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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Die Mathildenhöhe in Darmstadt ruft die künstlerische Entwicklung der ausgehenden Zarenzeit in Erinnerung

Russland vor dem Durchbruch der Avantgarde



Aristarch Lentulov, Die Basilius Kathedrale, 1913

Aristarch Lentulov, Die Basilius Kathedrale, 1913

Rund ein Jahrzehnt bevor Joseph Maria Olbrichs fingerturmbestückter Ausstellungskomplex als Stadtkrone auf der Mathildenhöhe in Darmstadt entstand, wurde quasi im Vorgarten des Ensembles die Russische Kapelle errichtet. Das prunkvoll mit Mosaiken verzierte sowie blattgoldbelegten Zwiebelkuppeln besetzte Kirchlein im sogenannten neorussischen Stil ist eines der bedeutendsten Symbole russisch-deutscher Dynastie- und Kulturbeziehungen. Jedoch anders als gleichartige Gotteshäuser etwa in Wiesbaden, Bad Ems oder Baden-Baden diente es nicht kurenden Russen. Es bekleidete die Funktion einer Hofkirche, der einzigen außerhalb Russlands. Seit der Verlobung Nikolaus II. im Jahr 1894 mit seiner Cousine Prinzessin Alix von Hessen und bei Rhein weilten beide immer wieder in der kunstsinnigen Residenzstadt der Herzöge von Hessen-Darmstadt, in der der Bruder der Zarin, Großherzog Ernst Ludwig, 1899 die Künstlerkolonie initiierte.


Im Auftrag des Zaren als private Hofkirche zwischen 1897 und 1899 nach den Plänen des St. Petersburger Architekten Leonti Nikolajewitsch Benois auf extra aus allen Teilen Russlands herbeigeschaffter Erde errichtet und künstlerisch ausgestattet von Viktor Mikhailovich Vasnetsov, ist das heutige Gotteshaus der russisch-orthodoxen Gemeinde das augenfälligste Exponat einer instruktiven Ausstellung in den nur wenige Meter dahinter liegenden Museumshallen von Olbrich. Thema der aufwendigen Übersichtsschau im Institut Mathildenhöhe ist das spannende Kapitel der Kunst und Kultur im russischen Reich unter dem letzten Zaren. Rund 300 Stücke aus den Sektoren Kunsthandwerk, Architektur, Bühnenkunst, Film und Fotografie datieren in den Abschnitt des Überganges und der Umbrüche von der pomphaften Zarenkrönung des Jahres 1896 bis zur Oktoberrevolution von 1917.

Gleich zu Beginn verweisen Exponate augenfällig auf maßgebliche russische Eigenarten. Illarion Michailowitsch Prjanischnikows Gemälde „Tag der Verklärung Christi im Norden“ führt die rückständige Agrargesellschaft vor Augen, die Bauernfamilien, die von einer schlichten wie tiefen Religiosität beseelt sind. Eine große Schar bemalter, nach Entwürfen von Pawel P. Kamenski zwischen 1900 und 1913 von der Kaiserlichen Porzellan- und Glasmanufaktur gefertigter Porzellanfiguren zeigt die einzelnen Volksgruppen in ihren Trachten. Plakate und Karten verweisen ebenso auf die ethnologische Vielfalt der 150 Millionen Einwohner, die ein Sechstel der Erdfläche besiedeln.

Unter der alleinigen Herrschaft des Zaren findet in Russland bis 1913 in geradezu atemberaubendem Tempo ein Modernisierungsschub statt. Erschließung des gesamten Landes durch Eisenbahnstrecken, von Rekord zu Rekord eilende Eisen- und Stahlerzeugung sowie Kohleförderung begünstigen das Emporkommen von Arbeiterschaft und neureichem Bürgertum neben dem traditionellem Bauerntum und der Aristokratie. Die Zarenkrönung am 14. Mai 1896 war ein epochales Ereignis von unvorstellbarem Prunk. Nur wenige Monate nach Erfindung des Films drehte ein Team die Feierlichkeiten. Jeder Besucher kann ihnen anhand dieses ersten filmisch festgehaltenen Events beiwohnen – ein Meilenstein in der Mediengeschichte.

Vorbei an Krönungsgeschenken und dynastischen Historamen gelangt man zu den volkskundlich inspirierten, aber stilbildenden Erzeugnissen der Künstlerkolonien von Abramzewo und Talaschkino. Um 1900 bilden sie Epizentren einer Rückbesinnung auf lokalhistorische, nationale Kulturen, auf denen der „neorussischen Stil“ fußt, eine vaterländisch geprägte Spielart der Kunst zwischen Avantgarde und Bauerndesign, die Nützliches mit dem Schönen verbindet. Kunsthandwerkliche Werkstätten bilden in beiden Kolonien die treibenden Kräfte. In Talaschkino werden sie nachhaltig von Sergei Wassiljewitsch Maljutin geleitet, dessen ausgestelltes Speisezimmerensemble neben Ornament- und Pflanzenmotiven von altrussischen Mustern durchsetzt ist und zwischen geometrisch-kubischen und traditionellen Elementen pendelt.

Trachten, Schöpfgefäße, Schlitten, Architekturfragmente oder die raffinierten Ostereier von Carl Fabergé mit ihren überraschenden Mechanismen und kostbaren Materialien finden Ergänzung in Werkgruppen der Künstler Michail Wrubel, der Majoliken schuf, oder Iwan Jakowlewitsch Bilibin, dessen Grafiken sich an den klaren Formen und Umrisslinien japanischer Holzschnitte orientieren. Highlight im zweiten Saal ist eine Gruppe von Bildern Wassily Kandinskys aus den Jahren 1903 bis 1913, die durch ihre hell strahlenden Töne und symbolistischen Motive auffallen. Als der promovierte Jurist im Alter von 30 Jahren sein Heimatland verlässt, bleibt bei ihm die russische Seele, das Interesse für ethnologische Fragen und Volksmythen immanent. Das in seinen Werken dominierende Metasystem leuchtender Farbflecken ist der erste Schritt zur lyrischen Abstraktion.

Ein Kabinett mit zahlreichen Architekturansichten sowie Interieurentwürfen des deutschstämmigen Moskowiter Architekten Fjodor Schechtel zeigt die Konzentration russisch-folkloristischer Motive in Vereinigung mit dem „Stil Modern“, wie der die gesamte europäische Kunstszene zwischen Barcelona und Moskau einnehmende Jugendstil in Russland heißt. Reiche Ornamentik, eine Dynamik bewegter Linien und eine flächige, Naturmotiven entlehnte Gestaltung sind stark vom Westen beeinflusst. Um 1910 verschmelzen in der Architektur diverse stilistische Ausprägungen. Neorussische, neoklassizistische Ausformungen, Elemente der Neorenaissance sowie geometrisch-kubistische Komponenten treten auf.

Im dritten Saal ist Viktor Mikhailovich Vasnetsovs monumentaler Bildfries „Freude der Gerechten über den Herrn. Vor dem Paradies“ aus den Jahren 1885 bis 1896 das dominierende Exponat. Der über zwei Meter hohe und knapp 14,5 Meter lange Entwurf für die Wladimir-Kathedrale in Kiew kann von einer eingebauten Estrade auf Augenhöhe betrachtet werden. Ihm zugeordnet sind Gemälde des Symbolismus, einer zeitgleich mit dem Jugendstil auftretenden Richtung, in der tief empfundene Spiritualität zwischen Glückseligkeit und Todesahnungen hin- und her gerissen ist. Träume, Visionen, Fantasmen bestimmen die Bildfindungen. Michail Wrubels Gemälde „Die Schwanenprinzessin“ vereint im Jahre 1900 den Symbolismus mit Elementen russischer Mythologie, Folklore und Literatur.

Das Jahr 1905 markiert einen Wendepunkt. Verluste an der russisch-japanischen Kriegsfront, Streikwellen, bewaffnete Aufstände und das gewaltsame Auflösen einer friedlichen Großdemonstration durch bewaffnete Armeeeinheiten bestimmen die gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Der vierte und letzte Saal behandelt die künstlerische Verarbeitung dieser Tendenzen in den letzten vorrevolutionären Jahren am Beispiel des russischen Theaters als Gesamtkunstwerk. Die unglaubliche Energie des Aufbruchs entlädt sich in Aristarch Lentulovs kubofuturistischem Gemälde „Die Basiliuskathedrale“. Ihre Kuppeln, Friese, Rundbögen türmen sich in leuchtend bunten Farbzonen und kristallinen Formsplitterungen aus dem Boden brodelnd dem Himmel entgegen. Unverkennbar sind die Bezüge zu Bildern Robert Delaunays ebenso wie die dynamisch quellenden Veränderungen der Zeit.

Im Entstehungsjahr dieses Gemäldes 1913 wird anlässlich der Feierlichkeiten zum 300sten Jubiläum des Hauses Romanow das Zarentum letztmalig prunkvoll in Szene gesetzt. Zugleich arbeiten Regisseure, Komponisten, Choreografen interdisziplinär an Großprojekten einer revolutionierten Theaterkunst, dessen Höhepunkt das die Theatergeschichte revolutionierende „Ballets Russes“ ist. Mit Igor Strawinskys Musik und progressiven Bühnen- und Kostümgestaltungen wird es gewichtiger kultureller Exportartikel des Landes.

Letzte Fesseln werden mit der fragmentarischen, chaotischen und absurden Oper „Sieg über die Sonne“ durch die daran beteiligten Avantgardekünstler Alexej Krutschonych, Michail Matjuschin und Kasimir Malewitsch abgeschüttelt. Malewitsch kreiert dazu in kubistischer Manier gehaltene Kostüme aus geometrischen Grundformen wie Kubus, Kegel und Trapez in den Lokalfarben Schwarz, Gelb und Blau. Betrachtet man die Gouachen, Aquarelle, Kohlestiftzeichnungen, spürt der Besucher in den klaren formalen Reduktionen unverschleiert das unaufhaltsame Streben nach Gegenstandslosigkeit. Anstatt Köpfe besitzen die Figuren Helme aus Karton. Das berühmte schwarze Quadrat wird hier wie auch auf dem Bühnenvorhang erstmals eingesetzt – die Geburtsstunde des Suprematismus hat geschlagen. Sequenzen aus Sergei Eisensteins Film „Oktober“ zeichnen schließlich die Revolutionstage von 1917 auf – ein neues Zeitalter hat begonnen.

Die Ausstellung „Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren“ ist noch bis zum 1. Februar zu besichtigen. Geöffnet ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 45 Euro kostet.

Kontakt:

Institut Mathildenhoehe

Olbrichweg 13

DE-64287 Darmstadt

Telefax:+49 (06151) 13 37 39

Telefon:+49 (06151) 13 27 78



05.01.2009

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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12.10.2008, Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren

Bei:


Institut Mathildenhöhe

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Zar Nikolaus II. und Alexandra Fjodorowna mit ihren Kindern, 1913
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Michail Wrubel, Die Schwanenprinzessin, 1900
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Genossenschaft der Juweliere, Weinservice, Moskau 1908-1917
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Fjodor
 Schechtel, Festliche Speisekarte zum Einzug in die Villa Deroschinskaja, 6. Februar 1903
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Elena P. Samokisch-Sutkowskaja, Porträt
 der Zarin Alexandra Fjodorowna, 1903
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Unbekannter Künstler, Plakat für Kriegsanleihen, 1916
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Zar Nikolaus II. und Alexandra Fjodorowna mit ihren Kindern, 1913

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Michail Wrubel, Die Schwanenprinzessin, 1900

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Genossenschaft der Juweliere, Weinservice, Moskau 1908-1917

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Fjodor Schechtel, Festliche Speisekarte zum Einzug in die Villa Deroschinskaja, 6. Februar 1903

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Elena P. Samokisch-Sutkowskaja, Porträt der Zarin Alexandra Fjodorowna, 1903

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Unbekannter Künstler, Plakat für Kriegsanleihen, 1916

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Unbekannter Künstler, Paravent mit vier Flügeln, frühes 20. Jahrhundert

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Leonti Nikolajewitsch Benois, Fassadenentwurf der Russischen Kapelle der Hl. Maria Magdalena, Mathildenhöhe Darmstadt 1897

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Pawel P. Kamenski, Russin in der Tracht der Provinz Archangelsk, 1912

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Sergei W. Iwanow, Der 18. Oktober 1905, 1905

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Kasimir Malewitsch, Kostümentwurf für den Dickwanst in der Oper „Sieg über die Sonne“, 1913

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