Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 21.03.2020 Auktion 278 'Europäisches GLas & Studioglas'

© Auktionshaus Dr. Fischer - Heilbronn

Anzeige

Enten am Wehr / Alexander Koester

Enten am Wehr / Alexander Koester
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Stillleben mit Blaudistel und Fruchtschale, 1958 / Karl Schmidt-Rottluff

Stillleben mit Blaudistel und Fruchtschale, 1958 / Karl Schmidt-Rottluff
© Galerie Neher - Essen


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Hans Baldungs Hexenfantasien in einer Ausstellung des Städels lassen tief in menschliche Abgründe blicken

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr...



Hans Baldung Grien, Zwei Hexen, 1523

Hans Baldung Grien, Zwei Hexen, 1523

Im Mittelpunkt steht eine Tafel Hans Baldungs, genannt Grien, jenes wohl besten und bedeutendsten Schülers und Nachfolgers Albrecht Dürers, der als weltlichster, sinnenfreudigster deutscher Künstler seiner Generation die Loslösung von einer – auf die Kunst bezogen – weitgehend geistlichen Zeit vollzog, ohne freilich von den Entwicklungen der Reformation in Deutschland näher berührt zu werden. Zwei Hexen sind dargestellt. Dabei entsprechen die beiden Damen, die sich dort auf einem offensichtlich ziemlich hochgelegenen, ansonsten aber nicht näher definierten Rasenstück aufhalten, ganz und gar nicht unseren gängigen Vorstellungen von Hexen als hässlichen alten Fetteln, die auf Besen durch die Gegend zwischen und nur Angst und Schrecken verbreiten.



Im Gegenteil: Verführerisch sind die beiden Damen, ihre körperliche Attraktivität stellen sie mit einer Offenheit dem Betrachter zur Schau, die fast obszön ist. Die linke, etwas jüngere Frau steht mit dem Rücken zu uns, aber den Kopf hat sie gewendet und fixiert uns mit ihren kecken Augen und einem wissenden Lächeln. Sie ist ziemlich schlank. Wer eher auf brünette, etwas korpulentere Frauen steht, sollte sich an die rechte halten, die auf einem Ziegenbock sitzt und eine Flasche in die Höhe hält. Ein knabenhafter Cupido lugt hinter ihr hervor. Eigentlich sieht alles zunächst recht harmlos aus, vielleicht ein bisschen freizügig, aber nicht unbedingt schlüpfrig. Dass sich da außer einer Nacktszene auf dem Berge tatsächlich etwas mehr abspielen muss und dadurch auch wesentlich mehr gemeint ist, macht vor allem die Stimmung des Hintergrundes deutlich: Eine schwere rostbraune Wolke dringt von rechts unten aus dem Hintergrund in das Bild hinein und verpestet den ganzen Himmel. Die „Hexen“ aber scheinen von ihr gänzlich unberührt.

Um dieses Bild herum entfächert Bodo Brinkmann in einer Ausstellung des Frankfurter Städels ein Panoptikum nicht nur der Hexen-, sondern der Sitten- und Sozialgeschichte der Zeit Hans Baldungs, in der es – wie man getrost sagen kann – auch ziemlich deftig zur Sache geht. Nichts für zarte Gemüter also, weniger wegen der Drastik der gezeigten Bilder als vielmehr wegen der menschlichen Abgründe, die sich dabei auftun. Die Hexenfantasien selbst, die Baldung zeichnerisch umsetzt, nehmen sich da noch harmlos aus. Sie haben mit dem Hauptbild im Grunde wenig zu tun, denn im Gegensatz zu diesem bedienen sie nur das gängige Klischee der Hexen, die auch in der Walpurgisnacht von Goethes „Faust“ ihr Unwesen treiben. Sie sind ungreifbar, für den Menschen ohne Maßstab, Fantasien eben, die mehr Belustigung als Schauder erregen. Wer will sich schon mit degenerierten oder hässlichen alten Weibern abgeben, die in der Hexenküche dampfende Mixturen brauen und ansonsten nur ihren eigenen Obsessionen nachgehen?

Auch der Bezug zu den „realen“ Hexen der frühen Neuzeit ist angesichts der wahren Hintergründe des Bildes nur nebensächlich und wird in der Ausstellung durch kurze Verweise auf die maßgeblichen Traktate von Ulrich Molitor, Ulrich Tengler und Johann Geiler von Kaysersberg relativ kurz abgehandelt. Interessanter gestaltet sich die aufgeworfene Frage nach dem Schönheitsideal der deutschen Frührenaissance. Angesichts der Tatsache, dass sich diese Hexen als Wesen entpuppen, die dem rein Triebhaften des Menschen ein Ventil öffnen, wirkt die Darstellung schöner Menschen, insbesondere Frauen, um 1500 gar nicht mehr so ideal. Das bestätigen auch die herbeizitierten Zeitgenossen, Lucas Cranach mit seiner durch ein transparentes Seidentuch verführerisch verhüllten oder vielmehr nicht verhüllten Venus und Albrecht Dürer, von dem einige Zeichnungen zu sehen sind.

Letzterer, der Lehrer Baldungs zwischen 1503 und 1509, tritt uns ohnehin als Inkunabel für die Lebenslust und Sinnenfreude des deutschen Renaissancemenschen gegenüber. Mit Willibald Pirckheimer pflegt er einen ungezwungenen, sehr offenen Briefwechsel, in dem sich die beiden Männer über ihre Vorlieben austauschen. Beide offenbaren einen erstaunlich unkomplizierten Umgang mit der Homoerotik. „O, wen jr hy wert, was wurd jr hübscher welscher lantzknecht finden!“ schreibt Dürer 1506 aus Venedig an seinen Freund. Der formuliert es 1503 noch drastischer: „Mit dem aufgerichteten Glied des Mannes in den After“, in griechischer Sprache auf Dürers Silberstiftportrait gekritzelt, liest sich wie ein Wahlspruch. „Liebe von hinten, Liebe von vorn“ – durchaus ernsthaft diskutiert und um die Frage nach dem Vorrang hetero- oder homosexueller Liebe auch bei dem in der Renaissance wieder bedeutenden römischen Dichter Lukian erweitert – ist denn auch der ebenso ungeschminkte Titel dieses Ausstellungsabschnitts.

Wem dies zu weit geht, der möge seinen Weg zum Bild Baldungs zurückfinden. Dummerweise wird er sich aber der Suggestionskraft der beiden Frauen immer weniger entziehen können. Das Sexuelle liegt einfach auf der Hand. Nur zu gern wüsste er mehr über sie – und genau damit rechnet der Maler. Er versetzt den Betrachter in die Position eines Voyeurs, dem eine weitere Annäherung an die Objekte seiner Begierde verwehrt bleibt – ganz wie beim Spiel der Prostitution mit Anziehung und Widerstand. Voyeur ist er auch bei weiteren Bildern, die Frauen im Bade beim Pflegen ihres Körpers beobachten.

Was uns jedoch wirklich berührt in diesem Panorama der größten menschlichen Schwäche, ist der tiefe intellektuelle Diskurs, der über die Frage von Sexualität und Schönheit und ihre Beziehung zum menschlichen Dasein überhaupt geführt wird. Das betrifft nicht nur Querverweise auf das Geschlechtsleben der Menschen um 1500, die Bordelle, die Krankheiten wie Syphilis, die seit Ende des 15ten Jahrhunderts in Europa Millionen Tote fordert, oder auf Prostitution Einzelner. Wo Liebe und Sex sind, sind auch Sünde und Tod nicht weit. Spätestens hier gerät das Religiöse ins Blickfeld. Die Frage nach der biblischen Erbsünde erfährt bei Baldung eine ganz neue bildliche Visualisierung: In eindeutiger erotischer Annäherung umschmiegt Adam von hinten seine Eva, lächelt lüstern den Betrachter an und hat statt des Apfels Evas Brust mit der Hand umklammert.

Was biblisch folgt, ist bekannt. Und auch Baldung führt den untrennbaren Zusammenhang zwischen Erbsünde und Tod bildlich zur letzten Konsequenz: Das fliehende nackte Mädchen – zuletzt in einer ikonografischen Verquickung von Sündenfall und Totentanz ganz direkt als Eva angesprochen – wird unentrinnbar vom klappernden Gerippe eingeholt und erhält von ihm den Todeskuss. Mehrmals hat Baldung dieses von ihm nicht erfundene, aber neu formulierte Motiv umgesetzt. Die Aktualität der von Baldung gestellten Fragen nach Wert und Würde von Liebe und Sex in unserer Zeit ist nur zu deutlich. Und so endet die Ausstellung, die mit scheinbar harmlosen Hexenfantasien begann, mit dem traurigen Kapitel einer „durchsexualisierten“, permanent in den Zwängen ihrer Triebe gefangenen menschlichen Gesellschaft. Mit dem französischen Schriftsteller unserer Tage Michel Houellebecq schließt Bodo Brinkmann seinen reichen und ausführlichen Katalog zur Ausstellung in einem resignierten Ton: Sexualität, Tod und Vergänglichkeit sind für ihn die Schlüsselthemen, bei denen sich die beiden Künstler mit ihrer pessimistischen Weltsicht über 500 Jahre hinweg treffen.

Die Ausstellung „Hexenlust und Sündenfall – Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien“ ist bis zum 13. Mai zu sehen. Das Städel Museum hat dienstags sowie freitags bis sonntags 10 bis 18, mittwochs und donnerstags bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro und für Familien 18 Euro. Der Katalog kostet 24,95 Euro.

Kontakt:

Städel Museum / Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie

Schaumainkai 63

DE-60596 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 60 50 98 0

Telefax:+49 (069) 61 01 63

E-Mail: info@staedelmuseum.de



07.04.2007

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Gesamt Treffer 14

Seiten: 1  •  2

Events (1)Adressen (1)Berichte (1)Variabilder (10)Künstler (1)

Veranstaltung vom:


24.02.2007, Hexenlust und Sündenfall. Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien

Bei:


Städel Museum

Bericht:


Mehr expressives Temperament als abgeklärte Klassik

Variabilder:

Hans Baldung Grien, Hexensabbat, 1514
Hans Baldung Grien, Hexensabbat, 1514

Variabilder:

Hans Baldung Grien, Ungleiches Paar, 1507
Hans Baldung Grien, Ungleiches Paar, 1507

Variabilder:

Hans Baldung Grien, Der Tod und die Frau
Hans Baldung Grien, Der Tod und die Frau

Variabilder:

Hans Baldung Grien, Der Sündenfall
Hans Baldung Grien, Der Sündenfall

Variabilder:

Hans Baldung Grien, Nackter Mann bedroht eine nackte Frau, 1524
Hans Baldung Grien, Nackter Mann bedroht eine nackte Frau, 1524

Variabilder:

Hans Baldung Grien, Käufliche Liebe, 1527
Hans Baldung Grien, Käufliche Liebe, 1527







Hans Baldung Grien, Hexensabbat, 1514

Hans Baldung Grien, Hexensabbat, 1514

Hans Baldung Grien, Ungleiches Paar, 1507

Hans Baldung Grien, Ungleiches Paar, 1507

Hans Baldung Grien, Der Tod und die Frau

Hans Baldung Grien, Der Tod und die Frau

Hans Baldung Grien, Der Sündenfall

Hans Baldung Grien, Der Sündenfall

Hans Baldung Grien, Nackter Mann bedroht eine nackte Frau, 1524

Hans Baldung Grien, Nackter Mann bedroht eine nackte Frau, 1524

Hans Baldung Grien, Käufliche Liebe, 1527

Hans Baldung Grien, Käufliche Liebe, 1527

Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504

Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504

Hans Baldung Grien, Nackte junge Hexe, einen fischgestaltigen Drachen neckend, 1515

Hans Baldung Grien, Nackte junge Hexe, einen fischgestaltigen Drachen neckend, 1515

Hans Baldung Grien, Studie eines weiblichen Akts mit Draperie, einen Apfel haltend

Hans Baldung Grien, Studie eines weiblichen Akts mit Draperie, einen Apfel haltend




Copyright © '99-'2020
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce