Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Anzeige

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Michael Conrads im Kunstverein Göttingen

Ornamentale Variationen



Dass die Ausstellung „Paint“ im Kunstverein Göttingen überhaupt zum vorgesehenen Zeitpunkt stattfinden konnte, war wenige Tage vor der Eröffnung plötzlich unsicher geworden. Als Michael Conrads mit einem Transporter auf der Autobahn unterwegs war, um die Gemälde und Skulpturen nach Göttingen zu bringen, geriet er bei winterlichen Straßenverhältnissen mit dem Wagen ins Schleudern. Der Kleintransporter rutschte von der Fahrbahn und überschlug sich: Totalschaden. Michael Conrads kam bis auf ein paar Schrammen zum Glück unbeschadet davon. Auch die meisten Arbeiten haben die ungeplante Schleuderpartie heil überstanden. Kleine Ausbesserungen und Restaurierungen sollten später ein Übriges tun. Letztendlich – und das ist typisch für die Arbeitsweise des Hamburger Künstlers – nahm er diesen ungeplanten Zwischenfall auf der Autobahn zum Anlass, eine neue Arbeit zu schaffen, die er dann kurzerhand in seine Ausstellung integriert hat.


„Paint“, so lautet der Titel dieser ersten institutionellen Einzelausstellung Michael Conrads’. Paint – das kann als bloße Materialbeschreibung, zugleich aber auch als Aufforderung und Motto für die Arbeit von Michael Conrads aufgefasst werden. Im Zentrum seiner Kunst stehen Gemälde. Skulpturen, Objekte, Ready Mades, Tapeten, eine Wandmalerei und kleinere Eingriffe in den Raum ergänzen die größeren und kleineren Leinwände. Im ersten, von Säulen dominierten Raum, kombiniert er acht kleinere Gemälde zu einem Fries. Diese Arbeitsweise der beständigen Neu- und Rekombination eigener Arbeiten ist typisch für seine künstlerische Methode. Auf großen und kleineren Formaten sind geometrische Formen wie Rauten, Dreiecke, Parallelogramme, treppenförmige Elemente, Würfel, kristalline Strukturen, Kreisformen oder Trapeze zu erkennen. Sie entstehen in einer additiven Malweise durch immer wieder neue Übermalungen und Überklebungen.

Michael Conrads’ Gemälde erhalten ihre Dichte und Intensität erst nach einer langen Phase des Durcharbeitens, Verwerfens und Neuerfindens. Der Prozess ist offen. Manche der kleineren Bilder entstanden sogar durch das Zerschneiden größerer Gemälde, mit denen Michael Conrads nicht hundertprozentig zufrieden war. Er nennt sie selbstironisch „Krisenbilder“ – eine Anspielung auf die derzeitige, nicht nur wirtschaftliche Stimmung im Lande, gleichzeitig aber auch auf die kleineren temporären Schaffenskrisen, mit denen fast jeder Künstler von Zeit zu Zeit zu kämpfen hat. Michael Conrads überwindet solche Phasen durch das konsequente Weiterbearbeiten und Recyceln solcher Arbeiten.

Michael Conrads kombiniert seine Malerei im Göttinger Kunstverein mit skulpturalen Arbeiten und Fundobjekten. Während eines Aufenthalts in Istanbul im September 2009 entdeckte er beim Herumstreifen auf den Straßen mehrere scheinbar unbrauchbare und aussortierte Objekte, die seine Aufmerksamkeit erregten: Eine industriell gefertigte kleine Treppe aus Aluminium in der Nähe des Basars. Die Umhüllung aus Kunststoff für eine Wodkaflasche der Marke „Absolut“. Eine Plastiktaube, wie sie Jäger als Lockobjekt benutzen, um lebende Tauben oder andere Wildtiere herbeizulocken und abzuschießen. Einen nicht näher zweckbestimmten Holzständer mit einer Halterung, vielleicht für ein Sieb. Ein Ensemble, das ihn entfernt an einen Barhocker erinnerte. Diese herrenlosen Gegenstände, allesamt Überbleibsel aus dem sich ständig erneuernden Warenkreislauf, nahm Michael Conrads kurzerhand an sich. Einige erwarb er, einige fotografierte er auch bloß.

Der Akt, sie jetzt auszustellen, ist dem künstlerischen Konzept des Ready Made à la Marcel Duchamp ebenso verwandt wie der Objektkunst der Nouveaux Réalistes in den 1960er Jahren. Diese Künstlergruppe um Pierre Restany, Arman, Daniel Spoerri und Raymond Hains praktizierte damals vornehmlich in Paris und Mailand ebenfalls die Transformation scheinbar wertloser Alltagsgegenstände in den Ausstellungskontext. Doch anders als diesen Künstlern genügt Michael Conrads nicht das gefundene Objekt an sich. Er nimmt es zum Ausgangspunkt für eigene Skulpturen: Die Taube, die Flaschenumhüllung oder eine Ananas tauchen als bemalte Gipsabgüsse wieder auf und sind am Ende viel perfekter und ästhetischer als die Vorlagen. Genau wie die nachgebaute und mit Blattaluminium beklebte Minitreppe und ein ebenfalls nachkonstruierter Holzständer werden sie zu Skulpturen zwischen Minimal Art, Arte Povera und Magischem Realismus.

Als Clou und Blickfang des Raumes hängt ein auf- und abwippendes Bündel echter Bananen an einer Spiralfeder von der Decke. Eine Konstruktion, wie sie Conrads an einem Istanbuler Marktstand gesehen hat. Beim Herstellen der Skulpturen entstehen immer wieder kleine Unstimmigkeiten, die gerade den Reiz und die Spontaneität des neuen Kunstobjekts ausmachen und durch Improvisation neu genutzt werden: ein extra dicker Verschluss als „Sahnehäubchen“ auf der Wodkaflaschenumhüllung, eine graue Papierrolle als ironisch-improvisierter Sockel für die Ananas in Bronzeoptik und bunte Pigmente am unteren Ende einer zurechtgestutzten Weihnachtsbaumleiche, die Conrads kurz vor Ausstellungsbeginn als aktuelles Ready Made auf der Reeperbahn aufgelesen hat. Die Pigmente am unteren Ende des Stamms sind ein Zufallstreffer, der gerade recht kam: entstanden durch auslaufende Pigmente während des Autounfalls.

Doch zurück auf die Straßen Istanbuls. Conrads stieß auf geschäftstüchtige Händler, die mit grafischem Spielgerät für Kinder hantierten, das sie für ein paar türkische Lira verkauften. Für einen aufmerksamen Beobachter wie Conrads, der Istanbul mit dem Blick des Künstlers durchstreift, war dies eine Entdeckung. Der Spirograph ist ein bereits in den 1960er Jahren erfundenes Spielzeug aus Plastik, mit dem man mathematische Kurven und geometrische Muster in unendlicher Vielfalt zeichnen kann. Zur Demonstration dieses faszinierenden Instruments zeichnen die Straßenhändler unermüdlich geometrische Formen in verschiedenen Farben auf Papierbögen. Michael Conrads bat die Verkäufer gezielt um einige dieser Bögen, die normalerweise achtlos entsorgt werden, da sie ständig neu produziert werden und für das tägliche Geschäft keinen Mehrwert darstellen.

Diese Blätter überführt er elegant in den Kontext einer Kunstinstitution. Sie können als eigene, serielle Arbeit verstanden werden. Der Titel der Serie lautet jetzt „Studies for Tourists“. Gleichzeitig jedoch dienen sie im Gesamtzusammenhang dieser Ausstellung auch als Referenzobjekte. In ihrer Formensprache und in ihrem Charakter als Beispiel für die unendliche Variation von minimal voneinander abweichenden geometrischen Mustern, verschiedenen Farbzusammenstellungen, Überlagerungen, der wechselnden Dicke des Zeichenstrichs und nicht zuletzt der Offenheit eines schier unendlichen Prozesses der Deklination von Formen und Farben ähneln sie der Malerei Michael Conrads’.

Seine Malerei weist auf den ersten Blick Verwandtschaften zu den „Carceri“ von Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) und anderen seiner düster-verschachtelten Architekturfantasien auf. Man denkt bei der Betrachtung von Conrads’ Bildern auch an die illusionistische Malerei und die paradoxen Raumentwürfe des niederländischen Außenseiterkünstlers Maurits Cornelis Escher (1898-1972). Und selbstverständlich lassen sich auch die konstruierenden Verfahren und seriellen Variationen der Op-Art in seiner Malerei wiederentdecken.

Doch Conrads’ Werk speist sich auch aus anderen Quellen. So beschäftigt er sich intensiv mit Stadtstrukturen, utopischen und dystopischen Orten. Was ihn dabei interessiert, sind aber nicht die wohlgeordneten und perfekt konservierten Vorzeigequartiere europäischer Städte. Deshalb zieht es ihn immer wieder in Metropolen, in denen brüchige Strukturen, chaotische Verhältnisse und ein pulsierender Rhythmus vorherrschen. Mexico City ist hier ein Beispiel, die Mega-City Rio de Janeiro in Brasilien ein zweites, die Millionenstadt Istanbul an der Schnittstelle von Orient und Okzident ein drittes.

Ein zentrales Werk der Ausstellung trägt den Titel „Die große Utopie“. Es ist eines der größten Gemälde, die Michael Conrads bisher gemalt hat. Viele bisher schon erwähnte Elemente, Strukturen, Ornamente und Verflechtungen sind hier in einer dichten, sehr schlüssigen Komposition zusammengeführt: Dreiecke, Streifen, Schachbrettmuster, Treppenstufen und kristalline Strukturen. Eine eindeutige kunsthistorische Referenz zu diesem fulminanten Gemälde sind die Entwürfe des russischen Konstruktivismus. Auch wenn die in dieser Kunst formulierten Utopien oft unrealisierbar blieben und viele Protagonisten der russischen Avantgarde nur einige Jahre im Fokus ihrer Zeit standen, so sind ihre Werke heute in allen wichtigen Museen der Welt vertreten.

Vielleicht markiert der ungeplante Autounfall auf der A7 ja den Anfang einer neuen großen Utopie – zumindest im Werk von Michael Conrads. Als Michael Conrads unversehrt aus dem Transporter kletterte, machte er mit dem Handy etliche Fotos von der verrückten und teils zerstörten Ladung. Eines dieser Fotos zeigt den von Pigmenten beschmutzten Kunstkatalog „Die große Utopie“, der ihn zu dem gleichnamigen Bild inspiriert hat. Dass Zerstörung und Erneuerung die Antriebskräfte seiner Kunst sind, stellt Michael Conrads immer wieder kraftvoll unter Beweis. Wenn man so will, sogar mit der produktiven Verarbeitung seines Autounfalls.

Kontakt:

Kunstverein Göttingen

Gotmarstraße 1

DE-37073 Göttingen

Telefon:+49 (0551) 44 899

Telefax:+49 (0551) 44 899



05.03.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Bei:


Kunstverein Göttingen e.V.

Künstler:

Michael Conrads










Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce