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Irritierende Selbstporträts mit Konzept: Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigt noch bis Sonntag eine sehenswerte Retrospektive der überaus wandlungsfähigen New Yorker Fotokünstlerin Cindy Sherman

Die 1001 Maskeraden der Cindy Sherman



Das bunt gemischte Personal einer Großstadt studiert man am besten in ihren öffentlichen Verkehrsmitteln. Zumindest bis zur nächsten Haltestelle ist der allein reisende Fahrgast da mit nichts anderem beschäftigt als mit sich selbst. Entweder er sitzt oder er hält sich mehr oder weniger geschickt an der Haltestange fest, um beim Bremsen nicht umzukippen. Manche, besonders die Jungen und Attraktiven, benutzen ihren Kurzauftritt zur eitlen Selbstinszenierung. Andere wiederum vertiefen sich in ein Buch oder eine Zeitung oder wehren die Blicke der Mitreisenden hinter den tiefschwarzen Gläsern einer Sonnenbrille ab. In einem New Yorker Stadtbus zum Beispiel kommen sie alle zusammen: die Zigarette paffende Teenagerin, die schicke Farbige mit High Heels und Minirock, der brav gescheitelte Banker mit Aktenkoffer, der selbstverliebte Kunststudent mit dem Zeichenblock unterm Arm und der Möchtegern-Rockmusiker mit Lockenpracht und Schlaghose. Die New Yorker Fotokünstlerin Cindy Sherman ist mit ihrer zwischen 1976 und 2005 entstandenen, kleinformatigen Schwarzweiß-Serie „Bus Riders“ bekannt geworden. Doch Sherman fotografierte weder in einem Bus, noch sind die Busreisenden echte Personen. Die Aufnahmen entstanden vor einer weißen Wand im Studio der Künstlerin, und zu sehen ist jeweils sie selbst in den abenteuerlichsten Verkleidungen und mit den unterschiedlichsten Requisiten.



Die 1954 geborene New Yorkerin ist dem Prinzip der Selbstporträts hinter den unterschiedlichsten Masken, Kostümen und Verkleidungen bis heute treu geblieben: Wo Cindy Sherman draufsteht, ist – bis auf eine Ausnahme – auch Cindy Sherman drin. Eine Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt jetzt 250 Arbeiten, die zwischen 1975 und 2005 entstanden sind, und ermöglicht so einen umfassenden Blick auf das Gesamtwerk einer eher öffentlichkeitsscheuen Künstlerin, deren wahres Gesicht fast unbekannt ist. In einer weiteren schwarzweißen Fotoserie, den „Untitled Film Stills“ (1977-1980), schlüpft Sherman in stereotype Frauenrollen, wie sie im Hollywoodkino der 1950er bis 1970er Jahre vorkamen: das Heimchen am Herd, die verträumt-verführerische Blondine auf dem zerwühlten Bett, das verängstigte Dummchen im Großstadtdschungel oder das prototypische Mordopfer allein auf der Landstraße oder in einem großen einsamen Haus. Ob Melodram, Krimi oder Thriller - kein Genre wird hier ausgelassen. Der typisch männliche Blick der Regisseure und Zuschauer auf das weibliche Objekt mit durchaus feministischem Ansatz seziert.

Anfang der 1980er Jahre wendet sich Sherman dann der Farbe zu. Auch die Formate werden größer. Sherman fotografiert sich in Großaufnahme vor Standbildern aus Kinofilmen. Kurze Zeit später kippen ihre Inszenierungen zunehmend ins Absurd-Groteske um. Die Kostüme werden opulenter, aber auch märchenhafter und surrealer. Ihre Porträts wirken jetzt weniger cinematografisch, vielmehr aus den tiefsten Gründen des Unbewussten hervorgeholt. In alptraumhaften Szenarien voller Theatralik und Künstlichkeit zeigt Sherman jetzt anatomische und seelische Deformationen. Aufgedunsene Gesichter und schwabbelige Körpermassen führen die ambivalente Faszination der Hässlichkeit vor. Prothesen ersetzen jetzt echte Gliedmaßen – das Puppenhafte triumphiert über die Körperlichkeit. In ihrer Serie „Old Masters“ (1988-90) persifliert Sherman die Malerei der alten Meister – von Caravaggio bis Thomas Gainsborough. Für ihre drastischen „Sex Pictures“ (1992) verzichtet Sherman dann ausnahmsweise auf den eigenen Körper als lebendiges Material und verwendet stattdessen Schaufensterpuppen und Sexspielzeuge aus dem Versandhaus.

Die beiden jüngsten Serien setzen wieder mehr auf gesellschaftliche Typologien der Jetztzeit. In „Clowns“ (2003-04) zeigt Sherman die traditionell weiß geschminkten Berufsspaßmacher mit roter Pappnase und lächerlich bunter Kostümierung als überaus ambivalente Gestalten. Das melancholische Moment dominiert hier eindeutig über das karnevalesk-komische. Das Lachen gefriert zur einstudierten Pose, unter der die mühsam zurückgehaltenen Tränen jeden Moment hervorschießen können. Und in der Serie „Hollywoods/Hampton Types“ (2000-02) knüpft Sherman fast schon wieder an ihre „Bus Riders“ an. Dargestellt sind Typen, wie sie uns mehr oder weniger auf jeder amerikanischen Mittelschichtparty begegnen könnten. Doch aus den coolen Szenetypen von einst voller Selbstbewusstsein, Sexiness und Inspiration sind jetzt gescheiterte Mid-Life-Existenzen geworden. Typen, wie nicht nur Amerika sie immer wieder hervorbringt: zwischen späthippiehafter Pseudoflippigkeit, puritanischer Verklemmtheit, bigotter Doppelmoral und provinzieller Neureichen-Attitüde.

Ausgeflippte, Perverse, Horrorgestalten, Besessene oder spießige Normalbürger – mit Schminke, Perücken und Kostümen schlüpft Cindy Sherman in die unterschiedlichsten Rollen und entwirft so ein Panoptikum menschlicher Obsessionen, Abnormitäten und Ängste. Muss sich der Betrachter da Sorgen um das psychische Wohlergehen der Künstlerin selbst machen? Wohl nicht! Jenseits aller psychoanalytischen Ausdeutungsversuche ihres Werkes geht es der Künstlerin Cindy Sherman letztlich doch um eines: Das Bildermachen an sich und damit das Entwerfen eines künstlerischen Gegenmodells zur rationalen Welt der logischen Erklärungen und nüchternen Definitionen. Sherman: „Nichts muss Sinn machen, man kann Bilder zusammenwerfen, weil sie einfach gut zusammen aussehen.“

Die Ausstellung „Cindy Sherman“ ist noch bis zum 10. September zu sehen. Der Gropiusbau hat täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet 49,90 Euro.

Kontakt:

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstraße 7

DE-10963 Berlin

Telefon:+49 (030) 25 48 60

Telefax:+49 (030) 25 48 61 07



03.09.2007

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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