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Das Städel in Frankfurt zeigt nach dreißig Jahren erstmals wieder in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive zu Ernst Ludwig Kirchner

Sex, Drugs, Meisterwerke



Ernst Ludwig Kirchner, Marcella, 1909/10

Ernst Ludwig Kirchner, Marcella, 1909/10

„Ich habe nie die Brücke gesammelt, sondern Kirchner“. So bringt der renommierte, eben verstorbene Museumsmann Werner Schmalenbach seine Wertschätzung für den Star der expressionistischen Künstlergemeinschaft auf den Punkt. Ernst Ludwig Kirchner gehört zu den führenden Malern, Grafikern und Bildhauern der ersten Generation der Moderne in Deutschland. Noch als Student der Architektur gründet er gemeinsam mit seinen Kommilitonen Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff im Juni 1905 die Gruppe „Brücke“. Proportionen, Lichtwirkungen, klare Konzeptionen, festgelegte Posen – all das an den Akademien Gelehrte lehnten sie ab. Gefühle und Triebe sollen in ihrer Unmittelbarkeit unverfälscht den Rausch des Daseins auf die Leinwand projektieren. An die Stelle professioneller Aktmodelle trat der einfache Mensch mit seinem naturgemäßen Körper. Mangels williger Mädchen zog man solche aus dem Rotlichtmilieu oder Kinder heran. Potenz und Triebkräfte waren Kraftquelle für einzigartige Schöpfungen der Brücke-Künstler.


Akte als Sinnbild einer nicht zivilisierten, mit der Natur verbundenen Welt durchziehen die gesamte Ausstellung, mit der das Städel Museum den großen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner derzeit feiert. Die Frankfurter Schau ist als konzentrierte Retrospektive mit 167 Exponaten angelegt, ausgehend vom reichen hauseigenen Fundus, einer der größten Kirchner-Sammlungen weltweit. Besonders hervorzuheben ist die Berücksichtigung aller Schaffensperioden bei der Auswahl der Gemälde, Skulpturen, Papierarbeiten, darunter Farbholzschnitte, Lithografien, Fettkreidezeichnungen. Zuletzt wurde der Künstler 1980 anlässlich seines einhundertsten Geburtstages in Deutschland mit einer 401 Werke umfassenden Schau in Köln, Berlin, München und Zürich gewürdigt.

Der erste Saal imponiert mit einer „Retrospektive im Kleinen“ am Beispiel von Selbstporträts, die den eigenwilligen, herrischen, kompromisslosen Menschen im Spiegel der Jahre vorstellen. Wer war Ernst Ludwig Kirchner? Am 6. Mai 1880 erblickt der Sohn eines Ingenieurs in Aschaffenburg das Licht der Welt. Von 1901 bis 1905 studiert er Architektur an der Technischen Hochschule in Dresden, unterbrochen von einem Semester Kunst in München im Jahr 1903. Ins Jahr 1911 datiert die Übersiedlung nach Berlin. 1915 beginnt er als Freiwilliger den Kriegsdienst in Halle, der ihn schon nach wenigen Wochen physisch und psychisch zermürbt. Nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten lässt er sich auf der Staffelalp bei Davos nieder. Hier setzt er seinem Leben in freier Natur umweit seines Hauses 1938 selbst ein Ende.

Die Porträts im ersten Saal, entstanden insbesondere während des ersten Weltkrieges und seines Schweizaufenthaltes, stellen einen körperlich und seelisch labilen Menschen vor, der sich immer wieder wandelt und penibel seine Außenwahrnehmung steuert. Die schließlich zum Vortrag gebrachte Zweisamkeit mit seiner Partnerin Erna Schilling täuscht, da sie sich Kirchner total unterzuordnen hatte.

Die Bilder der frühen Jahre legen stilistische Einwirkung von Avantgardekünstlern wie Vincent van Gogh, Edvard Munch oder Henri Matisse offen. 1908 klingen im Gemälde „Fehmarn – Häuser“ noch nachimpressionistische Ausdrucksweisen an. Nach der Beschäftigung mit Matisse sind Kirchners Bilder von kräftig betonten Flächen gekennzeichnet, wie das Gemälde „Liegende Frau in weißem Hemd“ aus dem Jahr 1909. Es wurde bislang wenig beachtet, da es auf der Rückseite eines späteren Bildes existiert. Um kostspieliges Material zu sparen, bemalte Kirchner Leinwände öfters doppelseitig, eine Besonderheit in seinem Œeuvre. Die Personendarstellungen kennzeichnen eine gegen festgelegte Posen der wilhelminischen Ära aufbegehrende künstlerische Formensprache. Die vorgeführten natürlichen, zwangslosen Bewegungen der Modelle entsprachen dem alternativ-freizügigen Lebensstil der Brücke-Maler, der auf viele Zeitgenossen höchst anrüchig wirkte.

In der chronologischen Schau folgen expressionistische Werke der Dresdener Zeit. Bewegung in den Tanz- und Akrobatikvorführungen in Varietés und im Zirkus faszinieren Kirchner bei der Motivfindung genauso wie das Spiel mit Sinnlichkeit und Erotik. Das großformatige Hauptwerk „Zirkusreiter“ aus dem Jahr 1914 fand für diese Schau erstmals seit 1980 wieder den Weg nach Europa. Weibliche Akte, nackte Mädchen und immer wieder Porträts der erst achtjährigen Fränzi und anderer Kinder tauchen auf, die damals das Künstleratelier besuchten. Ernst Ludwig Kirchner nutzt ihre Unerfahrenheit und Unschuld aus und beabsichtigt so der Ursprünglichkeit am nächsten zu kommen.

Der Wechsel nach Berlin im Jahr 1911 wirkt sich stark stilistisch wie motivisch aus. Eckige, spitze Formen, überlängte Körper sowie eine fransige Malweise sind Reflexe auf die pulsierende Großstadtatmosphäre. Fedrige Körper und giftig-fahle Farben spiegeln die Nervosität des Alltags. Kontaktaufnahmen zwischen Huren und Freiern auf Berliner Straßen und Plätzen stellt Ernst Ludwig Kirchner aggressiv in unruhigen Schraffuren und steilen Perspektiven dar. Ein stürmisch-draufgängerischer Unterton hat die friedliche Dresdener Stimmung abgelöst, Mann und Frau stehen sich jetzt eher unversöhnlich gegenüber.

Kirchners Arbeiten aus dieser Epoche gelten gemeinhin als Höhepunkte seines Schaffens. Kurz vor seinem Antritt beim Militär schafft er mit dem monumentalen Triptychon „Die Badenden“ eines seiner Ansicht nach stärksten Werke. Erstmals seit 1933 wird das 1925 überarbeitete und damit vom aggressiven, gezackten Duktus der Körper und Objekte befreite Gemälde wieder zusammenhängend ausgestellt. Noch während der militärischen Grundausbildung in Halle entsteht 1915 das Gemälde „Platz in Halle“, das erstmals seit 1917 wieder öffentlich zu sehen ist. Das Thema der Begegnung von Mann und Frau fasst Kirchner hier nicht in Paaren, sondern getrennten, sehr zart ausgearbeiteten Figuren.

Nach dem Zusammenbruch stehen Sanatoriumsbesuche in Königsstein, Berlin und Kreuzlingen an. Die Abhängigkeit von Alkohol und Tabak, eine Morphium- und Veronalsucht attestieren ihm die Ärzte. Trotzdem bleibt Ernst Ludwig Kirchner auch während dieser Zeit künstlerisch höchst produktiv. Landschaften, Szenen des Sanatoriumsalltags und emphatische Porträts entstehen. Unter simplen Bedingungen lebt er seit 1918 zurückgezogen in der Schweiz, wo ihn die Alpenlandschaft zu neuen Motiven inspiriert. Bergbauern treten an die Stelle von Berlins schillernder Halbwelt. Schroffe Ferne und kühle, schneebedeckte, majestätische Bergpanoramen lassen Kälte und Tragik spüren. Die Malweise wird flächiger, Blauviolett, Rosa und Grüntöne durchdringen die Gemälde. Trotz des abgeschiedenen Aufenthaltsortes informiert sich Kirchner weiterhin gründlich über das aktuelle Kunstgeschehen. Unter einem Pseudonym verfasst er Lobpreisungen über sein Werkschaffen. 1925/26 besucht er auf einer Deutschlandreise wieder Frankfurt, Chemnitz, Dresden und Berlin, was ihn zu frischen Motiven beflügelt.

Mit einem neuen Stil ab Mitte der 1920er Jahre schließt die Ausstellung. Rosa-, Braun- und Lavendeltöne bestimmen nun die Palette. Geschwungene, flächige Formen, geometrisch abstrahierte Figuren und eine schablonenartige Malweise korrespondieren mit dem Stil Pablo Picassos. Bis heute löst die postexpressionistische Phase Verwunderung aus. Kirchner spielt mit konstruierten Flächen, die übereinander geschoben sind, kombiniert sie mit einem Detailrealismus, verzichtet aber nie auf gegenständliche Formen. Den Anschluss an die Kunstentwicklung zu wahren, erweist sich als neuer Antrieb. Verzweifelt verfolgt er die Verfemung seiner Kunst im Jahr 1937; rund 600 seiner Arbeiten werden geraubt, verscherbelt, zerstört. Von den Drogen kommt er nicht los, das Leben wird zur Hölle. Als im März 1938 die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert und damit nur etwa 20 Kilometer Luftlinie von Davos entfernt ist, zerstört Kirchner einen Teil seiner Werke, wohl aus Angst, sie könnten den Deutschen bei einer Besetzung in die Hände fallen. Am Morgen des 15. Juni 1938 setzte Kirchner seinem Leben nahe seinem Haus mit zwei Schüssen ins Herz ein Ende.

Frankfurt erweist sich als kongenialer Ort für eine Würdigung des großen deutschen Malers. 1886 lebte er für ein Jahr in der Mainmetropole und wurde hier eingeschult. 1916 fand beim Galeristen Ludwig Schames eine der ersten Kirchner-Ausstellungen statt. Schon damals erwarb das Städel Museum neben anderen ortsansässigen Sammlern Arbeiten Kirchners. Der reiche eigene Fundus an Werken Kirchners verdankt das Städel vor allem dem Frankfurter Chemiker Carl Hagemann, dessen Erben die durch die Nazis aufgerissenen Lücken nach dem Zweiten Weltkrieg mit Schenkungen und Dauerleihgaben wieder schlossen. Heute ist Kirchner in den Medien so präsent wie kein anderer deutscher Expressionist. Sein Monumentalbild „Sonntag der Bergbauern“ aus dem Jahr 1923 ziert den Kabinettsaal im Berliner Bundeskanzleramt. Schweizer Berge und Kirchners Malerei dienen als Blickfang deutscher Kunst und Politik auch im 21sten Jahrhundert!

Die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Retrospektive“ ist noch bis zum 25. Juli zu sehen. Das Städel Museum hat täglich außer montags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs und donnerstags zusätzlich bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 39,90 Euro kostet.

Kontakt:

Städel Museum / Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie

Schaumainkai 63

DE-60596 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 60 50 98 0

Telefax:+49 (069) 61 01 63

E-Mail: info@staedelmuseum.de



08.07.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Ernst Ludwig Kirchner, Selbstportrait, um 1919

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Saal mit Ernst Ludwig Kirchners Triptychon „Badende Frauen“, 1915/25

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Ernst Ludwig Kirchner, Varieté – Englisches Tanzpaar, 1909/1926

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