Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Anzeige

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Das Haus der Kunst stellt Marlene Dumas’ unverwechselbare, ätherische Gesichter den Kopfstudien Alter Meister gegenüber und sucht in der Ausstellung „Tronies“ nach Gemeinsamkeiten

Das Menschliche hinter der Fassade



Für die Malerin Marlene Dumas, die mit ihren subtilen, flüchtig hingetuscht wirkenden Gesichtern das menschliche Antlitz in den letzten Jahrzehnten wie kaum ein anderer Gegenwartskünstler in den Mittelpunkt künstlerischer Auseinadersetzung rückte, mag die Gegenüberstellung mit Kopfstudien Alter Meister ein reizvoller Gedanken sein. Immer wieder betont die in Südafrika geborene Künstlerin, deren blasse, wie scheinbar vom Tod berührte Köpfe sie zu einer der interessantesten Kunstschaffenden werden ließ, dass sie den Begriff des Porträts für ihre Menschenbilder strikt ablehnt. Und auch die hier gezeigten „Tronies“ der Alten Meister – so der Titel der Ausstellung im Münchner Haus der Kunst – wurden nie als Porträt gesehen, sondern waren eine Bezeichnung für Typen und Charaktere wie Bettler, Bauern und Alte. Sie dienten als eine Art Katalog für größere Kompositionen, für Marktszenen und Genrebilder. Doch schon an diesem Punkt beginnt der erste Zweifel, ob diese Ausstellung wirklich zu tiefgreifenden Erkenntnissen kommt, zumal Kunstbegriff und künstlerisches Selbstverständnis von Marlene Dumas und namhaften Meistern des Frühbarock, darunter Malern wie Michael Sweerts, Judith Leyster oder Jan Lievens, weit auseinanderdriften.


Marlene Dumas, die von sich behauptet, eine Künstlerin zu sein, „die second-hand Abbildungen und first-hand Emotionen benutzt“, malt Bilder von Menschen, die in ihrem privaten und globalen Erfahrungsraum Spuren hinterlassen haben. Die Projektionsflächen sind aber keine Muster, wie etwa Naomi Campbell, Osama bin Laden, Jesus, Helena, die Tochter der Künstlerin, oder ein als „Neighbour“ bezeichneter, bleicher junger Mann, der zum Kreis der verdächtigen Mörder des niedergestochenen Filmemachers Theo van Gogh gehören könnte. Es sind Bilder, für die Fotografien die Vorlagen lieferten und die ihren realistischen Abbildcharakter längst verloren haben.

Als seien Genauigkeit und Schärfe der Kontur ein Mittel der Täuschung und der falschen Fährte, zerfließen Dumas’ Gesichter in schleierhaften Oberflächen. Dunkel und in changierenden Farben treten Augen und Münder hervor. Eine ambivalente Maskenhaftigkeit liegt auf den Gesichtern, die der Vermessung des Verborgenen zu dienen scheinen. Die Fotos und die Menschen, die Marlene Dumas inspirieren, sind der Stoff, aus dem sich ihr großes Thema speist: wo steckt das Menschliche hinter der Fassade sowohl bei einem Supermodel als auch bei einem Verbrecher. Menschliche Gesichter mutieren zu einer Expedition in die dunklen Regionen künstlerischer Subjektivität, wie es beispielsweise eine große Serie von Frauenköpfen oder eine Reihe Jesus-Bilder vorführen, die aus der 21teiligen Folge „Jesus-Serene“ von 1994 stammen. Ein Bärtiger, ein androgyner Typ, der klassische Nazarener mit Mittelscheitel, ein Melancholiker: Jesus als multiple Vision, als Wunschbild, als Wahrheit mit vielen Gesichtern.

Marlene Dumas steht mit ihrer Negation des tradierten Porträtbegriffs und der Bejahung zur Bildnismalerei in bester Tradition der Moderne. Denn spätestens seit Pablo Picasso ist das Porträt nicht mehr interpretierendes Abbild im Sinne von schön und wahr. Es hat sich zum Spiegel der Künstlerseele, zum Ausdruck einer Weltsicht gewandelt. Man denke nur an die fragilen Striche eines Egon Schiele, in denen die existentielle Empfindung des Malers sich geradezu physisch nachempfinden lässt. Und wen auch immer der englische Maler Francis Bacon auf seinen Gemälden dargestellt hat, seine Zweifel an einer aus der Balance geratenen, deformierten Gesellschaft stand ihnen im Gesicht geschrieben. Dass die in Amsterdam lebende Dumas in ähnlicher Weise arbeitet, zeigt nicht nur das schon 1975 entstandene Bildnis „Shelley“, dessen zerkratze, malerisch attackierte Oberfläche eher die Gefühlslage der Künstlerin zum Ausdruck bringt als ein Abbild der Dargestellten.

Das daneben gehängte Tronie einer alten Frau, um 1630 von einem Rembrandt-Schüler gemalt, zeigt im bildnerischen Aufbau und auch in seiner Düsterheit durchaus Ähnlichkeiten, doch was hat die durch Ritzung hervorgebrachte Verdeutlichung von faltiger Haut mit dem emotionalen, schöpferischen Kommentar der Künstlerin im Falle „Shelleys“ wirklich gemein? Dumas Köpfe sind kein Typensammlung. Mit ihrer „Barbie“, diesem sauberen, idealisierten Mädchen aus dem Labor der Supermaße, das mit hohlen Augen Verunsicherung suggeriert, mit dem bleiche Gesicht des Blattes „Kiss“, das mit rot umrandeten Konturen ein inneres Brennen andeutet, und auch mit dem zerfließenden Gesicht der Tochter Helena zieht uns Marlene Dumas in einen Diskurs über die Verletzlichkeit des Physischen wie auch des Psychischen hinein. Faszinierend, wie sie da malerisch im Unbestimmten bleibt. Aber gerade diese Ambivalenz aus Flüchtigem und Direktem, aus Ätherischem und Konkreten macht sie zu einer der tiefgründigsten Künstlerinnen unserer Zeit, und „Tronies“ letztlich doch zu einer sehenswerten Ausstellung.

Die Ausstellung „Tronies. Marlene Dumas und die Alten Meister“ ist bis 6. Februar 2011 zu sehen. Das Haus der Kunst hat montags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr, donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 7 bzw. 2 Euro. Der Katalog mit Texten von Chris Dercon, León Krempel und Marlene Dumas ist auf Deutsch und Englisch im Richter-Verlag erschienen und kostet 32 Euro.

Kontakt:

Haus der Kunst

Prinzregentenstraße 1

DE-80538 München

Telefon:+49 (089) 21 12 70

Telefax:+49 (089) 21 12 71 57



28.12.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sabine Spindler

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


29.10.2010, Marlene Dumas - Tronies

Bei:


Haus der Kunst

Bericht:


Von der Lust und Last der Bilder

Bericht:


Hans Theo Richter-Preis für Marlene Dumas

Künstler:

Marlene Dumas










Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce