den politischen Umbrüchen der vergangenen 60 Jahre kundgetan. Wie bei den anderen Werken der Ausstellung entdeckt man auch am „Selbstportrait“, dass Morgners expressive Bildsprache in der Wahl seiner Materialen und ihrer Behandlung begründet ist. Der inneren Versehrtheit entspricht die verletzte Oberfläche. Dafür übermalt und überklebt Michael Morgner seine Bilder in der für ihn typischen Lavage-Technik, bringt Asphaltlack und Tusche auf, prägt den Malgrund mit Schablonen oder mit Hautabdrücken, schält Teile der Papiere wieder ab und wäscht die Farbe wieder aus, bis ein aufgerissenes, schrundiges Äußeres erreicht ist.

Die Schau in den Kunstsammlungen Chemnitz steht trotz der wenigen Arbeiten programmatisch für Michael Morgner, der selbst bei der Auswahl der Arbeiten mitgewirkt hat. So ist der vierteilige Zyklus „Einsiedel 5.3.1945“, den Morgner als seine „wichtigste Arbeit“ bezeichnet, erstmals öffentlich vollständig zu sehen. 1985/86 hat sich der Künstler an die Zerstörung des heutigen Chemnitzer Ortsteils am 5. März 1945 erinnert. 40 Jahre nach der Bombardierung werden aus der persönlichen Erfahrung menschlichen Leids in den einzelnen Teilen „Bombennacht“, „Luftschutzkeller“, „Der Tag danach“ und „Schweißtuch“ fast abstrakte, chiffrenartige Großformate. Wie ein Archäologe schürft Morgner hier nach den Spuren der bleiern, todbringenden Vergangenheit, die er als knapp Dreijähriger mit seiner Mutter im Keller einer Brauerei überlebt hat: der schwarze Nachthimmel etwa mit dem dominanten Z für Zuchthaus oder die schwarz gerahmten Leichentücher, auf denen sich die toten Körper der Opfer abzeichnen.

In den an den großen Ausstellungssaal anschließenden Kabinetten tut sich dann einen andere, eine unbeschwerte Gedankenwelt auf. Sie sind Jan Dibbets und seiner Werkgruppe „Horizons“ vorbehalten. Wie schon in seinen frühen Land Art-Projekten aus den 1960er und 1970er Jahren geht es dem Niederländer in den rund 30 klein- bis mittelformatigen Papierarbeiten um die „Korrektur der Perspektive“. In seiner Serie „New Horizons/Land + Sea“ spielt er dafür mit dem Horizont, der „schönsten Linie, die es gibt“, hat jeweils Fotografien einer Dünen- und Meereslandschaft unterschiedlich angeordnet und stellt mit ihnen die geläufigen Sehgewohnheiten der Betrachter etwas auf den Kopf.

Schelmisch entlässt Dibbets den Horizont der abgebildeten Landschaften scheinbar aus dem Gleichgewicht, indem er die auf das Papier montierten Fotografien nicht wie gewohnt im rechten Winkel kombiniert. So meint man, eine fallende Horizontlinie und damit einen verkehrten Ausschnitt der Wirklichkeit zu sehen. Doch tatsächlich bleibt der Horizont als Waagrechte unangetastet. Vielmehr verbinden sich die grün schattierte Wiese und das tiefblaue, von Wellen aufgeschäumte Meer, über denen jeweils ein wolkenloser Himmel in fast identischem Hellblau steht, zu einem irritierenden Naturkonstrukt, das durch die schrägen Begrenzungslinien der quadratischen oder rechteckigen Fotos auf dem chamoisfarbenen Grund und die unterschiedliche Farbgewichtung auf den Bildern entsteht.

Entgegen dem romantischen Topos von der unendlichen Landschaft, entfalten die Linien und Flächen in Dibbets’ Kompositionen die ihnen innewohnende Kraft. Ihm geht es nicht mehr um den Bezug zwischen Mensch und Natur, vielmehr sind seine minimalistischen Collagen auf größtmögliche Neutralität hin angelegt; Dibbets verzichtet auf alles Störende und Schmückende ebenso auf den Menschen und entdeckt in der Abbildung der Realität ein ungeheures Potential der Abstraktion. Mit dem Mittel der Fotografie, der direkten Übertragung des Gesehenen also, verzahnt er diese Gegenpole so untrennbar ineinander, dass die Wirklichkeit als konzeptuelle, spielerische und heitere Interpretation des Künstlers erscheint.

Die Ausstellung „Michael Morgner. Bilder 1985-2008“ ist noch bis zum 20. März zu sehen, die Ausstellung „Jan Dibbets. Horizons“ bis zum 13. März. Die Kunstsammlungen Chemnitz haben dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Katalog zur Dibbets-Schau kostet 29,80 Euro, zur Morgner-Schau 20 Euro.

Kontakt:

Kunstsammlungen Chemnitz

Theaterplatz 1

DE-09111  Chemnitz

Telefax:+49 (0371) 488 44 99

Telefon:+49 (0371) 488 44 24

E-Mail: kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de



07.03.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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