Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 22.09.2018 Kunstauktion 22. September 2018

© Auktionshaus Stahl

Anzeige

Nature morte au crane / Pablo Picasso

Nature morte au crane / Pablo Picasso
© Galerie Weick


Anzeige

Bei Wangen, 1945 / Erich Heckel

Bei Wangen, 1945 / Erich Heckel
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Orange-Blau-Orange, 2004 / Kuno Gonschior

Orange-Blau-Orange, 2004 / Kuno Gonschior
© Galerie Neher - Essen


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Portraits

Aktuellzum Archiv:Museumsportrait

Das Panorama Museum in Bad Frankenhausen zeigt neben Werner Tübkes riesigem Rundbild Ausstellungen figurativer Kunst

Galerie für ein einziges Gemälde



Das Panorama Museum auf dem Schlachtberg in Bad Frankenhausen

Das Panorama Museum auf dem Schlachtberg in Bad Frankenhausen

Reisende empfinden die Durchquerung der nordthüringischen Kyffhäuserregion als wohltuende Entspannung. Sanft ansteigende, bewaldete Hügel mit weißen Gipsfelsen wechseln mit landwirtschaftlich geprägten Tälern ab, in die sich heimelige Ortschaften einbetten. Doch so friedlich war es hier nicht immer. Auf dem Schlachtberg hoch über dem heutigen Solebad Frankenhausen versammelten sich im Mai 1525 bis zu 8.000 Aufständische. Der Versuch von Bauernheerscharen, mit Waffengewalt mehr Rechte und Freiheiten der Obrigkeit abzuringen, scheiterte. Die Rebellion kapitulierte vor Heerscharen fürstlicher Söldner. Thomas Müntzer, Radikalreformer, Weggefährte Luthers und Hauptscharfmacher, geriet in Gefangenschaft und wurde hingerichtet.


450 Jahre später boten diese Ereignisse den Granden der DDR willkommenen Anlass, ihr eigenes Tun historisch zu untermauern und propagandistisch auszuschlachten. Am Ort der Entscheidungsschlacht sollte eine fulminante Gedenkstätte mit einem heroischen Schlachtengemälde die Geschehnisse ins sozialistische Geschichtsbild implantieren. Diese ideologisch befrachtete Weihestätte sollte ferner Zeremonien auf dem Vorplatz eine würdige Kulisse bieten. Mit der Beauftragung des Malers Werner Tübke durch das Kulturministerium der DDR im Jahr 1976 erfuhr das Projekt eine erheblich erweiterte Fassung. Das ursprünglich avisierte Schlachtenpanorama, das die Thüringer Aufstände als revolutionäre Großereignisse von historischer, bis in die Gegenwart reichender Tragweite vor Augen führen wollte, verbreiterte der Maler zu einem facettenreichen, weit ausuferndem Welttheater unter dem Titel „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“.

Für das gigantische Leinwandbild von 14 Metern Höhe und 123 Metern Länge, dessen Vorbild das russische Panoramabild zum 100sten Jahrestag der Schlacht von Borodino aus dem napoleonischen Russlandfeldzug bildete, musste ein adäquates Haus her. Schon am 8. Mai 1974 wurde der Grundstein zu einem Rundbau samt tiefer am Hang befindlichen Eingangstrakt gelegt. Aus 54 vorgefertigten, konkaven Zylinderbetonschalen setzt sich die fast 28 Meter hohe Rotunde des Panoramasaales zusammen, dessen Durchmesser nahezu 44 Meter beträgt. Überdacht wird das den Anschein eines modernistischen Gasometers oder Hochwasserbehälters erweckende Gebilde von der Kombination einer Speichenradkonstruktion mit frei tragenden Betonelementen. Der Architekt Herbert Müller entwickelte die grundlegenden Strukturen, dessen Ausführung die Investbauleitung Panorama unter ihrem Chefarchitekten Gerhard Gabriel bewerkstelligte. Über den urwüchsigen Strukturen des Stadtbildes von Bad Frankenhausen erscheint diese Stadtkrone merkwürdig unpassend und fremdartig, was ihr rasch spöttische Bezeichnungen wie „Landsknechttrommel“ eintrug.

Rund ein Dutzend Jahre fesselte der wohl größte Kunstauftrag der DDR den Maler Werner Tübke. Umfangreiche Literaturrecherchen zur Geschichte, begleitet von Historikern der Karl-Marx-Universität, bestimmten die erste Arbeitsphase. Vorzeichnungen, 13 Lithografien, zehn Gemälde sowie eine Modellfassung im Maßstab eins zu zehn leiteten die Phase der künstlerischen Produktion ein, ständig begutachtet von Historikern und der Abnahmekommission. Die in Russland gewebte Leinwand konnte im Mai 1982 hochgezogen und mit Metallschellen am oberen Stahlring befestigt werden. Dem 90 Zentimeter in den Saal gebauchten Malgrund nahmen sich dann russische Grundierspezialisten an. Mit Rezepten aus der Ikonenmalerei versahen sie die Leinwand mit einer fünffachen Grundierung, um Haltbarkeit und Leuchtkraft für Jahrhunderte sicherzustellen. Konturzeichnungen sämtlicher Bildgegenstände übertrug das Team dann mit technischen Hilfsmitteln auf den Malgrund.

Am 16. August 1983 endlich konnte Tübke mit der malerischen Ausführung beginnen, zeitweise unterstützt von bis zu fünf Assistenten, deren Tätigkeit sich auf das obere Drittel beschränkte. Auf fahrbaren Gerüsten arbeitete man sich von links nach rechts, von oben nach unten vor und überprüfte den Fortschritt ständig mit der nahebei aufgebauten Entwurfsfassung sowie Farbfotografien. In klassischer Malweise wurde auf 1.722 Quadratmetern Farbe aus 90.000 Tuben aufgetragen, was das 1,1 Tonnen schwere Gewicht der Leinwand um drei Tonnen vergrößerte. Werner Türbke, der zwei Drittel des Monumentalgemäldes eigenhändig ausführte, vollendete das Werk am 16. Oktober 1987 mit der Signatur. Erst zwei Jahre später, am 14. September 1989, fand die Einweihung unter Anwesenheit von Margot Honecker statt. Nur wenige Wochen später brach das politische System des Auftraggebers zusammen, es war selbst Geschichte geworden.

Aus der Helligkeit gelangt der Besucher in die völlig vom Tageslicht abgeschirmte Galerietonne des halbdunklen Panoramasaales. In der realistischen Bildsprache der Dürerzeit und fußend auf dem bildnerischen Vokabular europäischer Malerei des 15ten und 16ten Jahrhunderts strömt ein aktionsgeladenes Menschengewimmel auf ihn herab. In geschickter Verbindung unterschiedlicher Perspektiven gelang Tübke die Verzahnung vieler Schauplätze. Rund 3.000 bis zu drei Meter hohe Personen umrunden in girlandenartigem Auf und Ab komprimiert zu 75 Schlüsselszenen den Betrachter.

Heller, schneebedeckter Grund mit ausrutschenden Menschen erweckt zuerst die Aufmerksamkeit und signalisiert die Härte und Kühle des Lebens. Die Prophezeiung von 1524/25 unter dem Stenzeichen des Fisches deutet den Untergang der alten und den Aufzug der neuen Welt an. Es folgt die Schlacht in heller Mailandschaft unter dem Regenbogen als betontem Zentralmotiv, was an die Kunst Albrecht Altdorfers erinnert. In der Mitte steht Thomas Müntzer mit gesenkter Fahne; er weiß, die Schlacht ist verloren. Doch unter ihm tut sich der Lebensbrunnen auf, umgeben von Zeitrepräsentanten, darunter Martin Luther, Albrecht Dürer und Lucas Cranach. Es folgen Galgen und Folter als Rache des Siegers, das Leben des arbeitenden Volkes, die Versuchung des heiligen Antonius als Luthergleichnis, der Riss im alten Weltbild, die Fürsten Europas, die um ihre Länder spielen, die Speichellecker vor den Adeligen, der Sündenfall Adam und Evas, mit dem die Gewalt beginnt, alles durchsetzt von Dämonen und Göttern unter schroffen Erhebungen und auf öden Felsgründen, die mit den Auf- und Abwärtsbewegungen aus quirligen Figurenzügen kontrastieren.

Dramatisierend und frei fabulierend konzipierte Werner Tübke in schier unerschöpflicher Fantasie ein Weltbild aus schicksalhafter Verkettung leidvoller Menschheitserfahrungen von zeitlos universalem Anspruch. Durch Verklammerung mit biblischen Motiven möchte der Maler den Traum nach einer humaneren Realität kraft seiner künstlerischen Mittel verlebendigen. Die Geschichtskollage des Altmeisters der Leipziger Schule hält den Betrachter auf Distanz, wechselnde Belichtungsstufen sorgen für eine mystisch-surreale Atmosphäre, vieles lässt das Gemälde im unklaren Dunklen, wirkt unnahbar und auf Unterwerfung ausgerichtet. Der künstlerische Anspruch tritt hinter memorialen und ideologischen Aspekten zurück, auch wenn Tübke ein nicht genau zu definierendes Maß an künstlerischen Freiheiten ausgeschöpft haben mag. Doch sollte das Museum auf dem Teppich bleiben: Das Denkmal eines untergegangenen Systems als „Sixtina des Nordens“ zu bewerben, hinterlässt eher einen faden und süffisanten Beigeschmack; denn qualitativer Anspruch und künstlerische Relevanz auf eine Stufe mit Michelangelo zu stellen, ist genauso größenwahnsinnig wie das Monumentalbild selbst.

Seit dem 1. Januar 1995 firmiert die Einrichtung unter „Panorama Museum“, betrieben seit 2006 von einem Trägerverein. Seit der Wende intendierte man hier die Veränderung des Charakters von der Weihestätte zum Kunstmuseum mit eigener Kollektion. Die Sammeltätigkeit konzentriert sich auf das Gesamtwerk von Werner Tübke und zeitgenössischen europäischen Künstlern mit vergleichbarem figurativ-altmeisterlichen Duktus. Ergänzend wurden bislang 65 Ausstellungen präsentiert, die sich stilistisch daran orientieren, etwa zu Michael Triegel, Horst Janssen, James Ensor oder dem tschechischen Surrealismus.

Unter dem Titel „Phantastische Kunst aus Wien – 1900 bis 2010“ vereinigt die derzeitige Schau 110 Arbeiten von 27 Künstlern der österreichischen Kunstströmung, deren Repräsentanten, allen voran Rudolf Hausner, teils mit Werner Tübke persönlich bekannt waren. Die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“, der der Kunstkritiker Johann Muschik unter diesem Begriff zum Durchbruch verhalf, vereinigt Künstler wie Arik Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden oder eben Hausner. Ihr bedeutender Beitrag zur internationalen Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bislang vom Glanz des „Wien um 1900“ überstrahlt. Die Ausstellung in Bad Frankenhausen erweitert zeitlich diesen Begriff, nimmt mehr als ein Jahrhundert in den Fokus und setzt den Beginn mit dem offiziellen Erscheinen von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ im Jahre 1900, die das Welt- und Menschenbild nachhaltig veränderte.

Der Streifzug durch mythische Materien, Traumwelten, erotische Fantasien, psychische Abgründe und Endzeitvisionen gliedert sich in drei Abschnitte. Das erste Segment versammelt Werke von 1900 bis zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938. Das Aufbrechen der Moderne in jenen Jahren demonstrieren Bilder von Gustav Klimt über Arnold Schönberg bis hin zu Franz Sedlacek und Alfred Kubin. Albert Paris Gütersloh leitet in die zweite Abteilung über, die die künstlerischen Umbrüche zwischen 1945 bis 1970 behandelt. Gegen die abstrakten Trends der Zeit arbeiten Maler wie Hausner, Bauer, Fuchs, Hutter und Lehmden, der vor allem mit seinem Bild „Panzerschlacht“ aus den Jahren 1953 bis 1956 beeindruckt. Auch Arbeiten von Maria Lassnig und Arnulf Rainer sollen belegen, wie sehr die Zeiten damals von einer surreal-realistischen Sprache geprägt waren, auch wenn beide bald andere Wege beschritten. Die bildnerische Fantastik der Arbeiten jener Epoche demonstriert deren zutiefst in der Realität verwurzelte metaphorische Aussagekraft.

Die dritte Abteilung stellt signifikante Einzelpositionen von 1980 bis heute vor. Unter den eigenwilligen Neuansätzen befinden sich unter anderem vier Bilder von Gottfried Helnwein, drei Engel versinnbildlichende Pappelholzplastiken, die Franz Gyolcs 1996 schuf, sowie Lithografien des Hausner-Schülers Joachim Luetke. Diese fantastische Kunst definiert sich griffig durch eine Abkehr vom Geläufigen, eine ungewöhnliche Vielschichtigkeit und eine über die Realität hinausweisende Emotionalität. Fast möchte man meinen, die fantastischen Träume der niveauvollen Sonderausstellung verstehen sich als vergleichende Persiflage zu Tübkes restaurativem Monumentalbild.

Die Ausstellung „Phantastische Kunst aus Wien – 1900 bis 2010“ ist noch bis zum 3. Oktober zu sehen. Das Panorama Museum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, im Juli und August auch montags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Museumskasse 32,50 Euro kostet.

Kontakt:

Panorama Museum

Am Schlachtberg 9

DE-06567 Bad Frankenhausen

Telefon:+49 (034671) 61 90

Telefax:+49 (034671) 619 20

E-Mail: info@panorama-museum.de



22.07.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


19.06.2010, Phantastische Kunst aus Wien – 1900 bis 2010

Bei:


Panorama Museum

Variabilder:

Anton Lehmden, Zerfallendes Pferd, 1982-1983
Anton Lehmden, Zerfallendes Pferd, 1982-1983

Variabilder:

Das Panorama Museum auf dem Schlachtberg in Bad Frankenhausen
Das Panorama Museum auf dem Schlachtberg in Bad Frankenhausen

Künstler:


Werner Tübke

Künstler:

Herbert Müller







Anton Lehmden, Zerfallendes Pferd, 1982-1983

Anton Lehmden, Zerfallendes Pferd, 1982-1983




Copyright © '99-'2018
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce