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Die Finalisten des Hugo Boss Prize 2002: Pierre Hyghe

Kunst fängt da an, wo Hollywood aufhört



Pierre Huyghe, Annlee Inquiétante

Pierre Huyghe, Annlee Inquiétante

Es gibt ein paar goldene Regeln in Hollywoodfilmen: Leinwandstars schlafen selten, gehen nie auf die Toilette und ganz sicher wird nicht gezeigt, wie der Hauptdarsteller durch halb Paris läuft, um an einen Treffpunkt zu gelangen. Nicht umsonst wird bei der alljährlichen Oscar-Verleihung auch derjenige prämiert, dem es gelingt, den Zuschauer so schnell und spannend wie möglich durch die Geschichte zu führen. „Schnitt“ heißt das Zauberwort.


Doch was passiert zwischen den Schnitten? Die Antwort gibt die dreiteilige Videoarbeit „Ellipse“ des französischen Videokünstlers Pierre Huyghe. Auf der linken Leinwand wird eine Szene aus dem Wim Wenders Klassiker „Der amerikanische Freund“ von 1977 abgespielt, in der der Hauptdarsteller Bruno Ganz ein Hotelzimmer betritt, einen Anruf erhält und sich anschließend auf den Weg macht um den Anrufer zu treffen – An dieser Stelle mischt sich Huyghe ein. Während auf der ersten Leinwand direkt zum Treffpunkt geschnitten wird, zeigt er in der mittleren Projektion Ganz, 20 Jahre später, der den Weg geht, der ihm damals aus dramaturgischen Gründen erspart blieb. Am Treffpunkt angekommen, läuft der Originalfilm auf einer dritten Leinwand weiter.

Huyghe, 1962 in Paris geboren, nimmt also Hollywoodfilme auseinander, oder besser: er vervollständigt sie. Doch diese Feststellung wäre zu simpel, als dass sie den Arbeiten des Künstlers gerecht würde. Denn was ihn eigentlich interessiert, sind nicht die Filme an sich, sondern vielmehr das, was sie aus den Zuschauern machen. Es ist die ständige Frage danach, wie das Kino unsere Seh- und Erfahrungswelt verändert hat, die die Kunstwerke Hyghes durchzieht. Es ist die Frage, wo Realität anfängt und wo sie aufhört.

Es war real, als John Wojtowicz am 22. August 1972 die Manhattan Bank in Brooklyn überfiel, um seinem Geliebten eine Operation zur Geschlechtsumwandlung zu bezahlen. Vier Stunden später war die Bank voll von Polizisten und Kameramännern und das „Verbrechen aus Liebe“ die Sensation auf allen Fernsehkanälen. Das Ende der Geschichte: Wojtowicz wird verhaftet und Hollywood hat eine neue rührende Story. So rührend, dass selbst der Original-Bankräuber weinen muss, als er 1975 Sidney Lumets Version seiner Geschichte mit Al Pacino in der Hauptrolle sieht. Unter dem Titel „Dog day afternoon“ ging der Film in die Kinogeschichte ein – kaum ein Cineast weiß, dass es hinter der Hochglanz-Story eine wahre Geschichte gibt. Huyghe lud den gealterten Bankräuber im Jahr 2000 ein, von jenen schicksalhaften Stunden in der Bank zu erzählen. Das Ergebnis ist der Film „The Third Memory“, in dem Wojtowicz mit einem Gewehr durch eine der Bank nachempfundene Kulisse läuft und seine damalige Tat rekonstruiert. Dazwischen zeigt Huyghe Szenen aus dem Hollywoodfilm und den damaligen Nachrichten. Die ganze Absurdität des Geschehens wird vor allem dann deutlich, wenn man erfährt, dass Wojtowicz bis heute mit der Filmfirma um die Rechte an seiner Geschichte streitet.

Lucie Dolène, deren Geschichte Huyghe 1997 die Dokumentation „Blanche-Neige, Lucie“ zusammenfasst, hat es da besser getroffen. Sie synchronisierte Schneewittchen in der französischen Version des gleichnamigen Disney-Klassikers und prozessierte erfolgreich gegen den Konzern um die Rechte an ihrer Stimme. Die Quintessenz dieser Geschichte, fasst Hughe so zusammen: „The happy ending is the fact that, by winning her case, she really becomes Snow White“.

Ein Happy-End gab es auch für Annlee. Das junge mandeläugige Mädchen verdankt sein Leben Pierre Huyghe und seinen Künstlerkollegen Dominique Gonzalez-Foerster und Philippe Parreno. Annlee ist eine computeranimierte Manga-Figur, wie sie von japanischen Agenturen wie am Fließband für die Comic-Industrie entworfen wird. Dabei wäre Annlee wohl einen schnellen Zeichentricktod gestorben, denn ihr Charakter war nur sehr simpel gestrickt. Das Künstler-Trio rettete das Kunstwesen vor diesem Schicksal, indem sie die Rechte an Annlee kauften und ihr eine Lebensgeschichte bastelten. Und so lächelt Annlee, der ganze Stolz ihrer Väter, nun von der Leinwand und erzählt Anekdoten aus ihrem Leben während sie Jugendfotos in die Kamera hält.

Doch es war nicht nur reine Vaterliebe, die Pierre Huyghe veranlasste, auch einen Beitrag zur Lebensverlängerung der hübschen Japanerin zu leisten. Indem das Massenprodukt der kommerziellen Verwertung entrissen wird, werden die Mechanismen der Filmindustrie in letzter Konsequenz nicht nur aufgedeckt, sondern unterwandert. Und doch spielt Huyghe das Spiel mit. Denn aus der irrealen Comic-Figur wird unter seiner Regie das scheinbar reale Mädchen Annlee. Die Frage, wo Realität anfängt und wo sie aufhört, wird zur Frage nach dem Huhn und dem Ei.

www.hugobossprize.com



12.09.2002

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sonja Hausmanns

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