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Die Finalisten des "blueOrange 2004": Santiago Sierra

Ein Provokateur unter den Künstlern



Santiago Sierra, Spanischer Pavillon auf der Biennale, Juni 2003

Santiago Sierra, Spanischer Pavillon auf der Biennale, Juni 2003

Der üblicherweise uneingeschränkte Zutritt in das Innere des spanischen Ausstellungspavillons auf der Biennale in Venedig war durch eine Mauer aus schlecht wie schnell aufgemörtelten Steinen minderer Qualität versperrt. Auch Versuche, den Hintereingang zu benutzen, scheiterten. Uniformierte spanische Wachleute mit Sonnenbrillen kontrollierten jeden ähnlich wie bei einem Grenzübergang. Wer keinen spanischen Pass vorweisen konnte, musste draußen bleiben: Eine spanische Enklave inmitten des internationalen Ausstellungstourismus. Die unaufgeregt lockere Biennalestimmung in den venezianischen Giardini im Jahr 2003 wurde hier auf den Prüfstand gestellt.



Santiago Sierras Wand im Hauptportal des Pavillons sollte die Menschen beider Seiten polarisieren sowie an körperliche und politische Spannungen, etwa in überbevölkerten Städten, erinnern. Die wenigen Besucher, die dann tatsächlich ins Innere gelangen durften, sahen lediglich weiße leere Räume. Das Kunstwerk war die Barrikade und Sierras Thema wie so häufig die Immigration. Eine Stunde lang hockte am Tag vor der Eröffnung eine "Hooded Frau" mit einer schwarzen Haube in einer Wandecke. Nur Fotografien und Filme dokumentierten diesen kurzzeitigen Teil des Kunstwerkes, entsprungen aus der Idee, die Arbeit als Instrument von Herrschaft, Bestrafung sowie disziplinären Prozessen und Energien des Geldes zu visualisieren.

Santiago Sierra ist ein Provokateur. Die Kunst des 1966 in Madrid geborenen Spaniers besteht aus politischer Inszenierung. Gnadenlos und brutal thematisiert er die Härte von Aus- und Benutzung ausgestoßener Menschen. Nord und Süd, Arm und Reich stellt er gegeneinander. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang eine Aktion am Eröffnungstag der Biennale 2001, als er gegen Bezahlung 133 aus Afrika, Asien oder Osteuropa stammende, dunkelhaarige Männer aussuchte. Den Immigranten, die meist als Verkäufer gefälschter Markentaschen, Tätowierer oder Straßenhändler im Stadtzentrum Venedigs arbeiteten, wurden die Haare blond gefärbt und so zu „Europäern“ gemacht. Die gleichfalls auf Video aufgenommene Aktion zielte auf die verstörenden Reflexionen der vielen Passanten. Sierra wollte damit die Absurdität des Wirtschaftslebens und die Macht des Geldes offenlegen.

Exemplarisch steht immer wieder der Wert des Menschen und seine Arbeitskraft als Ware im Vordergrund des heute in Mexiko lebenden Sierra. Hier kann er sein Thema, die soziale Traumatisierung, besonders intensiv studieren. Seine Aktionen zeichnen sich durch Radikalität aus, sind formal meist in das Korsett minimalistischer Herkunft gekleidet, greifen in den Alltag arbeitender Menschen ein und lösen dabei beabsichtigte Diskussionen über den Wert der Arbeit aus. Sierra schloss sein Kunststudium 1989 an der Universität Complutense in der spanischen Hauptstadt ab. Von 1989 bis 1991 weilte Sierra als Gaststipendiat an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, wo er mit Franz Erhard Walther und Bernhard Blume arbeitete. Seit 1995 lebt er in Mexiko City, der Stadt, die für seine sozialutopische Kunst prädestiniert ist. Im Kontext von rund 40 Einzelausstellungen in vielen europäischen und amerikanischen Ländern sowie zahlreichen Beteiligungen an Gruppenpräsentationen wurde er seit 1994 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, wobei die Teilnahme an der 50. Biennale in Venedig 2003 ein Höhepunkt darstellte.

Mit der Art seiner Artikulation von Missständen und Ausbeutungen im Rahmen postkolonialer Arbeitsverhältnisse knüpft Sierra an die Performancetradition der 1960er und 1970er Jahre an. Dazu benutzt er ungewöhnliche Mittel. Unterbezahlte Arbeiter macht er dabei selbst für Geld zum Ausstellungsobjekt, indem sie offensichtlich sinnlose Tätigkeiten in Museen und Galerien in seinem Auftrag ausführen. Um den Preis der Menschenwürde zu bestimmen, arbeitet Sierra also mit den selben Methoden, die er kritisiert. Er versucht jedoch nicht, diese zu verbergen, sondern übersetzt sie in das System der Kunst. Hier werden sie durch explizites Vorführen zu einem öffentlichen Thema emporgehoben und in schwarz-weiß Bildern und Videos ohne Anteilsnahme, Rührung und Pathos dokumentiert. Sierra zeigt bittere Realität, sonst nichts.

Wie minimale Eingriffe in Systeme deren Ordnungsgefüge empfindlich stören können, zeigen die Fotos von der Aktion mit einem quergestellten Schwertransporter auf einer viel befahrenen Kreuzung in Mexiko-Stadt, die einen kompletten Verkehrsstillstand bewirkt. Dies geschah im November 1998. Im Juli 2002 ließ Sierra im Angesicht der marokkanischen Künste täglich 20 nach Spanien eingewanderte afrikanischstämmige Männer anheuern. Für 54 Euro und acht Stunden Arbeit am Tag mussten sie auf einem Hügel mit Blick auf die Straße von Gibraltar Gräbern ähnliche Erdlöcher ausheben, und zwar 3.000 Stück auf 14.000 Quadratmetern Fläche. Der Einsatz der Tagelöhner dauerte 30 Tage. Da im Süden Spaniens die meist illegal übergesetzte Flüchtlinge als billige Erntehelfer willkommen sind, ansonsten aber von der Bevölkerung strikt gemieden werden und den Behörden eher ein Dorn im Auge sind, zielte Sierra genau auf diesen wunden Punkt innerhalb der spanischen Gesellschaft.

Santiago Sierra ist einer der sieben Finalisten des „blueOrange“-Kunstpreises. Ausgelobt von den deutschen Volksbanken und Raiffeisenbaken ist er mit einem Preisgeld von 77.000 Euro die höchstdotierte deutsche Auszeichnung im Bereich bildende Kunst und soll alle zwei Jahre an Künstler gehen, die auf der Höhe ihres Schaffens stehen. Als Sieger wurde Mitte Februar der Belgier Francis Alÿs gekürt.



10.03.2004

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Santiago Sierra, 250 cm lange
 Linie, tätowiert auf sechs bezahlten Menschen, Dezember 1999
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Santiago Sierra, 133 Menschen, bezahlt um ihre
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Santiago Sierra, 250 cm lange Linie, tätowiert auf sechs bezahlten Menschen, Dezember 1999

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