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Also nochmals – wer ist Urs Lüthi? - Teil 2

Die Wandlung von der Welt zum Selbst



Es scheint so, als ob sich Lüthi in seiner Kunst mit derselben Frage beschäftigt, denn in vielen seiner lebensgroßen, schwarzweißen oder farbigen Fotosequenzen steht er sich selbst Modell. Besonders in seinen frühen Arbeiten scheint er selbst sein hauptsächliches Thema zu sein – monumentalisiert, im krassen Realismus oder unter Verwendung künstlicher Verkleidungen und gestellter Posen setzt er sich selbst in Szene.



Bereits in den frühen 70ern erweitert Lüthi den Rahmen seiner Ausdrucksmöglichkeiten. Dazu gehört unter anderem das Stilmittel der Bildsequenz, bei der verschiedene Aufnahmen zu einer Einheit zusammengestellt werden. Erst in ihrer Zusammenschau teilt sich das Werk dem Betrachter mit. Die Bildaussage kann in der Visualisierung von Abläufen bestehen, Prozesse sichtbar machen, aber auch in witzigen Details und Formanalogien vielschichtige Bedeutungsdimensionen entfalten.

Als willkürliches Beispiel mag hier „Something like falling off the world“ von 1979 dienen. Die Fotosequenz besteht aus zwei Aufnahmen. Die erste Darstellung zeigt den entkleideten Urs Lüthi mit einer langen, künstlichen Gumminase im Gesicht, der wie ein nackter Zwerg mit seiner Nase aus dem Bild schielt. Auf einem kleinen Glastischchen vor ihm befindet sich eine Vase mit vier Anturien, deren rote Blütenblätter sich prachtvoll vor dem blauen Hintergrund abheben. Auf der zweiten Abbildung fehlt Lüthi. Dafür sind die Blumen in den Mittelpunkt gerückt. Erst jetzt fällt auf, was den Blüten im vorigen Foto fehlte. Nämlich die schmalen, länglichen Blütenstempel, die frech inmitten der Blütenblätter emporstreben. Schnell hat man erkannt, dass die Form der Blütenstempel auf die überdimensionierte Nase im vorigen Bild anspielt, und muss schmunzeln. Das Schmunzeln wandelt sich bald zu einem Grinsen, denn man weiß ja Bescheid über das Verhältnis der Nase zu anderen Teilen der männlichen Anatomie – Lüthis im Schoß zusammengelegte Hände und sein feixender Gesichtsausdruck machen so erst richtig Sinn – und den Blütenstempeln lässt sich ein gewisser phallischer Charakter durchaus nicht absprechen. Man beginnt zu ahnen, dass so mancher Freudianer der Interpretation der Bildsequenz ganze Bände widmen könnte.

Ähnliche Verwandlungen bietet auch „They have lived in our neighborhood for many years and they are friendla people“. Auch diese Arbeit von 1976 besteht aus zwei Aufnahmen. In der Ersten steht ein in bläulich kühlen Farbtönen nahsichtig aufgenommener Globus auf einer kahlen Tischplatte. Im Hintergrund ist der Ausschnitt eines Fensters mit heruntergelassenen Jalousien zu erkennen. Aha, der Blick auf die reale Welt ist versperrt. Statt dessen steht ein kleinformatiges künstliches Modell zur Verfügung, das die ganze Welt darstellen soll. Auf dem nächsten Bild präsentiert sich die gleiche Örtlichkeit - nur dass der Globus gegen Urs Lüthi ausgetauscht wurde. Lüthi sitzt mit nacktem Oberkörper hinter dem Tisch, die Hände auf die Tischplatte gelegt und bläst mit gespitztem Mund eine Kaugummiblase auf. Die Formanalogie des runden Globus und der Kaugummiblase fällt sofort auf und lässt schmunzeln. Aber sie gibt auch Anlass zu umfangreichen Spekulationen. Unser „Bild von der Welt“ – nichts weiter als eine vom Zerplatzen bedrohte Blase voll heißer Luft?

Der Bildwitz, der sich in solchen Serien mal mehr, mal weniger subtil entfaltet, wird oftmals durch Bildtitel begleitet, die ihrerseits zum Nachdenken anregen. Die Darstellung eines eleganten Jünglings kann mit dem Titel „Today is the first day of the rest of your life“ (Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens) konnotiert sein – und lässt das Bild zu einem „memento mori“ werden, das an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert. Die scheinbare Witzigkeit droht wie bei einem Vexierbild schnell ins Ernste umkippen. Die Frage „Wer ist Urs Lüthi?“ kann unmittelbar zu einer Frage nach der eigenen Identität und nach dem, was die Welt zusammenhält, mutieren.

Jüngstes Beispiel ist Lüthis Ausstellung im Münchener Lenbachhaus unter dem Titel „Run for your life“ aus der Serie „Placebos and Surrogates“. Gleich in einer ganzen Reihe von Kunstwerken, diesmal nicht fotografischer Natur, versorgt Lüthi seine Mitmenschen großzügig mit motivierenden Slogans zur Selbsthypnose wie „I’m beautiful“ oder „I’m a Sexmachine“, die wie Placebos, also bunte Zuckerpillen ohne medizinischen Wirkstoff, den Alltag erträglicher machen. Die Sprüche zieren bonbonbunte Kaffeebecher oder in Massenproduktion gegangene Frisbeescheiben. Doch das seriell produzierte Glücksgefühl überzeugt nicht und hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

Vielleicht ist es ganz gut, dass sich die Frage nach Lüthi und der Welt nicht ganz so leicht auf den Punkt bringen lässt. Auf diese Weise bleibt immer noch genug Raum für Überraschungen. Der anfangs erwähnte Katalogbeitrag von Cécile Dumont endet: „Es soll Querschläger geben, die als solche unerkannt bleiben, weil sie immer ins Schwarze treffen. Ich glaube, der Lüthi ist einer von denen. Und macht sie.“



18.04.2001

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Matthias Koch

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