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Interview mit Oliver Boberg

Wirklicher als die Wirklichkeit



Oliver Boberg ist einer der Jungstars der Kunstszene. Städtische Sammlungen und Kunstverein widmen dem 1965 geborenen, in Schweinfurt aufgewachsenen Maler und Modellbauer die diesjährige Sommerausstellung. Wie denkt einer, der Modelle baut, die irgendwie wirklicher sind als die (oft eher trostlose) Wirklichkeit, und diese dann abfotografieren lässt? Einer, der sagt, er habe zu einer Beton-Unterführung "ein romantisches Verhältnis"? Wer Oliver Bobergs Bilder betrachtet, sieht sich einem kuriosen Phänomen ausgesetzt: Er wird hinterher alles, was er sieht, taxieren auf die Fragestellung hin, ob es sich eignen würde, von dem Künstler festgehalten zu werden. Etwa ein Parkplatz, ein Treppenaufgang oder ein Hinterhof. Das passiere oft, sagt Boberg und grinst.



Frage: Man hat das Gefühl, die Orte, die Sie abbilden, genau zu kennen. Geben Sie etwas Wirkliches wieder, oder sind Ihre Bilder die Abstraktion von etwas anderem?

Oliver Boberg: Abgesehen davon, dass ich die Ästhetik mag, dass es mir um Malerei geht, dass ich Spuren des Gebrauchs male, die wiedererkannt werden: Ich spiele mit der Kulissen-Idee. Der Grundgedanke war: Was kann eine Kulisse, was kann ein Modell für die Kunst bringen. Eine Kulisse muss immer ein Klischee von einem Raum darstellen, in dem eine Geschichte spielt muss. In einem Fernsehspiel gibt es zum Beispiel die typische WG-Küche, die jeder sofort wiedererkennt. Und das ist genau die Basis, auf der meine Bilder funktionieren. Ich versuche meine Motve frei von allem zu halten, was für einen bestimmten Ort individuell ist und alles so allgemein zu gestalten, dass man den Platz hat, sich selbst hineinzuversetzen.

Frage: Und doch sind es Orte, mit denen Sie aufgewachsen sind.

Oliver Boberg: Nicht immer. Ich habe am Anfang die für mich geschichtsträchtigen Ort abgehandelt. Da waren auch einige darunter, die ich nicht verwendet habe, die waren zu persönlich, die sagten nichts. Nach dem Aufarbeiten der Kindheitsorte kam ich zu den Orten, die mich umgeben, bis hin zu den Orten, die allgemeinere Fragen stellen.

Frage: Wie zum Beispiel?

Oliver Boberg: Zuletzt habe ich Bilder von Trümmerhalden gemacht. Ich habe beobachtet, dass auch die in den 60ern geborenen Menschen meiner Generation bei den Motiven Kriegsassoziationen haben, obwohl sie den Krieg ja gar nicht aus eigenem Erleben kennen. Da habe ich angefangen, mir die Frage zu stellen: Woher haben wir diese Erinnerung?

Frage: Typisch für unsere Generation ist doch, dass wir als erste das Fernsehen voll abgekriegt haben.

Oliver Boberg: Ja. Film und Fernsehen spielen eine große Rolle. Wir haben ein vorgefertigtes Medien-Memory. Wir erleben vieles gar nicht mehr selber. Da gab es diese Kindersendungen, die in den 70er-Betonbauten spielten und wo wir uns in die Protagonisten hineinversetzt haben. Das ist bestimmt etwas, was mitspielt, aber das könnte ich nicht herausfiltern.

Frage: Trotzdem gelingt Ihnen der Effekt. Sie stellen den kleinsten gemeinsamen Nenner dar und erreichen genau das Gegenteil: Sie bringen beim Betrachter eine ganz persönliche Saite zum Schwingen.

Oliver Boberg: Das ist bestimmt einfach nur der Mechanismus, den ich mir so überlegt habe und bewusst einsetze. Ich reduziere die Orte so stark, dass jeder aus seiner eigenen Erfahrung heraus ergänzt, was ich weglasse. Und dabei fallen den Leuten dann auch die Ungereimtheiten nicht auf. Bei der "Aussichtplattform" etwa (siehe Abbildung oben). Der Betrachter müsste da den Horizont vermissen. Aber jeder sagt, da geht es doch runter. Und jeder hat seine eigene Geschichte für dieses vermeintlich Tal. In Chicago wiederum haben die Leute gesagt: Ganz klar, da ist der See. Wie auch immer: Sie irren sich. Der Horizont müsste auf jeden Fall zu sehen sein, es sei denn, hinter der Aussichtsplattform läge eine mehrere tausend Kilometer breite Schlucht.

Frage: Sie spielen also mit der Wahrnehmung der Menschen.

Oliver Boberg: Ich habe in einem frühen Stadium begriffen, dass die Bilder eine gemeinsame formale Sprache entwickeln können _ mit den hellen Himmeln, der gleichmäßigen Beleuchtung, dem Wegfall der individuellen Details und Menschen _ und dass diese Sprache die Bilder verbindet, wenn sie zu mindestens dreien auftauchen. Vom sensiblen Betrachter erwarte ich, dass er nicht einfach vorbeigeht, sondern fragt, was stimmt hier nicht. Und dass er den Anteil an Künstlichkeit erkennt, der in diesen Bildern steckt. Trotzdem sagen oft Leute, das kenne ich alles, das ist die Fotografie des objektiven Abbildens.

Frage: Der Betrachter hat also eine faire Chance.

Oliver Boberg: Die lasse ich ihm auch. Es gibt in fast allen Bildern irgendwo einen Fehler, etwa ein unregelmäßiges Brückengeländer oder sichtbare Pinselstriche bei Verrottungsspuren an einer Beton-Unterführung.

Frage: Verträgt sich das mit Ihrem Perfektionismus?

Oliver Boberg: Mein Perfektionismus geht mittlerweile so weit, dass ich die Spuren der Verrottung schon gar nicht mehr zeige. Meine neuesten Bilder, die in Schweinfurt zu sehen sein werden, sind diese typischen Reihenhaussiedlungen, die wir heute haben. In pseudo-fröhlichen Farben mit diesen OBI-Türen mit dreieckigen Fenstern, wo man merkt, das ist alles von der Stange. Das ist so hässlich in seiner Leere, aber modern _ nicht mehr der 70er Jahre Funktionalismus. Aber letztlich habe ich den Dreh noch gar nicht heraus. Das ist für mich das Spannendste: Orte zu finden, die ich nicht kapiere. Die mich packen, obwohl ich sie ganz fürchterlich finde.

Frage: Wie gehen Sie damit um?

Oliver Boberg: Ich fotografiere diese Neubaugebiete und baue dann so lange an meinem Modell herum, bis ich weiß, jetzt ist diese grauenhafte Verteilung von viel zu kleinen Fenstern auf viel zu viel Fläche genau getroffen. Oder die Seite, die der Garage zugewandt ist. Sie hat kein einziges Fenster. Aber niemand stört sich dran, weil jeder glücklich ist, dass er sein Eigenheim hat. Und plötzlich hat aber dieses Bild meine Formensprache. Das Spannende: Schlechte Architektur in einem guten Bild abbilden.

Frage: Betrachtet man die penible Gestaltung Ihrer Bilder, könnte man auf die Idee kommen, dass Sie in Ihrer Persönlichkeit eine zwanghafte Komponente haben.

Oliver Boberg: Da gibt es zwei Neurosen. Die eine ging mit der Augsburger Puppenkiste los. Da wurden die Geschichten so behäbig erzählt, dass man ganz lang auf die Modelle schauen konnte. Das ging dann weiter mit der Film-Faszination. Ich weiß auch nicht, warum ich so versessen auf special effects bin. Und die zweite Neurose ist die, dass ich die typischen Orte meiner Kindheit nie mit den Augen derjenigen gesehen habe, die in den 70er Jahren die schwarz-weißen Betroffenheitsfotos gemacht haben. Sondern mit den Augen dessen, der dort eigene Geschichten erlebt hat und die Orte fast schon romantisch sieht. Keiner der Orte aus meiner Kindheit ist für mich ein unangenehmer Ort - auch wenn ich da nicht leben will.

Frage: Ein Gegenpol also zur Betroffenheit?

Oliver Boberg: Wir sind die Generation, die mit der Betroffenheit aufgewachsen ist und beschlossen hat, an allem mehr Spaß zu haben. Wir sind auch die Generation, die angefangen hat, den Müll zu trennen und irgendwann gesagt hat, den Quatsch mache ich nicht mehr mit. Wir haben eine ziemliche Distanz zur Wirklichkeit entwickelt.

Frage: Wir haben zumindest nicht mehr diesen Anspruch, alles authentisch eins zu eins zu erleben und mitzumachen.

Oliver Boberg: Ich behaupte, dass das persönliche Erleben die eigene Authentizität geworden ist, das Überbleibsel von Individualität.

Frage: Nach den unbelebten Orten kommen jetzt Himmel- und Trümmer-Bilder. Heißt das, Sie wenden sich der Bewegung zu?

Oliver Boberg: Bewegung interessiert mich. Die Himmel-Bilder hatten einen ganz banalen Anlass: Ich hatte ein Stipendium in Paris und dort ein Atelier im vierten Stock mit riesen Fenstern. Ich hatte wahnsinnig viel Himmel vor mir. Da kam ich auf die Idee, etwas zu versuchen, was noch keiner versucht hat: Himmel so darzustellen, dass man ihn lange sehen kann. Und die Komposition aufzubrechen, indem ich zwei leicht unterschiedliche Bilder nebeneinander zeige. Der Betrachter kann sich bei so wenig Unterschieden immer nur die Mischung von beiden merken. Das heißt, die feste Komposition ist nicht mehr hundertprozentig merkbar.

Frage: Wo ist die Verbindung zu früheren Arbeiten?

Oliver Boberg: Ich habe versucht, die gleiche Geschichte von Alltäglichkeit und Nicht-Beachten auch in den Himmeln zu erzählen. Eben keinen knalligen Sonnenuntergang, sondern etwas, wo man sagt, ja, ich weiß genau, wie sich das anfühlt.

Frage: Beim Stichwort Bewegung denkt man an bewegte Bilder, an Film. . .

Oliver Boberg: Meine nächsten Arbeiten werden sich mit unseren Film-Erinnerungen auseinandersetzen. Der Betrachter soll sagen, das kenne ich, aus welchem Film ist das. Das ist aber aus keinem Film, sondern es sind in meinem Atelier gebaute Modelle, eben wieder nur Klischee-Bilder für bestimmte Orte aus Filmen. Da spielt wieder das romantische Erleben eine Rolle. Ich habe eine Art mythisches Empfinden für Film-Orte. Das heißt, die Bilder transportieren den Mythos des Films, des Machens, der Geschwindigkeit, des Ruhms. Der Betrachter weiß, dass alles künstlich gemacht ist, er kann aber das Bild trotzdem nicht durchbrechen.



03.08.2001

Quelle/Autor:StadtKultur, Kulturbeilage des Schweinfurter Tagblatts, 27. Juni 2001, Das Gespräch führte Redaktionsmitglied Mathias Wiedemann

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