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Die Schirn Kunsthalle eröffnet in Frankfurt neue Sichtweisen auf das Schaffen von Gustave Courbet

Ein sensibler Poet hinter dem harten Realisten



Gustave Courbet, Portrait de l’artiste, dit Le Désespéré (Selbstbildnis als Verzweifelter), 1844-1845

Gustave Courbet, Portrait de l’artiste, dit Le Désespéré (Selbstbildnis als Verzweifelter), 1844-1845

Historische Fotos überliefern den französischen Maler Gustave Courbet als stämmigen, bärtigen Naturburschen: Kräftig, plump, derb, rau. Hinter dem Äußeren verbirgt sich jedoch ein sensibler Kern. Von labiler Natur und widerspenstig, ja aufbrausend oppositionell gibt sich nicht nur Courbets persönlicher Charakter, sondern auch jener seiner Bilder. Hinter der oberflächlich klaren realistischen Sprache lauern aufrührerische Tiefen und hintergründige Strukturen, unsaubere Farben, abgehackte, teils als empörend empfundene Sujets. Diese weniger bekannten Aspekte im Œuvre Courbets sind Thema einer konzentrierten, aber gerade deshalb sehenswerten Schau in Frankfurt. Rund einhundert Bilder konnte der Courbet-Experte und emeritierte Kunstgeschichtsprofessor Klaus Herding in der Schirn versammeln, darunter rund drei Dutzend Highlights und eben so viele Stücke, die bislang noch nie öffentlich ausgestellt waren, auch nicht auf der großen Retrospektive in Paris und New York vor drei Jahren. In Deutschland ist es nach 1977 in Hamburg die erste große Präsentation des französischen Malers.


Einleitend stellen Porträts den 1819 in Ornans bei Besançon geborenen Maler, seine Familie und Freunde vor. Das erste Selbstbildnis zeigt Gustave Courbet aufgeschreckt mit weit offenen Augen und die Haare raufend, enorm nach vorn gebeugt, und streckt sich dem Eintretenden entgegen. Es scheint, als nehme ihn ein ängstlicher Drang gefangen, leidend an tiefen seelischen Erschütterungen, verzweifelnd und unter Spannungen stehend. Einige Jahre später, so um 1847, entstand das „Selbstbildnis am Abgrund“. Abermals nach vorn gestreckt, inszeniert sich Courbet als Mensch, der vor Schreck in das lebensbedrohliche Nichts eines unvollendeten Vordergrundes stürzt.

In die unruhige Phase zwischen 1848 und 1871 fallen die Auseinandersetzung mit der Etikette der akademischen Traditionen und der Widerstand gegen sie. So unterscheiden sich weitere Porträts von Freunden und Familienangehörigen deutlich vom Gewohnten einer feinmalerisch gereiften, Vornehmheit ausstrahlenden Bildniskunst in einer von Luxus und Repräsentation geprägten Gesellschaftselite. Verzicht auf Details, seitliches Profil, Schwarz, Grau und Halbdunkel erzeugen eine Atmosphäre des Innehaltens, der Nachdenklichkeit und Imagination. Rasch wird Courbets Selbstinszenierung zum Hauptthema.

Sowohl Courbets aktives Leben als auch seine Kunst kennzeichnen unerschrockene Wahrhaftigkeit und Leidenschaft für politisch-gesellschaftliche Fragestellungen. Er beobachtet die Alltäglichkeit von Situationen und Personen. Im Gegensatz zum idealistischen Impuls des Naturalismus widmet sich Courbet einer „schlechten Realität“, um genau diese zu überwinden. Eines seiner berühmtesten Gemälde, das 1945 verschollene, einst in der Dresdener Galerie Neuer Meister beheimatete Gemälde „Die Steinklopfer“, schildert ungeschönt und emphatisch den harten Alltag der Tagelöhner. Der Autodidakt mit der kraftvollen Bildsprache war auch als ausgewiesener Gegner der Monarchie politisch tätig.

Courbets Zugriff auf die Wirklichkeit erweist sich als Mittel der Innenwendung und Verfremdung. Zu den Höhepunkten der Schau gehören daher Bilder aus der „Landstraßenserie“, in denen er sich mit sozialen Konstellationen auseinandersetzt. Eines von seinen Aufsehen erregenden großformatigen Manifestbildern ist „Die Rückkehr der Bauern vom Markt“. Die vereinzelten Figuren der unter grau meliertem Abendhimmel heimwärts ziehenden Personengruppe wirken befremdlich wortkarg und der Natur entrückt. Wie Marionetten wandeln sie in der Stille. Ein Bauer in Gehrock und Schirm treibt ein Schwein vor sich her, damals eine Provokation. Ebenfalls seltsam ist der Zug der „Zigeunerin und ihrer Kinder“. Courbet versetzt sich hier emotional in das Los einer umherziehenden Minderheit. Wie in vielen Gemälden sind auch hier die Figuren und Objekte bewusst isoliert oder in Farbflecken aufgelöst, ein merklicher Bruch mit der Tradition.

Mit dem frühesten Blumenstillleben „Blütenzweige und Blumen“ wendet sich Gustave Courbet 1855 diesem Genre zu. Bei ihm gibt es keine fein arrangierten Sträuße mehr. Bunt gemischte Blüten und Fantasieblumen, bei denen poetische Farb- und Formkombinationen vor unbestimmten Hintergründen angeordnet sind, haben nichts mit den repräsentativen Arrangements der Zeit davor gemein. Für einfaches Liebesleben stehen die wenig galanten Blumensträuße im Gemälde „Die Mädchen an der Seine im Sommer“, eines der drei traumhaften Meisterstücke Courbets. Den surrealen Effekt erzielt er durch die zeichenhafte Ausdruckskraft der nach Liebe verlangenden, im Gras liegenden Frauen. Das dahin plätschernde Wasser der Seine spielt auf diesen Liebesdurst an.

Nach mehreren erfolgreichen Ausstellungen weilt Courbet 1858/59 in Frankfurt. Neben zwei melancholisch gehaltenen Stadtlandschaften aus stimmungsvoll disponierten Zwischenfarben kreiert er hier auch eines seiner großen Jagdbilder, den „Hirsch am Wasser“. In romantisch abendlicher Atmosphäre flüchtet das verfolgte Tier in Todesangst ins Wasser, was ähnlich wie das Bildmotiv einer an der Angel hängenden Forelle als eine Art Selbstbildnis angesehen werden kann, in dem sich der Künstler als Opfer inszeniert. Obststillleben leiten das Finale ein. Sie müssen ebenfalls autobiografisch interpretiert werden: Teils schadhaft, angefault und mit abgefallenen Blättern festgehalten, reflektiert Courbet seine Todesangst nach dem Scheitern der Pariser Commune Ende Mai 1871, an deren Aufstand er sich aktiv beteiligt hat. Die unverhältnismäßige Größe der Früchte hat nachfolgend Surrealisten und magische Realisten angeregt.

Die Ausstellung endet mit einer Serie von Landschaftsbildern. Auffallend ist die Tendenz zur Reduzierung gegenständlicher Formen auf Kürzel und ihre Ausformulierung wie gegenstandfreie Skulpturen, ein Spiel, das Paul Cézanne später ebenso weiterentwickelt wie die Verwandlung der Gebilde in Licht und Schatten oder gar einzelne Farbpartikel. Unverkennbar bleibt Courbets Neigung, das Bildfeld zugunsten abstrahierender Flächen aufzulösen.

Tagtraumatischen Charakter besitzen die vielen Meeresbilder mit wechselnden Wolken- und Wellenspielen, die stets von Stille und Einsamkeit begleitet sind. Ab 1860 gewinnen Winterbilder an Bedeutung. Das gefrorene Eis und der lockere Schnee animieren Gustave Courbet, Festigkeit und Auflösung der Materie bildnerisch zu fassen. Er konfrontiert den Betrachter mit einer Natur, die zugleich anziehend und bedrohlich ist. Der Hang zu Zwischentönen, die Vermeidung von Eindeutigkeiten, dicke, teils mit dem Spachtel oder dem Finger auf- oder abgetragene Farben, die Erforschung von Innenwelten, Auflösung der Materie in Landschaftsbildern, politisch-soziale Inhalte in Verbindung mit Gesellschaftskritiken, all diese Aspekte greifen in Courbets Malerei als große Neuerung ineinander.

Seine Bilder führen von Anleihen aus dem 18ten Jahrhundert über den magischen Realismus, den Surrealismus, der abstrahierten Malerei bis hin zur Farbauflösung. Gegen Ende seines Lebens löst er die Materie auf. Seine Malerei bewegt sich konträr zu gängigen Abfolge- und Entwicklungsgedanken der Kunstgeschichte. Die Moderne erweist sich auch am Beispiel Courbets als „unvollendetes Projekt“, wie es Jürgen Habermas einmal formulierte. Wirkungsgeschichtlich von Bedeutung bleibt Gustave Courbets Funktion als Wegbereiter vieler nachfolgender Künstler. Peter Doig, Neo Rauch oder auch Gerhard Richter gehören zu denen, die sich heute gern auf ihn beziehen.

Die Ausstellung „Courbet. Ein Traum von der Moderne“ ist noch bis zum 30. Januar zu sehen. Die Schirn Kunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Zur Ausstellung sind ein Katalog, der an der Museumskasse 34,80 Euro kostet, sowie ein Hörbuch zu 16,80 Euro erschienen.

Kontakt:

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Am Römerberg

DE-60311 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 2998820

Telefax:+49 (069) 29988240

E-Mail: schirn@schirn.de



17.01.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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15.10.2010, Courbet. Ein Traum von der Moderne

Bei:


Schirn Kunsthalle Frankfurt

Variabilder:

Gustave Courbet, Les Demoiselles des bords de la Seine, été (Die Mädchen
 an der Seine, im Sommer), 1856-1857
Gustave Courbet, Les Demoiselles des bords de la Seine, été (Die Mädchen an der Seine, im Sommer), 1856-1857

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Gustave Courbet, La Dame de Francfort (Die Dame auf der Terrasse),
 1858
Gustave Courbet, La Dame de Francfort (Die Dame auf der Terrasse), 1858

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Gustave Courbet, Jo, la belle Irlandaise, 1866
Gustave Courbet, Jo, la belle Irlandaise, 1866

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Gustave Courbet, Nature morte aux pommes
 (Stillleben mit Äpfeln), 1872
Gustave Courbet, Nature morte aux pommes (Stillleben mit Äpfeln), 1872

Variabilder:

Gustave Courbet, Portrait de l’artiste, dit L’homme blessé (Selbstbildnis
 als Verwundeter), 1844-1854
Gustave Courbet, Portrait de l’artiste, dit L’homme blessé (Selbstbildnis als Verwundeter), 1844-1854

Variabilder:

Gustave
 Courbet, Portrait de l’artiste dit Le Fou de Peur (Selbstbildnis am Abgrund), um 1846-1848
Gustave Courbet, Portrait de l’artiste dit Le Fou de Peur (Selbstbildnis am Abgrund), um 1846-1848

Variabilder:

Gustave Courbet, La Truite (Die Forelle), 1873
Gustave Courbet, La Truite (Die Forelle), 1873







Gustave Courbet, Les Demoiselles des bords de la Seine, été (Die Mädchen an der Seine, im Sommer), 1856-1857

Gustave Courbet, Les Demoiselles des bords de la Seine, été (Die Mädchen an der Seine, im Sommer), 1856-1857

Gustave Courbet, La Dame de Francfort (Die Dame auf der Terrasse), 1858

Gustave Courbet, La Dame de Francfort (Die Dame auf der Terrasse), 1858

Gustave Courbet, Jo, la belle Irlandaise, 1866

Gustave Courbet, Jo, la belle Irlandaise, 1866

Gustave Courbet, Nature morte aux pommes (Stillleben mit Äpfeln), 1872

Gustave Courbet, Nature morte aux pommes (Stillleben mit Äpfeln), 1872

Gustave Courbet, Portrait de l’artiste, dit L’homme blessé (Selbstbildnis als Verwundeter), 1844-1854

Gustave Courbet, Portrait de l’artiste, dit L’homme blessé (Selbstbildnis als Verwundeter), 1844-1854

Gustave Courbet, Portrait de l’artiste dit Le Fou de Peur (Selbstbildnis am Abgrund), um 1846-1848

Gustave Courbet, Portrait de l’artiste dit Le Fou de Peur (Selbstbildnis am Abgrund), um 1846-1848

Gustave Courbet, La Truite (Die Forelle), 1873

Gustave Courbet, La Truite (Die Forelle), 1873

Gustave Courbet, La Vague (Die Woge), 1869

Gustave Courbet, La Vague (Die Woge), 1869

Gustave Courbet, Portrait d’Alfred Bruyas, dit Bruyas malade (Bildnis des kranken Alfred Bruyas), 1854

Gustave Courbet, Portrait d’Alfred Bruyas, dit Bruyas malade (Bildnis des kranken Alfred Bruyas), 1854

Gustave Courbet, Portrait de Charles Baudelaire, um 1848

Gustave Courbet, Portrait de Charles Baudelaire, um 1848

Gustave Courbet, Liegender Frauenakt (La Bacchante), um 1844-1847

Gustave Courbet, Liegender Frauenakt (La Bacchante), um 1844-1847

Gustave Courbet, Les Paysans de Flagey revenant de la Foire, Ornans (Die Rückkehr der Bauern vom Markt), 1850-1855

Gustave Courbet, Les Paysans de Flagey revenant de la Foire, Ornans (Die Rückkehr der Bauern vom Markt), 1850-1855

Gustave Courbet, La Rencontre ou Bonjour, Monsieur Courbet (Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet), 1854

Gustave Courbet, La Rencontre ou Bonjour, Monsieur Courbet (Die Begegnung oder Bonjour, Monsieur Courbet), 1854




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