Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Anzeige

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Das Düsseldorfer Museum Kunst Palast widmet sich in einer großen Schau den Nachkriegskünsten des Informel und des Abstrakten Expressionismus

Freiheitsgelüste



Vor genau fünfzig Jahren verhalf die zweite Documenta der Abstraktion zum Durchbruch. Dem totalen staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch in Deutschland und weiten Teilen der Welt folgte in der Kunst ein Aufbruch. Ungebändigt, von Zwängen befreit und abbildenden Gesinnungen abgeneigt, etablierten Künstler weltumspannend eine einheitliche Ausdrucksform. Sie lassen von klassischen Konstruktionsprinzipien ab, brechen bestehende Bildmuster mit ihren hierarchischen Aufbau aus Formen und Farben auf und lehnen alles Kompositorische ab. Spontane, impulsive Gesten entsprießen den Leinwänden, offene, experimentell inspirierte Strukturen in formaler Reduktion überziehen die Bildfläche, nicht aber strenge geometrische Abstraktionen.


Die Künstler preisen die neuen Freiheiten, erkunden neue Materialien und Malmittel und gelangen zu automatischen Bildlösungen; der Prozess wird zum Thema. Bewusst stellen sie ihre ungebändigte Frische gegen restaurative Tendenzen einer schwierigen Zeit, in denen die Altvordern „keine Experimente“ verlangen! Es wird nicht gemalt, sondern geschüttet, getröpfelt, gekratzt, pastose, energiegeladene Schwünge aufgeführt. Der Besucher der Ausstellung „Le grand geste!“ im Düsseldorfer Museum Kunst Palast schreitet daher durch eine Welt von amorphen Farbsprenkeln, die sich in teils automatisch gefundenen Explosionen, Verästellungen und Schwingungen verlieren. „Action Painting“ wird zur Weltsprache. Die diversen Ausprägungen münden in den USA in einen „Abstrakten Expressionismus“. Europa gibt sich „Informel“. Daneben keimen Varianten wie der „Tachismus“ oder die „Lyrische Abstraktion“ vor allem in Frankreich auf.

Der Aufstand der Malerei wird von Amerika aus dominiert. Deutsche mischen dabei zwar auch mit, werden aber nicht als Heroen gewichtet. Die Düsseldorfer Ausstellung versucht, den Genius loci gebührend zu würdigen. Unter den 55 Künstlern sind die deutschen auf gleicher Augenhöhe präsent, so dass sich die nicht nach Regionen, sondern dialogisch angelegte Schau zu einem internationalen Gespräch auffächert. Jackson Pollock hängt neben Karl Otto Götz, Emil Schumacher korrespondiert mit Camille Bryen. Neben den 199 Kunstwerken, darunter rund 150 Gemälden, veranschaulichen Kataloge, Einladungen, Archivalien, Schriftstücke von Protagonisten der Bewegung das deutsche Umfeld. Aktionen der Frankfurter Gruppe „Quadriga“, der Düsseldorfer „Künstlergruppe 53“ oder die viel beachteten Ausstellungen der von 1957 bis 1960 existierenden Düsseldorfer Galerie 22 rücken ins Rampenlicht.

Die große Ausstellungshalle wird vom gefeierten Helden des Abstrakten Expressionismus und dem größten Bild der Schau beherrscht: Jackson Pollocks „Number. 32“ aus dem Jahr 1950 misst rund drei mal fünf Meter. Das ausgesprochen dynamisch-rhythmische Geflecht entstand im Drip-Verfahren. Die Leinwand liegt auf dem Boden, und Pollock bearbeitet sie dann im offenen Mal- und Bewegungsprozess durch Schütten, Klecksen, Gießen, Spritzen. Ähnliche Methoden finden auch bei Fred Thieler oder Hans Hofmann Anwendung. All-Over-Strukturen negieren die Zentralperspektive und leiten das Auge über die gesamte Bildfläche.

Andres geht Kazuo Shiraga vor. An Seilen über den Leinwänden hängend, malt er vorzugsweise mit den Füßen. Großformatige Choreografien aus Bögen basieren auf deren Bewegungsradien. Bereits im Jahr 1957 malt Kazuo Shiraga im Rahmen einer öffentlichen Vorstellung, Vorbote späterer Happenings und Performances. Trotz der Betonung des Malaktes steht das Ergebnis im Vordergrund. Die Künstler nutzen Leinwände als Aktionsfelder, die Formate werden größer, die impulsiven Malweisen verlangen einen vollen Körpereinsatz ab. Karel Appel lässt sich von der aktuellen Jazzmusik inspirieren und trägt füllige Farbstriche auf seine Gemälde auf.

An anderer Stelle beherrscht der 1957 festgehaltene „Brand von Rom“ die Ausstellung. Der französische „Schnellmaler“ Georges Mathieu kreiert in weiten, tänzerischen Gesten pastose Linien direkt aus der Tube. Über das fast fünf Meter breite Bild verdichten sich die Wülste zu einem farblich differenzierten Relief. Auf rötlich lasiertem Grund entfacht sich ein expressiver Rhythmus und verkörpert darin den rasanten Lauf der Zeit. Viel abrupter, aber ungleich weniger stürmisch lässt der Venezianer Emilio Vedova Situationen zusammenprallen, die zu ausdrucksstarken poetischen Geprägen zusammenlaufen. Dagegen muten die farblich reduzierten Strebewerke, Schichtungen oder Balkengerüste aus Farbbahnen von Pierre Soulages eher rätselhaft an. Bei ihm stehen Licht und Raum im Zentrum des Interesses.

Nur in äußerst spärlichen Ansätzen finden sich figürliche Andeutungen, etwa beim Gemälde „The Clock“ von Philip Guston, einer luftigen Komposition um eine Bildmitte, dessen melodisch arrangierte Farbzonen Assoziationen zum rhythmischen Ticken der Zeiger gestatten, oder bei Asger Jorns schemenhaften Gesichtern in zu Schlingen und Kringeln gewundenen Linien. Vergleichbar sind die Fratzen und skurrilen Gestalten Jean Dubuffets. Die Kunst dieses Rebellen bezieht kunstfremde Materialien wie Teer, Sand und Gips ebenso mit ein wie archaische Ausdrucksformen, die gleichfalls radikal akademische Traditionen in Frage stellen. Auch Antoni Tàpies integriert farbfremde Stoffe wie Leim, Staub, Pappe oder Stofffetzen in seine Werke, die die Grenzen zwischen Malerei und Plastik aufbrechen.

Nicht vergessen werden soll auch Ernst Wilhelm Nay mit seinen ab 1955 geschaffenen Scheibenbildern. Fernab jedweder Handlungen und Gebärden geht es ihm um farbliche Flächengestaltungen, die befreiend und spielend das Kosmische wie Beschwingte der Zeit andeuten. Wiederum eine andere Position vertritt Hans Hartung mit seinen weniger spontan gemalten, sondern genau geplanten zeichenhaften Linienkompositionen, die an Kalligrafien erinnern. Kraftvoll dagegen betont in dick aufgetragenen Schichten Emil Schumacher den Eigenwert der Farbe und ritzt oder schabt tiefe Furchen in die strahlenden Töne.

Der Betrachter sucht auch in den schwärenden Farbgewächsen Bernard Schultzes Halt, in denen das Auge ziellos umherschwirrt. Anstoßendes und Reizvolles, Aufblühendes und Verwesendes, solche morbiden Auswüchse liegen hier dicht beieinander. Das spontan Gestische gelangt bei Peter Brünings vertikalen und diagonalen, mal mehr und mal weniger vehementen Pinselschwüngen zum Ausdruck, die er zudem durch farbliche Kontraste in Schwingung bringt. Seine Zeichen sind wie Psychogramme wahrnehmbar. Bei seinen teils unleserlich gekritzelten Liniengewächsen hält Cy Twombly die Heftigkeit des Gestus zurück und betont noch mehr den Zeichencharakter. Sie wecken Assoziationen an antike Graffitis oder Wandinschriften.

Die instruktive Übersichtsschau verdeutlicht die vielen Facetten einer künstlerischen Epoche, deren Aspekte, museal häufig als muffig abgehakt, nun nach vielen singulären Künstlerpräsentationen in ihrer Gesamtheit zusammengeführt sind. Neun der 55 heute überwiegend hoch betagten Künstler sind noch am Leben und können das miterleben, was sie an interaktiven Resonanzen in den Folgejahrzehnten in Bewegung gesetzt haben. Die mit dem Jahr 1946 einsetzende künstlerische Eruption findet 1964 ihr Ende, als Roy Lichtenstein einen Pinselstrich aufträgt und diese große Geste als Motiv abmalend wiederholt. Mit diesem Werk setzt schon der Rückblick auf den Abstrakten Expressionismus ein.

Die Ausstellung „Le grand geste! Informel und Abstrakter Expressionismus, 1946-1964“ ist noch bis zum 1. August zu besichtigen. Das Museum Kunst Palast hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 39,90 Euro kostet.

Kontakt:

Museum Kunst Palast

Ehrenhof 4-5

DE-40479 Düsseldorf

Telefon:+49 (0211) 566 42 100

Telefax:+49 (0211) 566 42 906

E-Mail: info@museum-kunst-palast.de



15.04.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


10.04.2010, Le grand geste! Informel and Abstract Expressionism, 1946-1964

Bei:


Museum Kunst Palast

Bericht:


100 Jahre Museum Kunst Palast










Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce