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Rem Koolhaas

Im Einklang mit der Zukunft



Rem Koolhaas

Rem Koolhaas

Eine durchsichtige Konstruktion aus fünf übereinandergestapelten Glaskästen wird durch ein Netz aus Stahl- und Kupferverstrebungen zusammengehalten. Der Entwurf des niederländischen Architekten Rem Koolhaas für die Stadtbibliothek in Seattle sorgte, wie schon oft, für öffentliche Diskussionen. Nicht nur seine zahlreichen Bauwerke aller Größenklassen in aller Welt, sondern auch seine Stellungnahmen zur Architekturtheorie haben ihn international bekannt gemacht. Die fachliche Anerkennung, die ihm dabei zuteil wird, bezeugen eine Professur an der Harvard-Universität und die Verleihung des Pritzker-Preises im Jahr 2000. Dieser Preis, den die amerikanische Hyatt Foundation seit 1979 alljährlich vergibt, gilt als der Nobelpreis der Architektur. Die Jury würdigte Koolhaas als "Visionär und Ausführer, Philosoph und Pragmatiker, Theoretiker und Prophet".



Die Hauptthemen, die Koolhaas in Publikationen und Diskussionen beschäftigen, hinterfragen die Rolle der Architektur im herkömmlichen Sinn. Er stellt den ostasiatischen Bauboom als Beispiel für ein neues Verständnis von posturbanen Städten dar und möchte vermeiden, dass Europas Metropolen an einem Übermaß historischen Denkens absterben. Städte sind für ihn Spiegel der Bedürfnisse ihrer Bewohner, die sich auf diese Weise eine neue natürliche Umwelt schaffen. Er sieht den Architekten in einer prekären Rolle, da das tatsächliche Baugeschehen an ihm vorbeilaufe.

Rem Kooolhaas, der 1944 geboren wurde, arbeitete ursprünglich als Journalist und Drehbuchautor. Erst danach studierte er an der Architectural Association School in London, später an der Cornell University und an Peter Eisenmans Institute for Architecture and Urban Studies (IAUS). Um die Entwicklung der modernen Städte zu untersuchen, gründete Rem Koolhaas im Jahr 1975 zusammen mit Elia und Zoe Zenghelis sowie Madelon Vriesendorp in London das Office for Metropolitan Architecture, genannt OMA. Seit 1984 residiert das OMA in Rotterdam.

Im Jahre 1978 publizierte er das „retroaktive Manifest“ mit dem Titel „Delirious New York“. Da er die Erzeugnisse der europäischen Architektur des 20. Jahrhunderts als eine Ansammlung von Manifesten ohne Beweis betrachtete, in New York aber „einen Berg von Beweisen ohne Manifest“ sah, versorgte er die Stadt mit einem nachträglich erstellten. Der Kerngedanke des Buches besagt, dass New York das Ergebnis der unterbewussten Kräfte von Millionen von Stadtbewohnern sei und sich damit jenseits allen planerischen Denkens befinde. In dieser Form der zweckmäßigen Umweltgestaltung sieht Koolhaas die Architektur der Zukunft. Eine weitere Publikation aus dem Jahr 1996 beschäftigt sich mit architektonischen Großprojekten und trägt den Titel „S,M,L,XL“.

Seine Architekturtheorie orientiert sich an der Beobachtung von Realitätsfragmenten und Trivialsymbolik und macht ihn damit zum Pop-Art-Nachfolger. Die urbane Entwicklung der neuzeitlichen Großstadt beschreibt er als „culture of congestion“, was in etwa mit „Kultur des Staus“ übersetzt wird. Er meint damit die absichtliche Übervölkerung des Stadtraumes, die durch die Verdichtung der sozialen Bedürfnisse Energien freisetzt. Architektur als planerische Aufgabe betrachtet er als zunehmend unmöglicher, was er aber gleichzeitig als Herausforderung begreift.

Die Präsenz und das zeitgleiche entstehen seiner Bauten an vielen Orten trug ihm den Beinamen des „Fliegenden Holländers“ ein. Bauwerke in den heimatlichen Niederlanden sind beispielsweise das Tanztheater in Den Haag von 1987, die Kunsthalle in Rotterdam von 1992 oder das „Educatorium“ der Universität Utrecht. In Las Vegas baut er gerade das neue Guggenheim-Museum, in Deutschland ist er neben dem Umbau des Museums Ludwig in Köln auch für die niederländische Botschaft in Berlin zuständig, in Amsterdam, Lille, Hanoi und Seoul plante er ganze Stadtviertel, in Paris eine Villa, in Groningen eine Bushaltestelle - um nur einige Beispiele seiner vielfältigen Projekte zu nennen.

Die von Koolhaas verwendeten Materialien sind denkbar sparsam. Er benutzt Alltägliches wie Stahl, Glas, Wellblech und Beton. Seine Entwürfe, die sensibel auf die jeweiligen Anforderungen und Umgebungen eingehen, brechen den begrenzten Raum auf und erzeugen die Vorstellung von Freiheit. Typisch dafür ist die Transparenz, die auch die neue Bibliothek in Seattle aufweisen wird. Durch die Glasfronten werden in den Innenräumen Licht- und Wetterwechsel spürbar sein. Es soll mit „intelligenten“ Systemen ausgestattet werden, die trotzdem für gute Arbeitsbedingungen sorgen. Genauso flexibel zeigte sich der Architekt: wiederholt flog er zu Gesprächen mit den zukünftigen Nutzern nach Seattle und brachte deren Bedürfnisse und Wünsche in seinem Entwurf unter, so dass die Diskussionen inzwischen verstummt sind. Die Bauarbeiten beginnen im Sommer 2001 und sollen in zwei Jahren vollendet sein.



25.07.2001

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Julia Brodauf

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