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Die etwas anderen Londoner Großsammler: Das britisch-finnisch-jüdische Sammlerpaar Anita und Poju Zabludowicz zeigt seine Schätze in einer ehemaligen Methodistenkirche. Eingerichtet hat die aktuelle Sammlungspräsentation die Berliner Gastkuratorin Anna-Catharina Gebbers

Eine Kirche voller Kunst



Megasammler sind wie Großwildjäger: Sie zeigen gern ihre Trophäen. Das trifft auf den französischen Luxusgüter-Milliardär François Pinault ebenso zu wie auf den britischen Ex-Werbemogul und selbsternannten „Artoholic“ Charles Saatchi. Ebenso monumental wie aseptisch wirken die modernen Paläste, in denen sie ihre Sammlungen präsentieren – mit Vorliebe große Installationen, die allein schon aufgrund ihrer Dimensionen für Ehrfurcht beim Betrachter sorgen sollen. Pinaults Privatmuseum Punta della Dogana in Venedig wirkt wie der Showroom von Christie’s. Was kein Wunder ist, denn schließlich gehört ihm das Auktionshaus ja auch. Und auch die Londoner Saatchi Gallery hat keinerlei Berührungsängste zum Auktionsmarkt: Das Auktionshaus Phillips, de Pury & Company verfügt sogar über eigene Räume im unweit des Buckingham Palace gelegenen Hauptquartier des Kunstunternehmers Charles Saatchi.


Dass es auch anders geht, beweist jetzt eine Ausstellung, die in den Sammlungsräumen einer weitaus diskreter agierenden, aber vielleicht umso einflussreicheren Londoner Sammlerfamilie zu sehen ist. Die Zabludowicz Collection des in London lebenden britisch-finnisch-jüdischen Unternehmerpaares Anita und Poju Zabludowicz residiert im Gegensatz zur Saatchi Collection nicht im feinen Chelsea sondern in Kentish Town im durchaus etwas raueren Londoner Norden. Und es gibt einen zweiten wichtigen Unterschied zum „Durchlauferhitzer“ Saatchi: Die Zablodowicz’ verkaufen nie.

Eine rund 150 Jahre alte, etwas verwunschen wirkende Methodistenkirche auf der Prince of Wales Road 176 dient seit 2007 als Projektraum. 2005 wurde sie für die Sammlung erworben und behutsam umgebaut. Zuvor war hier über zwei Jahrzehnte ein Theaterzentrum untergebracht. Eine Auswahl von rund 200 Exponaten aus der über 2000 Arbeiten umfassenden Sammlung hat jetzt die in Berlin lebende freie Kuratorin und Kunstkritikerin Anna-Catherina Gebbers für ihre Ausstellung „The Library of Babel – In and out of Place“ zusammengestellt. Gebbers ist die erste Gastkuratorin, die nach einem Residenzaufenthalt die Gelegenheit erhielt, ihre ganz persönliche Auswahl aus der Sammlung zu treffen. In Zukunft soll einmal pro Jahr ein externer Kurator eingeladen werden, aus den Beständen der Zabludowicz-Collection eine Schau zusammenzustellen.

Literarischer Referenzpunkt für Anna-Catherina Gebbers kuratorische Reise durch die Sammlungsbestände war die 1941 erstmals erschienene metaphysisch-fantastische Kurzgeschichte „Die Bibliothek von Babel“ des argentinischen Schriftstellers und Essayisten Jorge Luis Borges (1899-1986). Borges entwirft darin das parabelhafte Bild der Welt als unendlicher Aneinanderreihung von ineinander übergehenden Bibliotheksräumen. Alle Menschen sind bei Borges Bibliothekare, und jede nur erdenkliche Buchstabenfolge ist in den Büchern dieser Bibliothek vorhanden, also auch jedes wichtige Werk der Weltliteratur. Allerdings fehlen jegliche Ordnungssysteme und Beschriftungen der Werke, so dass jede gezielte Suche nach einem bestimmten Inhalt zu einem nahezu aussichtslosen Unterfangen wird. Eine ausweglos-kafkaeske Situation, die gerade heute im Wissensuniversum des Computer- und Internetzeitalters, die Ohnmacht des Individuums gegenüber der ungefilterten Flut allgegenwärtiger Reize und Informationen versinnbildlicht.

Auch Gebbers verzichtet auf klar umrissene Ordnungskriterien. Es gibt keine Wandtexte, Kapitelüberschriften oder erklärende Saalzettel. Stattdessen eine All-Over-Präsentation von Arbeiten aus der Sammlung. Malerei, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografie oder Videoarbeiten treffen in Petersburger Hängung unvermittelt aufeinander, gehen Dialoge ein oder stehen wie Fremde an einer Bushaltestelle ganz zufällig nebeneinander. Gemeinsam mit der Sammlerin Anita Zabludowicz, der Sammlungskuratorin Elizabeth Neilson und zwei weiteren Mitarbeiterinnen hat Gebbers zu jedem Buchstaben des Alphabets mindestens einen Künstler ausgewählt. Von Nobuyoshi Araki bis Tobias Zielony. Was den Reiz dieser dicht gehängten Schau ausmacht, das ist die vollkommen unhierarchische, keinerlei eindeutige Lesarten vorschreibende Präsentation. Unbekannte Künstler hängen neben Weltstars. Fotografie neben Malerei. Kein noch so schmaler Nebenraum oder Gang ist ausgespart. Marc Quinns hyperrealistische Bilder von exotischen Blumen geleiten den Besucher sogar bis zur Toilette.

Der Ausstellungsort selbst ist alles andere als ein klassischer White Cube. Während die Eingangslobby, das Café und der Shop den heutigen Bedürfnissen angepasst sind, verströmen die nur sehr vorsichtig renovierten beziehungsweise konservierten Ausstellungsräume einen bohemehaften Hauch von Berlin-Mitte-Ästhetik. Hier und da knirscht der Holzfußboden, und selbst in der ehemaligen Sakristei blättert die Farbe dekorativ von den Wänden. Von wegen „unrenoviert“: Shabby Chic nennt man das in London.

Ähnlich den Bewohnern der Bibliothek von Babel, sucht sich jeder Betrachter seinen ganz individuellen Weg durch das visuelle Labyrinth der Ausstellung. Anna Catherina Gebbers: „Die Ausstellung stellt meine Rolle radikal in Frage, da sie den Besucher selbst zum Kurator macht; die schiere Anzahl der Arbeiten zwingt den Betrachter, seine eigene Auswahl zu treffen. Was mich interessiert, ist, wie er mit der Situation umgeht.“ Jeden Samstag während der Dauer der Schau gibt es zudem Führungen mit beteiligten Künstlern, die über ihre eigene Arbeit sprechen, aber auch ausgewählte Arbeiten anderer Künstler mit einbeziehen. Diese Methode des individuellen Blicks und der subjektiven Auswahl, aus der Fülle des Materials im Rahmen einer Führung eine eigene Ausstellung zu kuratieren, steht auch Besuchern offen. Und das Interesse ist groß. Alle zur Verfügung stehenden Termine waren bereits kurz nach Ausstellungsbeginn ausgebucht.

Als besonderer Renner bei den Londonern erweisen sich auch die Künstlerführungen am Wochenende. Als im März die beiden in London lebenden deutschen Künstler Sophie von Hellermann und Alexander Heim gemeinsam mit dem Brit Art-Star Tracey Emin drei individuelle Touren gaben, war der Andrang groß. Der gebürtige Hamburger Alexander Heim, Jahrgang 1977, erläuterte zunächst seine eigene Arbeit „Cis und Gis“, zwei kreisförmige Wandobjekte aus Ton, in denen er auf subtile Weise die Tschernobyl-Katastrophe verarbeitet. Seine persönliche, mit künstlerischem Blick und vielen hintersinnigen Querverweisen gespickte Tour durch die Ausstellung endete schließlich bei einer neuen Skulptur seiner Lebensgefährtin Nicole Wermers, einer Plastikbank mit Findlingssteinen aus den unterschiedlichsten Regionen Großbritanniens.

Nahtlos erfolgte hier die Übergabe an die Malerin Sophie von Hellermann, Jahrgang 1975, die an der Düsseldorfer Akademie ausgebildet wurde. Sie erläuterte ihr dreiteiliges Gemälde „Chum Pain Party“ von 2002, das sie zunächst als Auftragsarbeit für ein Restaurant in Soho gefertigt hatte und das auf einem TV-Drama basiert. Von Hellermann, ehemaliges Mitglied der Düsseldorfer Künstlergruppe Hobbypop, erzählt von Malermachos in Düsseldorf, der Macht der Becher-Schule in den 1990er Jahren, die Neue Leipziger Malschule und vom eigenen Weg als Malerin mit deutschen Wurzeln in London. Kein Zufall - im selben Raum hängen sowohl ein Bild von Albert Oehlen als auch Andreas Gurskys Monumentalaufnahme von der Rohstoffbörse in Chicago. In der Zabludowicz Collection sind Leipziger Maler wie Matthias Weischer ebenso vertreten wie viele jüngere Fotografen, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ausgebildet wurden, vorwiegend aus der Klasse Timm Rautert. Fotografie bildet einen Schwerpunkt innerhalb der Sammlung.

Viele Besucher waren an diesem Wochenende extra wegen Tracey Emin gekommen, die es vorzog nur über ihre eigene Arbeit zu sprechen. Die Fotografie „Good Smile Great Come“ war im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes entstanden, gleichzeitig auf dem Höhepunkt des Medienwirbels um die sich selbst in der Öffentlichkeit entblößende Star-Künstlerin, deren stark biografisches Werk sich vordergründig um Sex, Geld, Macht und Scheitern dreht. Der auf einem Polaroid basierende C-Print zeigt die sitzende Künstlerin, wie sie hektisch Geldscheine in ihren Schoß rafft. Das Foto löste einen kleinen Skandal aus, in Spanien durfte es zum Beispiel nicht plakatiert werden. Tracey Emin plaudert in London offenherzig über ihre wahren Gefühle während der Entstehung des Fotos: Nach außen hin die erfolgreiche Künstlerin, in Wahrheit aber gerade heftig betrogen vom eigenen Freund mit einer anderen. Die Londoner Besucher hingen an ihren Lippen, stellten Fragen und gaben Kommentare ab – ein Brit Art-Star zum Anfassen, ganz leger in Karobluse und Steppweste.

Das Buch von Borges endet mit der Feststellung: „Die Bibliothek ist schrankenlos und periodisch. Wenn ein beliebiger Wanderer sie in irgendeiner beliebigen Richtung durchwandern würde, so würde er nach Ablauf einiger Jahrhunderte feststellen, dass dieselben Bände in derselben Unordnung wiederkehren (die, wiederholt, eine Ordnung wäre, der Ordo). Meine Einsamkeit gefällt sich in dieser eleganten Hoffnung.“ Ordnung oder Unordnung? Letztendlich eine Definitionssache. Die Ausstellung „The Library of Babel – In and Out of Place“, die sich zugleich auch auf einen Essay von Andrea Fraser über Louise Lawler bezieht und zwei kleinere Vorläuferausstellungen in verschiedenen Projekträumen in Berlin hatte, ist somit auch als vielschichtige Parabel auf den fein verästelten Kunstbetrieb zu lesen.

Die Ausstellung „The Library of Babel / In and Out of Place“ ist bis zum 9. Mai zu sehen und hat donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Der Katalog ist in Vorbereitung.

176 Zabludowicz Collection
176 Prince of Wales Road
GB-London NW5 3PT

Telefon: +44 (0)20 – 7428 8940
Telefax: +44 (0)20 – 7428 8949

www.projectspace176.com



21.04.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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