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Worpswede läuft sich für das Jubiläum Paula Modersohn-Beckers warm – und verpasst die Chance, Ordnung in das örtliche Museumschaos zu bringen

Gescheiterte Glückspilze



Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis vor Landschaft mit Bäumen, um 1903

Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis vor Landschaft mit Bäumen, um 1903

Sie ahnte – oder gab zumindest vor zu ahnen –, dass ihr Ende früh kommen werde. „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben“, schrieb Paula Modersohn-Becker am 26. Juli 1900 in ihr Tagebuch. Dennoch kam der Tod sieben Jahre später ziemlich plötzlich und auf ziemlich banale Weise. Am 2. November 1907 gebar sie ihre Tochter Mathilde. Am 20. November darf sich die Geschwächte erstsmal vom Kindbett erheben; doch sie bricht zusammen und stirbt mit den Worten „Wie schade“ auf den Lippen. Eine Embolie ist die Todesursache eines Lebens, das nur 31 Jahre währte und doch zu den signifikantesten Beispielen einer neuromantischen Flucht vor der turbulenten Welt zur Zeit des fin de siècle wenige Jahre vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs gehört.



Paula Modersohn-Becker hat trotz aller Melancholie das Leben geliebt. „Leben! Leben! Leben!“ jubelt sie, als sie im Sommer 1897 das Dorf Worpswede nördlich von Bremen erstmals besucht. Dreimal schallt der Name der zerstreuten Siedlung aus jenem Tagebucheintrag, „Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. Die Hamme mit ihren dunkeln Segeln ...“ beschwört sie und scheint gedanklich bereits die Gemälde zu entwerfen, mit denen sie sich in das Gedächtnis einer nicht zuletzt emanzipierten Freundesgemeinde eingeprägt hat.

„Leben“ heißt auch die Ausstellung, mit der Worpswede das große hundertjährige Jubiläum Ende dieses Jahres feiert und noch ein paar Besucher mehr als ohnehin schon anzulocken versucht. Sechs Museen, alle sonst möglichen Gedenkstätten wie die Kirche, wo die junge Paula 1900 die Emporen mit niedlichen Blumen bemalte, oder der Friedhof, wo Bernhard Hoetger ihr eine Liegefigur als Grabmal widmete, sowie schließlich ein gutes Dutzend zeitgenössischer „Interventionen“ in den historischen Kunstbetrieb widmen sich dem groß angelegten Projekt – mit durchwachsenem Erfolg sowohl im Einzelnen wie auch in der Gesamtschau.

Wer sich zunächst in die von Bernhard Hoetger gestaltete Große Kunstschau begibt, wird sich freuen über die Fülle und die Darbietung der Werke jener Künstler, die die junge Paula Modersohn-Becker bereits in ihrer Erinnerung vom Sommer 1897 fast alle nennt: Ihren ersten Worpsweder Lehrer Fritz Mackensen, „der Mann mit den goldenen Medaillen in den Kunstausstellungen“, „der kleine“ Heinrich Vogeler, „ein reizender Kerl, ein Glückspilz. Das ist mein ganzer Liebling“, „der Modersohn“, den sie kaum kennenlernt und 1901 doch heiraten sollte, „der Overbeck“ und schließlich Hans am Ende, „den kenne ich gar nicht“.

Auch die Kunsthalle Netzel verschreibt sich – ähnlich wie die Große Kunstschau ohnehin aus dem laufenden Museumsbetrieb heraus – einem Gesamtüberblick. Die Hängung der Gemälde wirkt eher unorganisch und wurde für die Ausstellungspräsentation offenbar nicht überarbeitet. Grafiken wie Modersohn-Beckers „Bildnis einer Bäuerin“ von 1900 sieht man hier bereits zum zweiten Mal, und man wird noch einem weiteren Exemplar im Barkenhoff begegnen, der dritten Museumsstätte. Heinrich Vogeler steht hier im Mittelpunkt. Im Grunde genommen schade, denn anschließend geht man mit der Vorstellung nach Hause, Vogeler sei eigentlich die interessantere Persönlichkeit gewesen. Nirgends wird der Blick auf einen Künstler, auf ein einzelnes Thema oder eine wie auch immer geartete Epoche derart stark fokussiert wie hier.

In der Tat, das Leben dieses Idealisten, des „Glückspilzes“, war in Wahrheit eine Kette gescheiterter hochfliegender Pläne. Auch sein Projekt Barkenhoff, ein Gut, in dem sich die künstlerische Gesellschaft zu Kamingesprächen traf, konnte nicht gut gehen. Was die Expressionisten später als lähmend empfanden, die „gepflegte Langeweile“ einer gutbürgerlichen Kultur, und aus der sie sich mit strotzender Kraft zu befreien suchten, führte bei Vogeler zu beinahe trotziger Erstarrung: Nur äußerlich pomphaft durch das üppige Grün des Gartens und die fließenden Linien eines bis zum formkünstlerischen Exzess getriebenen Jugendstil starrt die Schar der Künstler auf seinem großen Gruppenbild „Das Konzert - Sommerabend auf dem Barkenhoff“ von 1905 aneinander vorbei, redet nicht und scheint auch – trotz angelegter Instrumente – nicht zu musizieren. Dieses Bild ist nicht einmal mehr melancholisch. Es ist leer.

Gescheitert sind die Vorstellungen Vogelers vom Gesamtkunstwerk „Mensch, Kunst und Leben“ in Worpswede, gescheitert an der Langeweile jedes Paradieses. Gescheitert sind auch seine späteren Pläne, seine sozialkritische Arbeiterkommune, sein autark gedachter Handwerksbetrieb, sein politischer Kommunismus seit dem Wechsel 1925 nach Russland, wo er statt der Verwirklichung sozialistischer Utopien nur das Elend von Stadt und Land und schließlich 1942 den Tod in einem heruntergekommenen Lagerkrankenhaus irgendwo in Kasachstan fand.

Gescheitert ist auch Heinrichs Ehe mit Martha Vogeler. Ein paar Jahre nach ihrer Trennung 1906 bezog sie das Haus im Schluh einige hundert Meter nördlich des Barkenhoffs und lebte hier bis 1961. Das mobile Inventar dieses Hauses ist fast unberührt erhalten, und es besticht noch immer durch seine Authentizität. Mit Paula Modersohn-Becker und „Leben“ hat es nicht viel zu tun, wird auch weder hier noch im nebenstehenden Museumsbau aufgewertet. Interessanter ist das lebende Inventar, der greise Kunsthistoriker Hans-Hermann Rief, Martha Vogelers Archivar und seit den 1940er Jahren ihr Hausgenosse. Er wurde geboren, zwei Jahre nachdem Paula Modersohn-Becker gestorben war, hat ein ganzes Jahrhundert Leben, ein halbes Jahrhundert Worpswede und die Kunstgeschichte des 20ten Jahrhunderts durchmessen.

Weitgehend aus der Vorbereitung zum Projekt „Leben“ ausgeklinkt habe sich Wolfgang Kaufmann, so heißt es, der Sammler und Besitzer des Museums am Modersohn-Haus, an das auch die Wohnräume der Künstlerin und ihres Ehemanns Otto Modersohn angeschlossen sind. Eine stattliche Anzahl von Gemälden wiederum aller Worpsweder Künstler in einer ästhetisch und funktional höchst mittelmäßigen Museumsarchitektur wird hier mit den Arbeiten zeitgenössischer Künstler im Untergeschoss konfrontiert, von denen der Besucher das seiner Meinung nach beste zu wählen mittels eines Stimmzettels Gelegenheit hat. Dem Sieger winkt ein Preisgeld. Aus dem Klischeehaften der jungen Kunstschaffenden, der Mutter mit Kind, der Leidenden, der Melancholischen oder der Ausgelassen-Fröhlichen, meist mit einer Portion Süßlichkeit in geschmacklich zweifelhaften Kitsch gegossen, ragt nur wenig Ansprechendes heraus. Die Wahl ist daher wirklich leicht gefallen.

Bleiben noch die zeitgenössischen „Interventionen“ fast ausschließlich weiblicher Künstler. Sie kommen eher beiläufig zum Vorschein. Andrea Acosta etwa hat die Rückseite von Straßenschildern mit Blättern und Blüten bemalt. Dusica Drazic sät nahe dem Haus im Schluh „Unkraut“ und erinnert damit an die Sujets ihres großen weiblichen Vorbildes. Sandra Nakamura umspannt den starken Ast einer Linde am Barkenhoff mit einer Kette von Vorhängeschlössern. Passende Schlüssel, im Museum an einer Wand im jugendstiligen Ornament aufgehängt, ermöglichen dem Besucher nach einigem Suchen die Entnahme der Schlösser. Wer Pech hat und auf dessen Schloss nicht das Wort „Heim“ eingraviert ist, dem verschwindet es hinterher in der Heimatlosigkeit künstlerisch nutzloser Erinnerung. Am wirkungsvollsten noch sind die kleinen hornartigen, bronzepolierten Lautsprecher an den verschiedenen Gedenkorten von Holger Beisitzer und Karo Kollwitz, aus denen per Knopfdruck Worpsweder Frauen unserer Tage Zitate aus dem reichen Fundus der Modersohn-Becker-Autografen zum besten geben.

Die große Chance der kleinen, durch glückliche Umstände und schönes Licht berühmt gewordenen Kunststadt Worpswede, sich aus ihrer Provinzialität zu befreien, ist mit dieser Jubiläumsausstellung, die nur bedingt eine ist und gegenüber dem immer Vorhandenen wenig Neues bietet, verpasst. Statt Konzentration herrscht Konfusion, und es bleibt allein dem Besucher überlassen, sich in der Vielzahl separater, nicht aufeinander abgestimmter Kunststätten eine Systematik zu schaffen, damit außer authentischer Atmosphäre und Ahnen auch ein bisschen Gewissheit hängenbleibt. Die Proklamation von „Leben“ zeigt, was Worpswede braucht: Ein „Gesamtplan Worpswede“, so verlautet aus dem Büro der Kuratorin Brigitte Garde, solle in den kommenden Jahren Ordnung in das Dickicht an Museen, Stiftungen und einzelnen Entscheidungsträgern bringen. Dafür wird es höchste Zeit.

Wer sich den Besuch der Ausstellung „Leben! Paula Modersohn-Becker“ dennoch nicht nehmen lassen möchte, sollte viel Zeit mitbringen. Dazu besteht noch reichlich Gelegenheit, und zwar bis zum 4. Februar kommenden Jahres. Während Barkenhoff, Große Kunstschau, Museum am Modersohn-Haus und Worpsweder Kunsthalle täglich zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet sind, besteht im Haus im Schluh und in den Künstlerhäusern Worpswede außer am Wochenende nur nachmittags die Gelegenheit zur Besichtigung. Die Gesamtkarte für die vier beteiligten Museen kostet 11 Euro, die Einzelkarten liegen bei bis zu 4 Euro. Die circa hundertseitige Begleitbroschüre ist für 5 Euro zu haben.

Kontakt:

Große Kunstschau Worpswede

Lindenallee 5

DE-27726 Worpswede

Telefon:+49 (04792) 13 02

Telefax:+49 (04792) 31 07 57

www.paula-in-worpswede.de



11.10.2007

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Paula Modersohn-Becker, Mädchen am Schafsgatter, 1903
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Vor Vogelers Barkenhoff:
 Herma Becker, Philine Vogeler, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Martha Vogeler, Elsbeth Modersohn, Paula Modersohn-Becker, um 1904
Vor Vogelers Barkenhoff: Herma Becker, Philine Vogeler, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Martha Vogeler, Elsbeth Modersohn, Paula Modersohn-Becker, um 1904







Paula Modersohn-Becker, Mädchen am Schafsgatter, 1903

Paula Modersohn-Becker, Mädchen am Schafsgatter, 1903

Vor Vogelers Barkenhoff: Herma Becker, Philine Vogeler, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Martha Vogeler, Elsbeth Modersohn, Paula Modersohn-Becker, um 1904

Vor Vogelers Barkenhoff: Herma Becker, Philine Vogeler, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Martha Vogeler, Elsbeth Modersohn, Paula Modersohn-Becker, um 1904

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Äpfeln und grünem Glas, 1906

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Paula Modersohn-Becker, Kind mit Perlenkette, 1902

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Paula Modersohn-Becker, Halbakt einer sitzenden Bäuerin, 1900

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Der Barkenhoff heute

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Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn zu Besuch im Barkenhoff, um 1904

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Paula Modersohn-Becker, Birkenallee, um 1900

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Paula Modersohn-Becker, Zwei Frauen im Garten mit Springbrunnen, um 1905

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Paula Modersohn-Becker, Brustbild Lee Hoetger mit Blume, 1906

Paula Modersohn-Becker, Brustbild Lee Hoetger mit Blume, 1906

Paula und Otto Modersohn, Heinrich und Martha Vogeler, Carl Weidemeyer und die vierjährige Mieke Vogeler, Das Liebesleben in der Natur, 1905

Paula und Otto Modersohn, Heinrich und Martha Vogeler, Carl Weidemeyer und die vierjährige Mieke Vogeler, Das Liebesleben in der Natur, 1905




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