Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 16.10.2018 112. Auktion: Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen

© Galerie Bassenge Berlin

Anzeige

Stilleben mit Äpfeln in weißer Schale mit blauem Glas, 1925 / Otto  Modersohn

Stilleben mit Äpfeln in weißer Schale mit blauem Glas, 1925 / Otto Modersohn
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Ohne Titel, 2012 / Heinz Mack

Ohne Titel, 2012 / Heinz Mack
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Nature morte au crane / Pablo Picasso

Nature morte au crane / Pablo Picasso
© Galerie Weick


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

William Kentridge in der Wiener Albertina

In die fünfte Dimension



Ein Mann tritt vor eine mit dunklen Farbspuren befleckte Wand. Wir sehen ihm dabei zu, wie er durch die Luft fliegende Papierfetzen fängt. Mit Verve setzt er die gezeichneten Fragmente an der Wand zu einem Selbstportrait zusammen und radiert das abstrakte Liniengeflecht, das den gezeichneten Kopf zunächst noch überdeckt, sorgfältig aus. Nachdem der Mann wie mit Zauberhand den Schatten des Kopfes verdunkelt und schließlich sein Werk bewundert hat, geht er nach links ab; in seiner Abwesenheit erwacht die Figur auf dem Foto zum Leben und verlässt ihrerseits den Raum nach rechts. „Invisible Mending (Unsichtbares Flicken)“ ist der erste Abschnitt von „7 Fragmente für Georges Méliès“, in dem William Kentridge in wenigen Minuten ein charmantes, intelligentes, subtil-versponnenes Portrait von sich selbst entwirft. Zusammen mit den beiden weiteren Filmen „Reise zum Mond (Journey to the Moon)“ und „Day-for-Night“, beide von 2003, präsentiert der südafrikanische Künstler „7 Fragmente“ als Auftakt zu seiner Ausstellung „5 Themen“, die nach Stationen in New York und Paris nun in der Albertina in Wien zu sehen ist.


Trotz ihrer raumfüllenden Dimension liefert die Eingangsinstallation mit ihren neun gleichzeitig laufenden Filmen ein gleichsam intimes Portrait des Künstlers, allein und bei der Arbeit. Gespickt mit kunsthistorischen Verweisen zu Francisco de Goya, Max Klinger und seiner Paraphrase über den Fund eines Handschuhs, zu Pablo Picasso im Atelier, über Joseph Beuys und seinen Hut, Richard Serra und seine obsessiven Löschungen, über Robert Rauschenbergs ausradierter De Kooning-Zeichnung bis zu Georges Méliès, dem französischen Pionier aus den Anfangsjahren des Films, präsentiert Kentridge einen beziehungsreichen Reigen, der die Tätigkeiten des Künstlers in chaplinesk-skurrilen Episoden vorführt. Gegenstände werden wie Bumerangs in die Luft geworfen, machen kehrt, fliegen zurück und werden wieder aufgefangen; andere erfahren zauberhafte Wandlungen, wenn Kentridge sich und dem Betrachter vorführt, wie Bilder vor dem Hintergrund ihrer angeblichen Realität zustande kommen oder aus dem Blick verschwinden. Gelingen und Misslingen spielen sich auf bezaubernde Weise vor unseren Augen ab.

„5 Themen“ heißt die Schau, die keine Retrospektive sein möchte, sondern sich in fünf zentrale Themenkomplexe gliedert, die Kentridge die letzten drei Jahrzehnte hindurch beschäftigt haben. Die gemeinsam mit dem San Francisco Museum of Modern Art und dem Norton Museum of Art in West Palm Beach, Florida, veranstaltete Ausstellung präsentiert mehr als sechzig Arbeiten des Künstlers, in denen unterschiedlichste Medien wie Zeichnung, Skulptur, Grafik, Film und Theater eine sich gegenseitig bereichernde Verbindung eingehen.

William Kentridge, der 1955 als Sohn jüdischer Einwanderer in Johannesburg geboren wurde, ist neben Marlene Dumas, die aber in den Niederlanden lebt, der im Ausland bekannteste lebende südafrikanische Künstler. Vor acht Jahren war er die große Entdeckung auf der Documenta 11 in Kassel. In seinem eindringlichen Œuvre befasst er sich mit Unterdrückung und gesellschaftlichen Konflikten, mit Fragen von Verlust und Versöhnung sowie dem flüchtigen Charakter des persönlichen und kulturellen Gedächtnisses. Kentridges Themen sind eng mit seinem Leben verknüpft und kreisen zugleich um politische Fragestellungen: Über das Private spiegeln sich die Bedingungen des Umfelds – Johannesburg, der südafrikanische Staat, Afrika und die Folgen des Kolonialismus und Apartheid – generell wider.

Mehrheitlich zeigt die Ausstellung Filme oder vielteilige Filminstallationen, die auf dem Medium Zeichnung beruhen, welches durch eine geradezu altertümliche Stop-Motion-Technik in Bewegung gebracht wird. Die Technik dieser meist nicht länger als zehn Minuten langen Streifen, die Kentridge selbst „Drawings for Projektion“ nennt, ist denkbar einfach. Kohle und Pastellkreidezeichnungen werden in ihrem Entstehungs- und Entwicklungsprozess gefilmt. Nur mit Zeichenstift und Radiergummi arbeitend, entwickelt Kentridge die Handlung einer Szene durch wiederholtes Wegradieren und Neuzeichnen. Jeder dieser Schritte wird mit einer 35mm-Kamera festgehalten, so dass die Spuren der Eingriffe und Veränderungen sichtbar bleiben und den speziellen Reiz der Filme ausmachen.

Dem fulminanten Entree mit „7 Fragmente“, einer Art Selbstgespräch über das Sehen und die Macht von Kunst und Künstler, folgen Adaptionen zu Nikolai Gogols Erzählung „Die Nase“ und Schostakowitschs gleichnamiger Oper. Dieser jüngste Werkkomplex von William Kentridge steht in Zusammenhang mit seiner Operninszenierung, die im März 2010 an der Metropolitan Opera in New York Premiere hatte. In Grafiken, Zeichnungen und Collagen erscheint die Nase hoch zu Ross als feierlich-komisches Denkmal für das Riechorgan, oft in Kombination mit Prozessionen. Kernstück des Zyklus ist die aus acht Filmfragmenten bestehende Installation „Ich bin es nicht, das ist nicht mein Pferd“ von 2008. Kentridge benutzt eine Collage-Ästhetik, die an Dada und den russischen Konstruktivismus erinnert. Wieder verwendet er Stop-Motion-Material von aus Papier ausgeschnittenen Figuren und verbindet es mit gelegentlich eingesetztem Archivmaterial und Realfilm, um den Betrachter in einer multimedial entgrenzte Erfahrung zu verstricken. Konsequent bevorzugt er Mehrschichtigkeit und Überlappungen gegenüber der früher favorisierten sequenziellen Vorgehensweise, ein Ansatz, der bereits bei „7 Fragmente“ festzustellen war und in der Arbeit an der „Nase“ noch wesentlich ausgeprägter ist.

Ein weiterer Glanzpunkt der Ausstellung sind Kentridges Arbeiten, die sich aus der Produktion der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ entwickelt haben, mit der der Künstler 2005 im Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie befasst war. Im Zentrum des Ausstellungsraumes zeigen drei skulpturale Objekte, zwei Miniaturtheater und eine Filminstallation abwechselnd Projektionen, die einen erweiterten theatralischen Zyklus entstehen lassen.

In dem auf eine Wandtafel projizierten Film „Die Flöte erlernen“ von 2003 spielt William Kentridge mit zentralen Motiven der Oper und verbindet sie mit vertrauten Elementen aus seiner Requisitenkammer wie Messschieber und einer Kamera auf einem Stativ. Sich selbst präsentiert der Künstler als schattenhaften Zauberer, einen Vorboten Papagenos, der Vögel aus der Luft fängt. Die zweite, ursprünglich 2005 als großes Modell entstandene Arbeit „Die Flöte vorbereiten“ diente Kentridge dazu, die für seine Opernproduktion zentralen Projektionen zu erproben. Sie reflektiert seinen lang gehegten Wunsch, die Welt des Theaters ins Atelier zurückzuholen.

Mit dem Miniaturtheater „Black Box/Chambre Noir“ aus dem Jahr 2005 schuf Kentridge eine weitere Fortsetzung des Zauberflöten-Zyklus. Hier vermischt er bewusst Erscheinungsformen des Aufklärungsgedanken mit Bildern von den Auswirkungen der Kolonialherrschaft, speziell der Kolonialisierung Deutsch-Südwestafrikas, des heutigen Namibias, durch das Deutsche Reich im späten 19ten und frühen 20ten Jahrhundert.

In „Black Box“ wird geprügelt und geschossen, Lampen und Galgen verwandeln sich in Duschen, wie wir sie aus Bildern aus Konzentrationslagern kennen. Der Protagonist und Schurke in „Black Box“ hat einen Messschieber als Körper, um seine Gegner besser erstechen und vermessen zu können. Einen Arm rückt er in überspitzter Nachahmung des Hitlergrußes nach vorn. Sein Hoheitszeichen ist der Adler als symbolträchtige Verwandlung des Mozartschen Singvogels in die multiplen Verkörperungen des deutschen Nationalsozialismus. Eine anmutige Herero-Frau mit Kopfschmuck ist sein Gegenpart und vermutlich sein Opfer. In „Black Box“ macht Kentridge Namibia und Deutschland zu einem weiteren Beispiel in einer langen Reihe von Dualitäten. Besonders deutlich tritt dies zutage in der Wahl der Musik, wenn er Mozarts Arien mit den kraftvollen Rhythmen der Herero-Musik in eine kontrastreiche Beziehung bringt.

William Kentridge hat wiederholt gesagt, es sei nicht zu vermeiden, dass seine Person und Psyche sich in seinen Werken spiegelt. Sich damit abzufinden, habe ihn „von der Lähmung befreit, die mich überfiel, weil ich mich fragte, was ich tun sollte, was für Bilder ich machen sollte“. Kentridge hat mehr als ein Alter Ego geschaffen. Er ist in der Physis von „Ubu“, zu erkennen, wenn er in einer gleichnamigen Serie von Radierungen seine eigene Gestalt jeweils mit einem neuen Umriss versieht oder in den neuen Papierbüsten, in denen er 2007 nach dem Vorbild von Picassos Absinthtrinker ein plastisches Abbild mit mehreren Persönlichkeiten von sich schuf.

Am eindringlichsten gelingt William Kentridge die Variation eines Alter Ego jedoch mit seinen bekanntesten fiktionalen Figuren, die er in seinem 1989 begonnenen Filmzyklus „Johannesburg, zweitgrößte Stadt nach Paris“ einführt. Ihnen ist der letzte Abschnitt der Ausstellung gewidmet: Soho Eckstein, ein despotischer Industrieller und Bauunternehmer, dessen schlechtes Gewissen bestimmte Haltungen im heutigen Südafrika widerspiegelt, und der poetische, seelenvolle Felix Teitlebaum. Insgesamt neun kurze Animationsfilme begleiten Soho und Felix dabei, wie sie sich im letzten Jahrzehnt des südafrikanischen Apartheid-Regimes im politischen und sozialen Klima Johannesburgs durchzukämpfen haben.

Am Ende der Ausstellung möchte man noch einmal von vorne beginnen: mit der Gewissheit, dass jedes größere Werk von William Kentridge eine Synthese und eine Summe vorausgegangener Werke ist, und dem Wunsch, die Poesie und inhaltliche Dichte seiner Werke ein weiteres Mal zu erleben. Dem offenen Blick stellt Kentridge die innere Vision gegenüber – den Traumzustand und die damit verbundenen Möglichkeiten zu Metamorphose und Halluzination. Es ist das Veränderbare, was er an der Zeichnung so schätzt. „Ich glaube, dass die Unbestimmtheit der Zeichnung, die Zufälligkeiten, mit denen Bilder in ein Werk gelangen, ein Modell dafür liefert, wie wir unser Leben führen“. In diesem Bereich der unbestimmten Mehrdeutigkeit ist es empfehlenswert, die Augen weit offen zu haben, aber nicht auf konventionelle Weise zu sehen. In diesem Sinne eröffnet William Kentridge eine neue Dimension: WK5.

Die Ausstellung „William Kentridge – Fünf Themen“ ist bis zum 30. Januar 2011 zu sehen. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9,50 Euro, ermäßigt 8 Euro beziehungsweise 7 Euro. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, herausgegeben vom Kurator der Ausstellung Mark Rosenthal, mit Texten von Michael Auping, Klaus Biesenbach, Cornelia H. Butler, Judith B. Hecker, Carolyn Christov-Bakargiev, Rudolf Frieling und William Kentridge zum Preis von 29 Euro.

Kontakt:

Albertina

Albertinaplatz 1

AT-1010 Wien

Telefax:+43 (01) 53 37 69 7

Telefon:+43 (01) 53 48 30



15.11.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


29.10.2010, William Kentridge - Fünf Themen

Bei:


Albertina

Bericht:


William Kentridge in Salzburg

Bericht:


Spanischer Kunstpreis für William Kentridge

Bericht:


William Kentridge in Berlin

Bericht:


Gesamtkunstwerk für apokalyptische Bilderträume

Bericht:


Rhino vor dem Futternapf

Bericht:


Filmische Reflexionen zu den Wunden der Menschen

Künstler:

William Kentridge










Copyright © '99-'2018
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce