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Die Finalisten des Hugo Boss Prize 2002: Francis Alÿs

Spaziergänger mit Vogelbotschafter



Francis Alÿs, The Ambassador, Venedig, 2001

Francis Alÿs, The Ambassador, Venedig, 2001

Was für andere zum obligatorischen Sonntag-Nachmittag-Programm gehört, wird bei Francis Alÿs zum Kunstobjekt. Seine künstlerische Karriere begann er mit Bildern, die er von Signaltafeln kopieren ließ. Doch bekannt wurde er mit seinen Spaziergängen. Seinen ersten "paseo" unternahm Alÿs 1991 in Mexiko City, der Stadt, in der er lebt und arbeitet. Begleitet wurde er dabei von einem magnetischen Hund auf Rädern, der sämtliche auf der Straße der Millionenstadt liegenden Metallstücke einsammelte.



Nach Mexiko war der 1959 in Antwerpen geborene Architekt Alÿs 1987 im Rahmen eines französischen Hilfsprogramms gekommen. Durch Zufall, man mag es auch Vorsehung nennen, kam er mit der Kunstszene Mexiko Citys in Kontakt und wurde schnell Stammgast im Künstlercafé "Salon des Los Aztecas". Kein Wunder, dass der Belgier, der in Tournai studiert hat, eine seiner frühesten Arbeiten dem Land widmete, in dem er sich selbst als Künstler entdeckte. Dabei war schon diese Arbeit - auf eine Wand geklebte Kaugummis in den Nationalfarben Mexikos - so umstritten wie seine späteren "paseos".

Am 4. November 2000 versetzte er die Bewohner Mexiko Citys in Angst und Schrecken, als er mit einer Pistole, die er sich am gleichen Tag gekauft hatte, durch die Innenstadt rannte, bis er schließlich von vier Polizisten überwältigt wurde. Glück für Alÿs, dass mexikanische Polizisten offensichtlich Kunstfreunde sind. Denn anstatt in festzunehmen, erlaubte man ihm sogar, das Ganze am nächsten Tag noch einmal nachzustellen. Zu sehen war die filmische Dokumentation des realen Amoklaufs und der nachgestellten Situation Ende 2001 in der Ausstellung "Loop - Alles auf Anfang" in der Hypo-Kunsthalle in München. Erstaunlich dabei: Nicht die realen Szenen, die das instinktive Verhalten der erschreckten Passanten zeigten, sondern die nachgestellte Version war spannender. Damit führte Alÿs den Besuchern vor Augen, dass ihr Blick auf Gewalt und Kriminalität durch Fernsehen und Kino so geprägt ist, dass sie gestellte, dramaturgisch bearbeite Szenen realer empfinden als die nüchterne Realität.

Dabei ist es eine Seltenheit, dass Alÿs in Ausstellungen seine "paseos" als Videodokumentation zeigt. In der Regel dokumentiert er seine Spaziergänge nicht, sondern stellt Äquivalente aus. So auch bei seinem Projekt "The Loser/The Winner": Was der Ausstellungsbesucher sieht, sind digital bearbeitete Postkarten, die Alÿs von hinten mit einem Pullover zeigen, an dessen Ärmel sich ein Faden gelöst hat. Daneben hängen zwei kleine Gemälde. Spektakulärer ist da schon das eigentliche Kunstwerk: Der Spaziergang. Vom modernen, im Bauhaus-Stil erbauten Stockholmer Museum für Wissenschaft und Technik machte sich Alÿs quer durch die Stadt auf den Weg zum neo-romantischen Gebäude des Nordischen Museums. Seinen Weg markierte ein Faden, der aus dem sich allmählich auflösenden Pullover gespeist wurde.

Spaziergang: was sich so idyllisch anhört, wird bei Alÿs schon mal zur Grenzerfahrung, zum Auslöser einer tiefen Depression. 1996 machte sich der Ausnahmekünstler wieder einmal auf den Weg, diesmal nannte er seinen paseo "Narcoturismo". Der Name des Happenings war Programm: Während sieben Tagen spazierte er durch die Hauptstadt Dänemarks unter dem Einfluss sieben verschiedener Drogen. Doch nicht nur der Künstler wurde hier zum Grenzgänger, auch das Kopenhagener Louisiana Museum, dass Alÿs’ Drogenkonsum offiziell genehmigte und das Ergebnis des Ausflugs in einer Gruppenausstellung zeigte, ging hier auf neuen, heftig umstrittenen Wegen.

Nicht zum Grenzgänger wurde Francis Alÿs ein Jahr später bei seinem bisher längsten und politischsten Spaziergang. Anlass war die Einladung, ein Werk für die InSite Show beizusteuern. Der lauffreudige Künstler entschied sich, einen Spaziergang von der mexikanischen Stadt Tijuana ins US-amerikanische San Diego zu unternehmen. An sich kein langer Marsch, denn die Städte - beide Gastgeber der Schau - liegen unmittelbar an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Doch Alÿs hatte sich vorgenommen, genau diese Grenze nicht zu überschreiten. Der "kleine" Umweg den er deshalb machen musste, führte ihn an insgesamt 45 Tagen unter anderem nach Panama City, Sydney, Singapur, Bangkok, Hong Kong und Vancouver.

Ein so vielbeschäftigter Künstler muss schon mal eine Vertretung organisieren. Und so schickte Alÿs im vergangenen Jahr zur Biennale in Venedig kurzerhand einen gefiederten Botschafter. Ein Pfau nahm alle Termine des Künstlers war, erschien bei Ausstellungen, tanzte auf Parties und nahm Cocktails mit Kuratoren und Sammlern. Dieses Marathon-Programm hatte sich Alÿs erspart, war es doch alles andere als ein Spaziergang.

www.hugobossprize.com



04.09.2002

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sonja Hausmanns

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Francis Alÿs, The Collector, Mexico City, 1991

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Francis Alÿs, Paradox of Praxis, Mexico City, 1997

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Francis Alÿs, The Leak, São Paolo, 1995

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