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Der Würzburger Kulturspeicher widmet dem wenig bekannten Werk des belgischen Künstlers Georges Vantongerloo eine Einzelausstellung

Visionärer Formfinder



Es gibt sie noch, die Künstler der Moderne, die weiterhin Raum für Entdeckungen bieten. Einer von ihnen ist Georges Vantongerloo (1886-1965): wichtiger Neuerer der Kunst des 20sten Jahrhunderts, Protagonist des Konstruktivismus und Wegbereiter der konkreten und minimalistischen Kunst, aber bis heute in seiner Bedeutung nur wenig gewürdigt. Unglaublich vielseitig präsentiert sich der große belgische Unbekannte, der neben der Bildhauerei und Malerei, auch Entwürfe für Architekturen, Möbel und Kaffeekannen anfertigte. Er experimentierte mit verschiedenen Medien und Materialien, machte sich Gedanken über Lichtbrechung, Geschwindigkeit, Sichtbarkeit und Wahrnehmung. Sein Schaffen umspannte den gesamten Kosmos, immer wieder begleitet durch philosophische, gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Überlegungen. Fragestellungen nach der Beziehung von Form und Raum und der Allheit der Dinge ziehen sich wie eine Konstante durch sein Œuvre. Ausgehend von der Abstraktion der menschlichen Figur gelangte er so recht früh zum universellen Raum.


In einer umfassenden Schau mit 75 Zeichnungen, Gouachen, Gemälden, Plastiken und Modellen gibt das Würzburger Museum im Kulturspeicher nun einen Überblick über die verschiedenen Phasen seines vielgestaltigen Werks. Vantongerloo, der zum Zeitpunkt seines Todes alleine lebte, vermachte sein gesamtes Werk seinem Freund und Malerkollegen Max Bill, dessen Nachlass sich nun in den Händen seiner zweiten Frau Angela Thomas Schmid und seines Sohns Jakob Bill befindet. Er und seine Frau Chantal Bill haben in Würzburg eine Auswahl von frühen gegenständlich-figurativen Plastiken, Arbeiten von den Anfängen der Abstraktion bis hin zu den schwebend transparenten Plexiglasobjekten aus dem Spätwerk des Künstlers zusammengestellt.

Als Georges Vantongerloo gegen Ende seines Schaffens beginnt, sein eigenes Werksverzeichnis zu schreiben, da lässt er sein Œuvre 1917 beginnen, in jenem Jahr, als Theo van Doesburg die Zeitschrift „De Stijl“ gründet und Vantongerloos erste fast ganz aufgelöste Figur entsteht. Aus dem Motiv einer sitzenden Frau heraus entwickelt Vantongerloo die Komposition von verschiedenen geometrischen Grundformen, die sich auf der Leinwand der „Studie“ mit sparsamem Farbauftrag aneinanderfügen. Zwei Kompositionszeichnungen lassen den Betrachter den künstlerischen Prozess nachvollziehen. Aus demselben Jahr stammen auch zwei Kleinplastiken in Gips und Mahagoni: Beide Werke tragen den Titel „Construction dans la sphère“ und dieselbe künstlerische Auffassung in sich. Ihnen liegt die Kugel als absolute Form zugrunde, die sie aber nur bruchstückhaft andeuten. Dennoch verbinden sie Körper, Raum und Kosmos und zeigen das Universum als eine unendliche Sphäre, die alle ihr innewohnenden Körper in ihrer Endlosigkeit einbindet. Als moderne Versionen von Leonardos „Vitruvianischem Menschen“ werden sie im Katalog bezeichnet. Als Vantongerloo sich 1918 mit jenen Arbeiten der Avantgardebewegung De Stijl anschließt, wird er zu einem Pionier der abstrakten Skulptur.

Die Würzburger Ausstellung verdeutlicht zugleich auch, dass dem vom Künstler selbstgewählten Œuvrebeginn einige Schaffensjahre vorausgehen: Aufgewachsen und ausgebildet als Bildhauer in Antwerpen und Brüssel, bewegt sich Vantongerloo noch in den Pfaden der Tradition. Seine malerischen Werke offenbaren, wie er mit neoimpressionistischen Ideen Fragen nach Auflösung der Figuren im Raum und Licht für sich selbst nochmals nachvollzieht. Die idealistische Schilderung einer sitzenden Frau ist ein überzeugendes Beispiel für seine frühen plastischen Werke nach akademischen Konventionen. Weitaus expressiver hingegen ist die Bronzebüste „Éclat de rire“, also „schallendes Gelächter“, aus dem Jahr 1910. Der Kinderkopf aus Gips von 1910/14 zeigt bereits Vantongerloos immer wiederkehrende Beschäftigung mit der Allheit der Form des kosmischen Raums: Weniger der Ausdruck steht hier im Vordergrund, als viel mehr die Modulation aus der Kugel heraus, die Einbettung in ein Ganzes. Solche Werke verraten bereits den Blick des späteren Konstruktivisten.

Jene aus der Plastik heraus entwickelten Ideen bilden die Grundlage für seine weitere Formfindung und seinen Beitrag zu De Stijl. Malerische Arbeiten, wie die „Kompositionsstudie einer sitzenden Frau“ von 1917 lassen die Verbindungen zu Piet Mondrian und Theo van Doesburg offensichtlich werden. In seinen Studien zur „Komposition vom Oval ausgehend“ von 1917 und 1918 knüpft er darüber hinaus Beziehungen zum Architektonischen. Auch in den Formen von „Rapports des Volumes“ von 1919 kann man sowohl eine sitzende männliche Figur als auch ein Haus erkennen. Immer wieder setzt Georges Vantongerloo sich mit der Kunstgeschichte auseinander: So reduziert er ein Triptychon Rogier van der Weydens bis zur bloßen Gewichtung von Farben auf einer Fläche.

In den 1920er Jahren konzentriert sich Vantongerloo dann vor allem auf dreidimensionale Entwürfe für Interieur, Architektur und Städtebau ganz im Sinne des idealistischen Avantgardekonzepts von der Integration der Kunst in die gebaute Umwelt. Vorgestellt wird in Würzburg beispielsweise das Kaffeeservice des Künstlers von 1920, das Jakob Bill nach Vantongerloos Tod in seinem Atelier fand. Noch zu erkennende Gebrauchsspuren zeigen, dass er es bis zu seinem Lebensende benutzt hat. In Serie ist es nie gegangen. Vorstudien in Tusche verdeutlichen die Auseinandersetzung mit der Form und ein Ringen um ausgewogene Proportionen. Ein Denken, dem eine konstruktive Durchdringung von Flächen zugrunde liegt, offenbaren auch die vier Modelle für Esszimmermöbel von 1926, die Vantongerloo für sein nie gebautes Haus in südfranzösischen Menton entwirft.

Ebenfalls zu sehen sind unglaubliche, utopische Entwürfe für Brücken, ganze Städte und Flughäfen. In diesen Architekturzeichnungen tritt das Visionäre Vantongerloos deutlich zu Tage. Das versilberte Kupfermodell des „Flughafen: Typ A, Serie B, für Privatpersonen“ von 1928 ist als riesiger, mächtiger Turm konzipiert. In seinen unteren Stockwerken sollen Büros, Verwaltungsräume und ein Wohnbereich Platz finden. Darüber liegt die Garage für Flugzeuge, die über einen gewaltigen Aufzug in den achten Stock zur Start- und Landeplattform befördert werden. Hypermodern mutet zudem Vantongerloos „Projet – Pont“ an, die Feder- und Tuschezeichnung einer Brücke für Antwerpen aus dem Jahr 1928: Eine Brückenarchitektur mit mehreren Stockwerken kann man sich selbst heute noch nicht recht vorstellen. Sein letztes städtebauliches Projekt ist die „Wolkenkratzer-Stadt“ von 1930. Auf der Zeichnung lässt sich die gedankliche Komplexität dieses Gesamtkunstwerkes nachvollziehen: Nicht nur architektonische, sondern auch gesellschaftliche und politische Überlegungen spielen hier eine große Rolle. Ausgeführt werden seine kühnen Ideen jedoch nie. Das mag der Grund sein, warum Vantongerloo 1931 seine städtebaulichen Ambitionen schließlich aufgibt.

Dennoch bleibt die mathematische Durchdringung von Bauwerken nicht ohne Folgen für seine Kunst. Anstelle der freien Malerei gewinnt in jenen Jahren mehr und mehr die Mathematik als Mittel der Objektivierung von Erkenntnis und damit als Gestaltungsgrundlage an Gewicht. „Quatre études pour – x² + 3x + 10 = y rouge – vert – noir“ von 1934, eine Gouache auf Papier und drei Zeichnungen, machen deutlich, wie Vantongerloo von Hyperbeln und Parabeln in einem Koordinatensystem zu einer aus Linien und Farbflächen bestehenden Komposition gelangte. Eine Darstellung, die stark an Gemälde Mondrians aus den 1930ern erinnert.

Im Spätherbst 1937 lässt sich dann ein klarer Wandel erkennen, der den letztendlichen Bruch mit Piet Mondrian bedeutet. Es entstehen die ersten Gemälde mit gebogenen Linien. „Lignes et intervalles“ von 1937 ist ein hervorragendes Beispiel für die allmähliche Befreiung der Formen von ihren Stützlinien. Die Kompositionen „Fonction de courbes angles lignes droites rouges vertes verdâtres“ von 1938 oder „Courbes et couleurs“ von 1939 lassen die farbigen Linienstücke zu abstrakten Partituren und lyrischen Momenten werden. Wieder widmet Vantongerloo sich der Frage nach Schwerelosigkeit im Raum. Seine Bilder mit gebogenen Linien, Diagonalen und anderen Farben als Rot, Gelb und Blau will Mondrian aber nicht akzeptieren.

In Vantongerloos plastischem und malerischem Spätwerk vollzieht sich nach 1945 abermals eine Kehrtwende. Er experimentiert mit lichtbrechenden Objekten aus Draht und farbigem Plexiglas, die er als künstlerischen Ausdruck kosmischer Energie versteht. Beeindruckend windet sich etwa das Stahlband von „Ausdehnung (Linie im Raum) eines Punktes in Bewegung“ von 1945 durch den Saal. Es ist ein suggestives Spiel der verschiedenen Dimensionen: Ein eindimensionaler Punkt wird durch ein flaches Metallband in eine zweidimensionale Fläche verwandelt, die durch Drehungen und Wendungen in der Dreidimensionalität Volumen erlangt. Wie eine Kraftline wirkt die Schlinge.

Frei im Raum schwebt die kleine Drahtskulptur „Kreislinie und Kreis mit variablen Strahlen“ von 1946. Sie ist eine Erinnerung an die relative Krümmung des Raumes aufgrund der Präsenz von Materie und soll den Betrachter anregen, über die Grenzen und Begrenzungen des Kosmos nachzudenken. Ähnlich bringt Georges Vantongerloo auch in „Noyau“, eine locker mit Draht umwickelte Kugel, die zwei Jahre später entsteht, die Unendlichkeit ins Bild. Überhaupt geht es ihm darum, Forschungsergebnisse der Physik und Astronomie sichtbar zu machen, wozu nach seiner Meinung allein der Künstler imstande ist. Bei seinen Werken aus Plexiglas tritt wieder die Sinneswahrnehmung und Sichtbarkeit, sowie die Transparenz und Lichtbrechung zu den Überlegungen der Raumdurchdringung und Ausdehnung. Teilweise erzeugt Georges Vantongerloo Farbe durch das Licht wie bei „Jeu de prismes“ von 1958, in anderen Fällen bemalt er das Material, wie in dem 1950 entstandenen Werk „Des formes et des couleurs dans l’espace“.

Die letzten acht Jahre von Vantongerloos Leben sind vor allem astronomischen und kernphysikalischen Phänomenen gewidmet. Er findet zu ganz eigenen, farbenfreudigen, feinen Energien in seinen Bildern wie „Attraction“ von 1949, „Radio-activité“ von 1953 und dehnt diese Welten wieder in die Dreidimensionalität aus. „Der Komet“ von 1962 ist ein dynamischer, beschwingter und fast humorvoller Flug eines Himmelskörpers. Direkt daneben ist das letzte Werk des außergewöhnlichen Künstlers aus dem Jahr 1964 zu sehen: eine kleine, gelbe Kugel, die aus einzelnen Plexiglasscheiben zusammengefügt ist und den schönen Titel „Une étoile gazeuse“ (Ein gasförmiger Stern) trägt. Die Plastik vereint alles, was sich an künstlerischen Vorstellungen Vantongerloos durch Ausstellung zieht: Gedanken über den Kosmos, das Weltall, die Ausdehnung im Raum, das Licht und die Farbe, zusammengefasst in der ganzheitlichen Form der Kugel. Die Idee, die sich im Kinderkopf bereits ankündigte, ist hier zur Vollendung gebracht.

Die Ausstellung „Georges Vantongerloo (1886-1965) – Maler, Bildhauer, Visionär“ ist noch bis zum 3. Oktober zu sehen. Das Museum im Kulturspeicher hat dienstags von 13 bis 18 Uhr, mittwochs, freitags, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr und donnerstags von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Die Eintritt beträgt 4,50 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.

Kontakt:

Museum im Kulturspeicher

Oskar-Laredo-Platz 1

DE-97080 Würzburg

Telefon:+49 (0931) 322 250

Telefax:+49 (0931) 322 25 18



29.09.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Lena Hennen

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