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Nach vielen Jahrzehnten endlich wieder zu sehen: Der Collageroman „Une semaine de bonté“ von Max Ernst entführt in die Welt der Dämonen, Schlaftrunkenen und Vogelmenschen. Die Hamburger Kunsthalle zeigt 184 Originale

Flügelwesen im Wohnzimmer



Eine Gestalt im dunklen Anzug saust eilig um die Ecke. Eine zweite kommt gleich hinterher. In ihren fein ausbalancierten Bewegungen wirken die beiden wie elegant übers Eis gleitende Schlittschuhläufer – jedoch ohne Schlittschuhe. Es sind absonderliche Mischwesen: Sie haben menschliche Körper und tragen vornehme Kleidung, doch statt menschlicher Köpfe haben sie Vogelköpfe. Die Absurdität der Szene wird forciert, wenn man am oberen Rand des Blattes auf ein Fenster blickt. Hier ragt eine überdimensionale Hand heraus, die einen bedrohlichen Gegenstand hält. Er wirkt wie ein gerade aufspringendes Taschenmesser.


Diese kleine Szene findet sich in dem berühmten Collageroman „Une semaine de bonté“ – „Eine Woche der Güte“ – des Surrealisten Max Ernst. Der Roman erschien erstmals 1934 in Paris und besteht aus fünf Heften mit insgesamt 182 Collagen, die nach den Wochentagen gegliedert sind. Max Ernst lehnt sich dabei sowohl an die Schöpfungsgeschichte an als auch an eine ganz weltliche Publikationsweise. Er ließ sich von dem in Paris damals beliebten Dienstmädchenroman, der in Fortsetzungen erschien, inspirieren. Dabei hat Max Ernsts recycelte Materialschlacht, die sich aus den Bildern zahlreicher Magazine, Bücher und anderer Drucksachen speist, weniger Erbauliches als Schockierendes, Traumatisches und Unheimliches zu bieten.

Eine alte Vettel mit Drachenflügeln öffnet die Tür einer Boutique, hinter ihr lauert eine Riesenboa. Schlangen, Drachen, Flügelwesen und Sphinxen bevölkern die bürgerlichen Salons und sorgen für Schrecken und Ohnmacht bei den Damen und verleiten die Kavaliere zu beherzten Verteidigungsaktionen. Erhängte, Skelette, ein Bär mit Hahnenkopf, der zwei junge Mädchen im Nachthemd erschrickt, eine Tote im geöffneten Sarg, eine Berglandschaft im Mondenschein: Max Ernsts fantasievolle Collagen entführen in die Welt des Traums, der Groteske, des Unbehaglichen und der Forensik. Seine Vorlagen fand er auch im illustrierten Roman des 19. Jahrhunderts. Darstellungen des Marquis de Sade oder aus dem „Grafen von Montecristo“ zerschnippelte er gnadenlos, um die einzelnen Elemente dann zu seiner ganz eigenen Bildwelt zu montieren.

Die Hamburger Kunsthalle zeigt jetzt 184 Originalcollagen aus der „Semaine de bonté“. Erstmals seit 1936 sind sie wieder öffentlich zu sehen. Entscheidender Motor für diese Präsentation ist der Max Ernst-Experte und Kunsthistoriker Werner Spies. Erst durch die Präsentation der Originalcollagen wird die Arbeitsweise von Max Ernst offengelegt. Er klebte teils mehrere Schichten übereinander, ergänzte Schatten und Zwischenräume behutsam mit dem Bleistift und schuf durch geschicktes Weglassen und Hinzufügen völlig neue, teils absurde Bilderzählungen.

Es passiert immer etwas auf den Einzelblättern, meist etwas Grausames oder Verstörendes. Ein Vogelmensch schleppt eine in Tücher gehüllte Gestalt durch den Wald. Ein Bote mit Drachenflügeln überbringt einen unheilvollen Brief, beobachtet von einem Chinesen mit Schlange. In einem Salon kniet eine geistesabwesende, geflügelte Frau vor einem Toten, umringt von einer erregten Personengruppe, am Boden schlängeln sich listige Marderhunde. Das rationale Denken wird hier ausgeschaltet und die Inspiration aktiviert – ein Leitgedanke des Surrealismus. Unter Experten gilt Max Ernsts Collageroman als eines seiner Hauptwerke. Die Suggestionskraft wird freigesetzt, Traum und Poesie verbinden sich zu einem visuellen Überfluss mit pointiert gesetzten Eckpunkten.

Der beunruhigende Bilderkosmos von Max Ernst lässt sich auch vor dem Hintergrund der politischen Lage in Europa im Jahr 1934 lesen. Ernst lebte damals in Paris und beobachtete die Schreckensherrschaft von Franco in Spanien und Hitler in Deutschland mit Sorge und Abscheu. „Unheil und Gewalt lagen in der Luft“, befand er im Rückblick. „Nur dem Vogel Strauß und anderen Blinden konnte die Drohung entgehen.“ Daher stehen seine Collagen auch in der Tradition der Radierungen Francisco de Goyas zum Thema Krieg. Aber auch literarische Bezugspunkte etwa zu E.T.A. Hoffmann, zu Franz Kafka, zu Arthur Rimbaud oder Lewis Carroll sind erkennbar. Heutige Filmemacher wie David Lynch, David Cronenberg oder Matthew Barney führen das absurde Mysterientheater eines Max Ernst mit modernen Mitteln fort.

Die Ausstellung „Max Ernst. Une semaine de bonté“ ist bis zum 11. Januar zu sehen. Die Hamburger Kunsthalle öffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, am Donnerstag zusätzlich bis 21 Uhr. Der Katalog ist im DuMont Verlag erschienen und kostet 29 Euro in der Ausstellung, im Buchhandel 39,90 Euro.

Kontakt:

Hamburger Kunsthalle

Glockengiesserwall

DE-20095 Hamburg

Telefon:+49 (040) 428 131 200

Telefax:+49 (040) 428 543 409



29.10.2008

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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