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Die Kunst von Franz West

Tactophilia goes tactophobia



“In Between” heißt das Kunstprojekt der Expo 2000 in Hannover, an dem 13 Künstler, beziehungsweise Künstlergruppen, teilnehmen. In einem „Zwischenraum“ befindet sich auch die Kunst von Franz West, einer der Teilnehmer des Expo-Projektes. Schon seit 1974 versucht er seine Arbeiten in dem Bereich zwischen Gebrauchsgegenstand und Skulptur zu platzieren. Noch während seines Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Bruno Gironcoli präsentierte er seine „Paßstücke“: scheinbar achtlos aufgereiht lehnen Metallstangen mit klumpige Verdickungen aus Gips an der Wand. Der irritierte Besucher wird durch einen Videofilm über die Benutzung der Artefakte aufgeklärt. Es ist erlaubt, die Körper zu berühren und sogar herumzutragen. Viele Formen schmiegen sich mit ihrer Gestalt an den menschlichen Körper und können angelegt oder umschmeichelt werden.


So eng wie der Kontakt zwischen Person und Ding ist, so nah kommt die Kunst mit dem Rezipienten zusammen. Das Kunstwerk wird im wahrsten Sinne des Wortes vom Sockel gehoben und wie ein Gebrauchsgegenstand benutzt. Aber nicht nur der Status des Kunstwerks ändert sich. Auch der Rezipient verlässt seine gewöhnliche Rolle und führt an Stelle des Künstlers eine Performance auf. Franz West sagt über die Entstehung seiner Paßstücke: „Es sollte eigentlich die Darstellung von Neurosen sein. Ich behauptete, dass es so aussehen würde, wenn man Neurosen sehen könnte.“ Heute sieht er ihre Funktion nüchterner. Obwohl die Objekte endlos viele Bewegungen zulassen, besitzen sie für West die Eigenschaft eines Notationssystems für Bewegungen. Die Form der Skulptur hat danach die Kraft, die Stimmung und die Bewegungen jedes Rezipienten annähernd gleich vorzugeben und zu leiten.

Auch in der Folgezeit bedeutete eine Ausstellung von Franz West zu besuchen, an einer Ausstellung „teilzunehmen“. 1994 zeigte er in New York sein Objekt „Divan“. Zu sehen war eine Liege, die mit einem Stoff aus bunten Flicken bezogen war. Den Besuchern und dem Museumspersonal war es erlaubt, sich auf der Liege auszuruhen. Neben der Sitzmöglichkeit stand ein weißer Sockel, der ebenso gut als Tisch oder Ablage dienen konnte. In seinen Möbelarrangements nähert sich die Kunst von Franz West noch mehr dem praktischen und allgemein bekannten Dingen des täglichen Lebens an.

Franz West arbeitet überwiegend mit stark aufgerauten Gipsoberflächen und knorrigen Formen. Eine Auseinandersetzung mit der Minimal Art zeigt sich in seiner Arbeit „Étude de Couleur (Pissoir)“, die er unter anderem auf dem Skulpturprojekt Münster 1997 zeigte. In Anlehnung an das Readymade „Fountain“ von Marcel Duchamp gestaltete er aus farbigen Platten einen Laufsteg, der auf einer Seite mit einen öffentlichen Pissoir endet, dessen Sichtschutz ebenfalls aus den farbigen Platten bestand. Seine Forderung, „Ich möchte, dass das Kunstwerk wirklich ist, nicht wie ein Traum oder ein Film“, war hier für jederMann erfahrbar.

Doch bei Franz West ist nicht alles benutzbar. Die Gipsskulpturen „Telefonat“ sind fest mit ihrem Sockel verbunden. Der pastose Farbanstrich und die Farbkleckse glänzen so sehr, dass der Besucher sich davor fürchtet, in nasse Farbe greifen zu müssen. Allerdings verbindet West die Arbeiten mit den Dingen des Alltags durch den Tisch, der als Sockel fungiert.

Umgekehrt weist der Sockel die Installation „Synchronie (Abriss)“ als Kunst aus. Zu sehen ist der mögliche Ausschnitt einer belebten Wohnung. An einer aufgestellten Wand hängen Bilder, ein Spiegel und Kleiderhaken. Vor der Wand stehen ein Fernseher und Tischchen. Der Sockel, der die komplette Installation anhebt, trennt aber die Kunst von dem Betrachter.

Noch weniger Lust haben die Besucher des „In Between- Projekt“, die Arbeit von Franz West zu berühren. Denn die Arbeit hängt in schwindelerregender Höhe. „Kasper König sagte zu mir, dass das Wahrzeichen der Hannover Messe anlässlich der Weltausstellung entfernt werden muss und ob ich für den leer gewordenen Platz etwas wüsste“, berichtet der Künstler über die Entstehung der Arbeit. Auf dem Turm des Convention Center der Messe wurde also der Hermes Kopf entfernt und der frei gewordene Ring von West mit einer blauen Kugel gefüllt, die an einem Stahlseil hängt. Die farbige Kugel weckt die Assoziation an die Erdkugel, die aus dem All betrachtet ebenfalls blau erscheint. Der Titel „Welt an der Leine“ unterstützt diese Interpretation und spielt gleichzeitig auf die Expo-Stadt Hannover an, in der die ganze Welt mit Pavillons vertreten ist und durch die der Fluss Leine fließt.

Da Franz West seine „Erdkugel“ aber nicht strahlend Blau gestaltete, sondern in der Farbe „Dull Blue“, „dumpfes Blau“, gestrichen hat, sieht West die Zukunft vielleicht doch nicht so glänzend, wie sie in Hannover zur Zeit erscheint. Zudem liegt die Deutung nahe, die Bewohner dieser Erde würden an der „kurzen Leine“ gehalten. West wehrt sich allerdings gegen eine politische Interpretation, besonders wenn sie sich auch auf die politische Entwicklung in seinem Heimatland Österreich richtet: „Die politischen beziehungsweise psychologischen Interpretationen sind, wie schon erwähnt, beliebig, ich bin kein Freund des Totalitarismus und finde Warnungen davor angebracht, doch meine Meinungen hülfen, wenn überhaupt, der Gegenseite.“ Vielmehr kokettiert der Künstler bescheiden über die Farbe der Kugel, „Diese wird blau gestrichen, um die erschütternde Nichtigkeit dieses Ereignisses durch die Farbe des Himmels zu tarnen.“

Kontakt:

EXPO 2000 Hannover

Expo Plaza 11

DE-30521 Hannover

Telefon:+49 (511) 8404-0

Telefax:+49 (511) 8404-100

E-Mail: info@expo2000.de



16.09.2000

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Lars Breuer

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