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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Herford zeigt europäisches Spätwerk des Architekten Richard Neutra

Leben im Einklang mit der Natur



Auf dem eigenen Kontinent gilt der Prophet wenig. Im fernen Kalifornien dagegen sind Häuser von Richard Neutra überaus teuer und werden wie Kunstwerke gehandelt. Im Mai 2008 endete bei Christie’s das Bietgefecht für das in Palm Springs gelegene Haus Kaufmann bei knapp 17 Millionen US-Dollar. Hierzulande haben Neutras Bauten schwer; entstellende Veränderungen zeugen von wenig Verständnis. In der Tat: Der Epoche machende Architekt verpflanzte eine großzügige, auf vermögende Klientel zugeschnittene und für endlose Landschaften in heißem Klima konzipierte architektonische Haltung in ein völlig andersartiges europäisches Umfeld. Kritik, Unverständnis und bauliche Probleme blieben somit nicht aus. Erfreulich anzusehen bleibt die Intention, die außerordentlichen Leistungen des lange in den Hintergrund gerutschten Baumeisters langsam wieder ins Bewusstsein zu rücken. Eine Ausstellung des Museums Marta in Herford widmet sich derzeit dem europäischen Spätwerk Neutras zwischen 1960 und 1970. Doch um es zu verstehen, muss man einen Blick auf die Jahrzehnte davor werfen.


Richard Josef Neutra wurde am 8. April 1892 in Wien geboren. Nach seinem Architekturstudium an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt besuchte er die private Bauschule von Adolf Loos, der ihn genauso beeinflusste wie Otto Wagner und später Frank Lloyd Wright. Da Neutra in seiner Heimat kein Weiterkommen sah, widmete er sich in der Schweiz dem Städtebau und der Landschaftsgestaltung, bevor er 1921 eine kurze Anstellung im Bauamt von Luckenwalde südlich von Berlin fand, aber rasch ins Büro von Erich Mendelsohn wechselte. Bis zu seiner Auswanderung in die USA im Jahr 1923 hatte Neutra also bei führenden Vertretern seines Fachs lernen können. In Amerika fängt er dann in diversen Büros als Bauzeichner an, unter anderem bei Frank Lloyd Wright. Ab 1925 betreibt er mit wechselnden Partnern in Los Angeles ein Architekturbüro. Es folgen Lehraufträge, die ihn 1930 kurzzeitig auch ans Dessauer Bauhaus führen. Als einziger Architekt der Westküste kann er sich an der legendären Ausstellung „Modern Architecture“ im New Yorker Museum of Modern Art beteiligen, die den „International Style“ salonfähig macht. Sacramento bestellt ihn sogar zum Stadtplanungspräsidenten.

Die von Richard Neutra in Amerika bewältigten Bauaufgaben gestalten sich vielfältig. Von der Kirche über Schulen bis hin zu Bürohäusern erstreckt sich das Spektrum, wobei allerdings Einfamilienhäuser die üppigsten Experimente auf dem Feld moderner Ideen zulassen. Zwischen 1927 und 1929 kreiert Neutra für den Arzt Philip Lovell das am Hang über Los Angeles schwebende „Health House“, eines der Schlüsselwerke der Architektur des 20sten Jahrhunderts. Auf einem Stahlbetonfundament erhebt sich ein leichter dreigeschossiger Bau mit vor- und zurückspringenden Etagen. Strahlend weiße Betonbänder betonen gegenüber dem vertikalen Stahlskelett die Horizontalität. Eine Verkleidung aus transparenten Glaswänden suggeriert ebenso Offenheit wie ineinander fließende Innenräume.

Diese dem „International Style“ zugerechnete, minimalistische Architektur gilt fortan als Neutras Markenzeichen. Ab 1930 besitzt er internationalen Ruf. In den Folgejahrzehnten bieten ihm die Vereinigten Staaten ausreichende Entfaltungsmöglichkeiten für großzügig gestaltete Projekte mit funktional gegliederten Grundrissen. Ausgreifende Körper in kubischen Formen, das Prinzip fließender Räume, raumhohe Scheibenfronten, auskragende Flachdächer mit aus dem Baukörper ragenden Stützen, so genannten „Spider Legs“, verschmelzen Wohn- und Naturlandschaften. Licht, leicht und luftig dynamisiert er die Formen. Virtuos kombiniert Richard Neutra adäquat den Vorstellungen der Auftraggeber seine Bungalows als „Ankerplätze der Seele“ in immer neuen Formationen. Schnell gewinnt das „organische“ Wohnen im Einklang mit der Natur vor allem im Westen Kultstatus.

Nach nahezu drei Jahrzehnten, im Jahr 1958, ereilt Neutra erstmals wieder ein Auftrag aus dem alten Europa: Der Schweizer Industriemanager Hans Grelling beauftragt ihn mit dem Entwurf seines Hauses in Ascona. Es ist der Auftakt zu einer Serie aus zehn in Deutschland, Frankreich und der Schweiz zwischen 1960 und 1970 ausgeführten Villen und Siedlungsbauten, die von sieben weiteren unrealisierten Projekten flankiert werden. Sie stehen im Fokus der Herforder Ausstellung, die einer Entdeckungsreise gleichkommt. Dazu wurden umfangreiche Forschungen im Neutra-Archiv an der University of California in Los Angeles angestellt, unterstützt durch seinen Sohn Dion Neutra, und die neuen Ergebnisse nun präsentiert.

Die Schau weist jedem der zehn ausgeführten Planungen in einer werkstattmäßig anmutenden Kojenstruktur einen eigenen Sektor zu, in dem Modelle, Originalskizzen, aquarellierte Zeichnungen sowie Fotografien die Bauten beschreiben. Neben den Siedlungen in Mörfelden-Walldorf und Quickborn handelt es sich ausschließlich um großzügige Villen für betuchte Bauherren. Berichte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ lenkten schon früh das Interesse auf Neutras Bauten. So nimmt es nicht Wunder, dass der Verleger Gerd Bucerius Anfang der 1960er Jahre Neutra als Entwerfer für sein Schweizer Domizil engagierte. Eingefügt in die herrliche Berglandschaft oberhalb von Locarno und dem Lago Maggiore zugewandt, demonstriert das vier Millionen Schweizer Franken teuere Anwesen Neutras außerordentliches Gestaltungsvermögen. Weit geöffnete Fassaden, relativ simple innere Ausstattung und aufwendige technische Installationen zeichnen dieses Domizil aus, dessen Pool dank technischer Hilfe in Innen- und Außenbecken getrennt werden konnte. Nach dem Tod von Bucerius’ Ehefrau 1997 haben es die neuen Besitzer liebevoll restauriert.

Durch Umbauten verändert gibt sich heute das zwischen 1961 und 1967 projektierte Haus Kemper, eine von zwei Villen Neutras in Wuppertal. Dieser für einen Textilunternehmer realisierte Bau, in dem heute ein Zulieferer der Rüstungsindustrie residiert, vermittelt klar, wie Neutra die Grenzen der Wohnräume aufhebt und mit der Natur vereinigt. Nach der Aufnahme seines 1926 geborenen Sohnes Dion als Teilhaber in sein Architekturbüro im Jahr 1960 wandte sich Richard Neutra wieder verstärkt Europa zu. Von 1966 bis 1969 lebte er in seiner Heimatstadt Wien. Trotz seines schlimmen Herzleidens missionierte er unermüdlich in aller Welt und hielt engen Kontakt zu seinen Kunden. An den Folgen eines Herzinfarktes verstarb er am frühen Abend des 16. April 1970 im Wuppertaler Haus Kemper, dessen Bewohner er gerade besuchte.

Aufschlussreich gestaltet sich der Saal mit den sieben unausgeführten Entwürfen, darunter jener für das Düsseldorfer Schauspielhaus. Neutra adaptierte hier Elemente seiner kalifornischen Landhausarchitektur und konnte sich in einem als intransparent erachteten Wettbewerbsverfahren nicht gegen skulpturale Entwürfe Bernhard Pfaus durchsetzen, für ihn eine schmerzliche Enttäuschung. Ebenfalls weitgehend unbekannt war bislang auch sein 1959/60 konzipiertes luxuriöses Villenprojekt für die Düsseldorfer Unternehmerfamilie Henkel, die sich durch die großflächigen Glasfronten wohl allzu sehr von der Öffentlichkeit beobachtet fühlte und die weitere Verfolgung des Vorhabens einstellte.

Die Ausstellung ergänzen zwei weitere kleinere Präsentationen. Einmal erinnert eine Auswahl von Fotografien an Julius Shulman, der als Geburtshelfer der Architekturfotografie gilt. Mit seinen Architekturaufnahmen bahnte der Amerikaner den Weg des neuen Bauens aus reinen Fachzeitschriften in große Publikumsblätter. Neben Neutra machte er viele andere Architekten einer breiten Leserschicht durch sorgsam konzipierte Bilder bekannt, die die Häuser der Wirklichkeit entrücken und auf eine neue Gestaltungsebene transformieren.

Darüber hinaus ist das Marta bestrebt, Dialoge zur aktuellen Kunstszene herzustellen. Der junge, 1974 in Aachen geborene Künstler Stephan Mörsch konterkariert die Architekturikonen mit kreativem Handwerkertum und improvisierten Unterschlüpfen. Unterschiedliche Aufenthaltsorte lässt er neu entstehen: Modelle von Bunkern, Hochsitzen, Gartenhäusern. Ergänzend dazu zeigen seine Grafitzeichnungen Räume, die aus dem Dunkel der Erinnerung auftauchen. Sie bilden als Schatten von Erinnerungen einen eigenen Kosmos jenseits professioneller Starentwürfe. Der Dialog mit Mörsch aber rückt das Œuvre Neutras gewollt in einen vorwurfsvoll politisierenden Kontext und wirft einen sozialkritisch diskreditierenden Diskurs auf, der einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Ihn hat Neutra nicht verdient!

Die Ausstellung „Richard Neutra in Europa. Bauten und Projekte 1960 bis 1970“ ist bis zum 1. August zu sehen. Das Marta hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, am ersten Mittwoch im Monat bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 34 Euro kostet.

Kontakt:

Marta Herford

Goebenstraße 4-10

DE-32052 Herford

Telefon:+49 (05221) 99 44 300

Telefax:+49 (05221) 99 44 30 23

E-Mail: info@marta-herford.de



21.06.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Marta Herford

Bericht:


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Künstler:

Julius Shulman

Künstler:

Richard Neutra

Künstler:

Stephan Mörsch










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