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Chemnitz zeigt neben Leipzig eine große Ausstellung zu Max Klinger

Psychologische Labyrinthe zwischen Symbolismus und Jugendstil



Max Klinger, Weibliche Figur (Muse), 1912

Max Klinger, Weibliche Figur (Muse), 1912

Am Ende des Ersten Weltkrieges vollendet Max Klinger sein einziges heute noch in originalem Zusammenhang erhaltenes Wandgemälde. Die Darstellung im Stadtverordnetensaal des Rathauses in Chemnitz zeigt eine Szenerie, die gemessen am Titel des Werks, „Arbeit = Wohlstand = Schönheit“, dem ästhetischen Reiz den Vorrang einzuräumen scheint. Im Vordergrund einer offenbar prosperierenden Stadt gruppieren sich neun Frauen vor einer kleinen Schar von Betrachtern, teils in der Mode der Zeit gewandet. Andere werden dem Kontext behutsam enthoben, weil sie nackt sind oder anachronistische Attribute tragen. Die Zuschreibung liegt nahe und wird teilweise durch Klinger selbst angedeutet: Die neun klassischen Musen tanzen vor antiken Göttern. Vor dieser arkadischen Szene tritt die Geschäftigkeit der Arbeitenden in den Hintergrund, ist im Bild in der mittleren Raumebene nur flüchtig angedeutet – eine belebte Masse dunkler Strichfigürchen ohne Individualität. Die Dampfer und Segelboote, die sie entladen, sind Teil der optimistischen Idylle: Vom dramatischen Schmutz und der glühenden Anstrengung der Arbeit, wie sie in Adolph von Menzels „Eisenwalzwerk“ oder in zeitgenössischen Industriebildern zu verspüren ist, zeigt Klinger nichts.



Der Vorwurf an den Maler ist nicht von der Hand zu weisen: Dem Wandbild fehlt die soziale Komponente, es scheint zu beschönigen und zu idealisieren. Schon die zeitgenössische Kritik bemerkte das „imperiale Weltgefühl“, das Fehlen des Gebrochenen. So einfach baue sich Wohlstand und Schönheit nicht auf Arbeit auf. Man könnte jedoch auch, ausgehend vom Einfluss Friedrich Nietzsches und Arthur Schopenhauers auf den belesenen Maler, die elitären Züge in der Darstellung hervorheben: Göttinnen und Musen als Damen der Gesellschaft, als kleine gebildete Schicht, abgehoben vom ameisenhaften Treiben einer Massengesellschaft, welche sie freilich als „Hintergrund“ ihrer Existenz nötig haben.

Dass Max Klinger, der universal gebildete Kulturmensch, wohl mit anderen Absichten an dieses Gemälde ging, erschließt die Deutung im Katalog der Ausstellung „Max Klinger in Chemnitz“. Klinger-Spezialistin Conny Dietrich sieht in dem Wandbild eher die Intention, das Fördern von Kunst und Kultur als ein eigentliches Ziel staatlichen und wirtschaftlichen Handelns darzustellen. Kunst und Kultur als bleibende Werte einer Gesellschaft setzen Arbeit und Wohlstand voraus, erschöpfen sich nicht im ökonomischen Aktivismus als Selbstzweck. Dieser Appell Klingers ist längst nicht überall verinnerlicht. Zur Zeit erfahren das etwa die Theater in Sachsens Nachbarland Thüringen auf schmerzlich existenzbedrohende Weise.

Klingers Wandgemälde spielt eine zentrale, doch nicht die einzige Rolle in der Chemnitzer Ausstellung aus Anlass des 150ten Geburtstags des Malers. Die Kunstsammlungen können mit den Studienzeichnungen und restaurierten Kartonfragmenten zum Wandbild einen sonst nicht darstellbaren Aspekt des Gesamtwerks erläutern: Max Klinger als Monumentalmaler. Die beeindruckenden, 3,90 auf 1,60 Meter großen Entwurfkartons - vier von neun in voller Größe erhalten – zeigen, wie ein Maler die große Form souverän erfüllen konnte, der sonst vor allem durch seine „Griffelkunst“, seine altmeisterlichen Grafikzyklen, bekannt geworden ist. Viele der Studien auf Papier lassen nicht nur nachvollziehen, wie sich Klinger im jahrelangen, oft unterbrochenen Schaffensprozess an das Bild heranarbeitete. Die Skizzen, mit Kohle, Bleistift oder Kreide aufs Blatt gestrichelt, verwischt, in wichtigen Details mit Deckfarben oder Pastellkreide herausgearbeitet oder ansatzweise koloriert, könnten als autonome Werke bestehen, wie die weibliche Halbfigur, aus der später die zentrale Muse des Wandbilds wurde.

Diesen Schaffensprozess verfolgbar zu machen, zeichnet die Chemnitzer Ausstellung vor der großen Schau im Museum der bildenden Künste in Leipzig aus. Dort konzentriert man sich sinnvollerweise auf „Max Klinger und die Folgen“, und zeigt seine vielfältigen Wirkungen in der europäischen Kunst um 1900 und den Dekaden danach.

Max Klinger ist nicht einfach in historische oder ikonologische Kategorien einzuordnen. In seinem Werk, aber auch seiner Person fließen Jugendstil, Symbolismus, Surrealismus, Naturalismus, dekorative Kunst und ein erweiterter Kunstbegriff – durchaus im Wagner’schen Sinn des „Gesamtkunstwerks“ – zusammen. Klinger bündelt die divergierenden Richtungen der Jahrhundertwende in seiner Person und entlässt sie aus sich heraus in seinem vielgestaltigen Werk. Moderne Antikenrezeption – im Beethoven-Denkmal in Leipzig – und ein Malstil auf der Höhe der Zeit – etwa in der pointillistischen Maltechnik des Chemnitzer Wandbilds –, schweifende Fantastik und verrätselte Motivik – etwa in den grafischen Zyklen –, die jenseitige Symbolik von Tod und Nacht, das dunkle Pathos Wagner’schen Musiktheaters und die brütende Stimmung in Gedichten Richard Dehmels: das alles findet in Klingers Werk einen Widerhall, dem es sich jedoch gleichzeitig wieder entzieht. Denn klassische Klarheit, meisterliche Technik und ironische Gebrochenheit stehen den Strudeln des Unergründlichen entgegen. Und was die Gesellschaftskritik betrifft, hält Max Klinger nicht hinterm Berg: Die behaglich-selbstgefällige Großbürgerlichkeit setzt er ebenso ins Zwielicht wie verquaste Doppelmoral und verlogenes Pathos. In Blättern wie „Pest“ oder „Krieg“ aus dem Zyklus „Vom Tode, zweiter Teil“ äußert sich hellsichtig unverhohlenes Entsetzen – geradezu prophetisch noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs.

Chemnitz kann all das zeigen, weil die Kunstsammlungen durch regelmäßige Ankäufe seit 1900, durch Schenkungen, aber vor allem durch die 1946 beschlagnahmte Sammlung des Freundes und Förderers Klingers, Hans Vogel, über einen soliden Bestand verfügt. So treten zu den kühn skizzierten Köpfen und Körpern der Entwürfe für das Wandbild die wichtigen grafischen Zyklen: „Eva und die Zukunft“, seine erste Blätterfolge von 1880, „Intermezzi“ (1881), „Amor und Psyche“ (1880), „Ein Leben“ (1884), „Eine Liebe“ (1887) und „Vom Tode. Erster Teil“ (1889); schließlich die 1907 unter dem Titel „Epithalamia“ zusammengefassten fünfzehn Heliogravüren.

Da sind sie zu finden, die unnahbaren Frauen mit dem rätselvollen Blick ins Weite, die kraftvoll modellierten Körper, die in ihrem Hell-Dunkel an Arnold Böcklin erinnern, die grandios-melancholischen Landschaften voll symbolischer Bezüge. Wenn der Tod als „dritte Zukunft“ einer Zeichnung des nur drei Jahre jüngeren James Ensor stammen könnten, dann weist diese Radierung nicht nur literarische Bezüge auf – in diesem Fall zu Jean Pauls „Hesperus“. Sondern dann fallen einem unwillkürlich die apokalyptischen Visagen ein, wie sie etwa Andreas Paul Weber in seiner kritischen Grafik verwendet hat. Dass über dem Knochenmann ein Kreuz in den Wolken schwebt, ist nicht so eindeutig wie es ein frommer Betrachter meinen könnte. Und das ist typisch für Klinger: Meint er nun das Kreuz als Heilszeichen, das den Todgequälten Erlösung verheißt? Oder wirkt dieser grausame Vollstrecker im Zeichen des christlichen Males?

Man kann sich einen Spaß daraus machen, die vielfältigen Bezüge zu Max Klingers Zeitgenossen und Nachfahren zu erforschen, die zum Beispiel im Zyklus „Ein Handschuh“ über die Surrealisten bis hinauf zu Salvador Dalí weisen. Man kann der Gesellschaftskritik nachgehen, etwa in „Ein Leben“ von 1884, wo sich gaffende Großbürger um einen nackten Frauenkörper zu einer dämonisch ausgeleuchteten Runde zusammenfinden. Man kann aber auch den geistigen Grundlagen Klingers nachforschen, die sich bei ihm komplexer als bei manch anderen Fin-de-Siècle-Künstlern erweisen. Der in Literatur, Philosophie und Musik bewanderte Klinger verweist immer wieder in seinen Motti oder in Bilduntertiteln auf Gedanken, die er seiner weit reichenden Lektüre von Ovid bis Nietzsche entnimmt. Nur selten äußert er sich so explizit wie 1914 zum zweiten Teil des Zyklus „Vom Tode“, den er als Resultat der Beschäftigung mit Schopenhauers „Parerga und Paralipomena“ ausgibt. Meist ist die Erschließung mühsam; der kombinierenden Fantasie des Betrachters dafür aber Tür und Tor weit geöffnet.

Es bleibt auch die Frage, welchen Stellenwert die wenigen christlichen Motive bei Max Klinger haben. Sind sie auf Zitate in einem philosophischen Kontext zu reduzieren, oder sprechen einzelne seiner Werke, wenn auch in gewohnt uneindeutiger Weise, nicht doch von einer Hoffnung, die über das „selige Nichts“ hinausgeht? Zumindest hat Klinger die Identifikation des leidenden Christus mit dem leidenden Menschen ausdrücklich ins Bild gesetzt. Der nackte Jüngling mit den hochgereckten Armen wirkt wie eine säkularisierte Version eines Auferstandenen. Der Katalog bildet die Grafiken in so kleinen Formaten ab, dass von der meisterlichen Ausführung kaum etwas zu sehen ist und wichtige Details nicht zu erschließen sind. Er lässt den Betrachter auch bei philosophischen Zuordnungen, die über das Sichtbare hinausgehen, zu oft im Stich. Ein Aufsatz über dieses Thema hätte diese verdienstvolle Erschließung des Chemnitzer Klinger-Bestands in Buchform trefflich ergänzt.

Wer sich ganz im Sinne Max Klingers über die bildende Kunst hinaus in den Geist seiner Zeit zu versenken aufmacht, der sollte ein paar Schritte über den Museumsvorplatz ins Chemnitzer Musiktheater gehen. Dort läuft noch die Oper „Iris“, und der Komponist Pietro Mascagni lässt sich auf seine musikalisch und szenisch höchst suggestive Weise in die psychologischen Labyrinthe zwischen Symbolismus und Jugendstil ein.

Die Ausstellung „Max Klinger in Chemnitz“ ist noch bis zum 28. Mai zu sehen. Die Kunstsammlungen Chemnitz haben täglich außer montags von 12 bis 19 Uhr, am Samstag, Sonntag und Feiertag schon ab 11 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Der Katalog kostet an der Museumskasse 25 Euro.

Kontakt:

Kunstsammlungen Chemnitz

Theaterplatz 1

DE-09111  Chemnitz

Telefax:+49 (0371) 488 44 99

Telefon:+49 (0371) 488 44 24

E-Mail: kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de



22.05.2007

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Werner Häußner

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Max Klinger, „Und doch“, 1898-1910

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Max Klinger, Gefesselt, 1884

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Max Klinger, Weibliche Halbfigur im Profil nach links mit verschränkten Armen (5. Muse), 1912

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Max Klinger, Amor, 1881

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Max Klinger, Ängste, 1881

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