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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Arnulf Rainer gehörte in den 1950er Jahren zur Avantgarde der österreichischen Kunstszene. Im Dezember ist er 80 geworden. Die Pinakothek der Moderne in München widmet dem Bilderstürmer in den Räumen der Alten Pinakothek eine Retrospektive mit dem lakonisch wie treffenden Titel „Der Übermaler“

Existentielle Schauplätze



Mehr als 40 Jahre ist es her, dass Arnulf Rainer im Wiener Westbahnhof Grimassen schneidend in einem Fotoautomaten hockte. Die kleinen Fotos waren Ausgangsmaterial für eine Folge von Bildern, die wie kaum eine andere Werkgruppe die öffentliche Wahrnehmung dieses unverwechselbaren Künstlers bestimmte: Vergrößerte Fotografien, die anschließend mit expressivem Gestus übermalt wurden. Die Vehemenz und Radikalität, aber auch das bohrend Manische des österreichischen Künstlers ist in diesen „Face Farces“ und „Body Poses“ bis heute besonders spürbar. Rainer hat etwas zutiefst Menschliches zu ergründen gesucht, das mit Malerei allein nicht zu finden ist. Gesicht und Körper wurden ihm Ausdrucksmittel, mit wilden, zerstörerischen Strichen rückte er das reale Abbild in die Ebenen des Abstrakten und Unaussprechlichen. In diesen Arbeiten steckt der Geist der „Wiener Aktionisten“ und deren Körperbezogenheit, doch ist Arnulf Rainer, wie die Ausstellung in Münchens Alter Pinakothek verdeutlicht, kein Kind der aufbrausenden, wilden 68er Generation.


Viel früher schon war Arnulf Rainer im künstlerischen Sinn ein Nihilist, ein Zunichtemacher, dessen Arbeiten wie ein destruktiv-provokanter Gegenpol zur hemdsärmeligen Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit erscheinen. Er wollte malen, „um die Malerei zu verlassen“. Mittel zum Ziel hießen für ihn Übermalen und Zumalen, wie die noch aus den 1950er Jahren stammenden roten und schwarzen Tafeln dokumentieren, die durch eine kleine, frei gelassene Fläche am Rand den Akt des Zumalens erkennbar machen. Auch von dem konventionellen Tafelbild verabschiedete sich Rainer alsbald. Flächige, Kruzifixe assoziierende Kreuze aus Holz werden zu symbolhaften Bildträgern, die er pastos mit schwarzer Farbe überzieht und so dem christlichen Symbol des Opfers und des Leids die Düsterkeit einer Totenmesse aufdiktiert. Rainer, der schon mit seinen Blindzeichnungen, die mit geschlossenen Augen entstanden, neue, affektgeladene, emotionale Ausdrucksmöglichkeiten ausprobierte, war spätestens seit diesen Bilden bei seinem großen Lebensthema angekommen, nämlich Kunst und im erweiterten Sinne Bilder und Metaphern zu zerstören, zu verfremden und zu verwandeln, um gleichzeitig ein neues Werk zu erschaffen.

Dass es Arnulf Rainer dabei ganz und gar nicht nur um das destruktive Zertrümmern, um die rein formale Erneuerung geht, sondern auch um die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Unfassbaren im Schönen wie im Grausamen, macht in München zudem eine Reihe grafischer Werkkomplexe deutlich. 1982 etwa entstand der Hiroshima-Zyklus, eine Reflexion auf eine der größten menschlichen Katastrophen des 20sten Jahrhunderts. Man kennt die Bilder verkohlter Leichen und verwüsteter Landschaften, über die Rainer eine Schicht aus Linien legt, um der nackten Unerträglichkeit des Realen ohne Verlust an emotionaler Tiefe standzuhalten. Zerstörung und Tod ziehen sich wie ein Leitmotiv auch durch andere Werkgruppen. Immer wieder kreisen Arbeiten um das Antlitz von Toten. Hier nun sind seine „Totenmasken“ zu sehen, ebenfalls Übermalungen von Fotografien, denen Rainer mit intuitivem, unruhigem Duktus die existentielle Frage abringt, was vom Leben bleibt.

Der Kunstexperte Werner Schmalenbach bezeichnete die Arbeiten einst als „Schlachtfeld heftiger Aktionen“ und „existentielle Schauplätze“. Für das Gros des Werkes trifft das zu, doch finden sich in seinem komplexen Werk ebenso leise und subtile Töne. Wie eine Flucht aus den wuchtigen, obsessiven Übermalungen erscheinen die in den 1990er Jahren entstandenen Serien „Geologica“ und die Schleierbilder, in denen er diesmal ohne die sogenannten Unterbilder wiederum Schichten auftrug, aber nun das Kontemplative, Ruhige zelebriert.

Ein weiteres Beispiel dafür ist nicht zuletzt eine Werkgruppe, die speziell für diese Ausstellung entstanden ist. Ausgangsmaterial sind Details aus Gemälden der Alten Pinakothek, zum Beispiel Peter Paul Rubens’ „Selbstbildnis mit Isabella Brant in der Geißblattlaube“, Diego Velázquez’ „Jungem spanischem Edelmann“ oder Joost de Mompers „Felslandschaft mit Blick auf eine Kirche im Tal“. Allein, dass hier die Übermalungen – im Gegensatz zu den früheren schwarzen – wie farbige, transparente Schleier wirken, lässt die Serie auf den ersten Blick mild und versöhnlich gegenüber den alten Meistern erscheinen. Trotz oder gerade wegen der fototechnischen Verfremdungen und der farblichen Umpolungen stellt sich eine überraschende Intimität mit den Dargestellten ein, die nicht zuletzt auf der Tilgung der von den alten Meistern angestrebten Vollkommenheit beruht. Die Distanz zwischen der Kunst der Vergangenheit und der Gegenwart ist hier mit malerischer Leichtigkeit und intellektuellem Tiefsinn aufgehoben. Wer hätte das von Arnulf Rainer gedacht.

Die Ausstellung „Arnulf Rainer. Der Übermaler“, die 130 Werke Arnulf Rainers, zahlreiche aus dem Besitz des Künstlers, teils zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert, ist bis zum 5. September zu sehen. Die Alte Pinakothek hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, dienstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Zur Ausstellung sind im Hatje Cantz Verlag zwei Publikationen erschienen. Sämtliche Schriften Rainers sowie ausgewählte Interviews fasst der Band „Tricks und Gebrauchstexte, um schlimmeren Interpretationen anderer zuvorzukommen“ zusammen; daneben liegt der Katalog „Arnulf Rainer. Der Übermaler“ auf. Der Preis je Band beträgt 39 Euro.

Kontakt:

Alte Pinakothek

Barer Straße 27

DE-80799 München

Telefon:+49 (089) 23 80 50

Telefax:+49 (089) 23 80 52 21

E-Mail: info@pinakothek.de



18.08.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sabine Spindler

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Arnulf Rainer










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