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Künstlergruppe Gelatin

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen...



Wem ist schon die Begegnung mit einem waschechten Weltwunder beschieden? Dem unerschrockenen EXPO-Besucher bot sich in diesem Jahr in Hannover die Chance mit solch einem Exemplar unserer Tage in Konfrontation zu treten, oder besser gesagt - zu schwimmen!


Wagte er nämlich den Sprung ins kühle Nass eines unscheinbaren Wasserlochs und taucht todesmutig durch eine Röhre drei Meter abwärts, so gelangte er in die Tiefe einer geheimnisumwobenen, unterirdischen Grotte... .

Welch Wunder sich dem kühnen Tiefseetaucher dann allerdings offenbarte, blieb den an der Oberfläche Verbliebenen ein Rätsel. Bekannt sind jedoch die Schöpfer dieses schwer zugänglichen Werks - die Rede ist von Gelatin. So nennt sich das Künstlerquartett mit seinen Mitgliedern Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban. Anfang der 90er Jahre fanden sich die vier in Wien lebenden und schaffenden Künstler zusammen. Von ihrer Kunst angezogen fühlt sich das Publikum vor allem durch die interessante Mixtour aus Aktionismus und Installation.

Körper in Bewegung

1993 trat die damals noch namenlose Gruppe mit einem nächtlich inszenierten Boxkampf in der österreichischen Gemeinde Kreins auf. Mit schweißtreibendem Kampf zu harten Breakbeats bot sich dem Publikum Theater hautnah, das durch die realistische Art der Darstellung in einen tranceähnlichen Zustand versetzte.

„Gelatins little spanking show” betitelte die Vierertruppe eine Aktion des Jahres 1997. In einer Wiener Bar ließen sich die athletisch gebauten Mittdreißiger nackt kopfüber an der Decke aufhängen und von den Besuchern mit Lauchstangen auspeitschen. Zusätzlich unterstrichen wurde dieses bizarre Ambiente mit Clubmusik. Im letzten Jahr war es ein „Human Elevator“, ein „Menschenaufzug“, den die Gruppe in Los Angeles an der Fassade des Schindlerhauses aus dreizehn Bodybuildern errichtete. Innerhalb weniger Sekunden wurden die begeisterten Besucher durch eine Gerüstkonstruktion auf das Dach gehievt.

Das Einbringen von Körperlichkeit ist ein wichtiger Aspekt in Gelatins Kunst. Klickt man ihre Homepage an, so findet man die fotogenen Vier als Aktmodelle, nahezu pornographisch posierend vor. In ihrer jugendlich wirkenden Attraktivität erscheinen sie auf den ersten Blick wie eine von Teenagern umkreischte Boygroup der Popmusik.

Im gleichen Maße, wie sie ihren eigenen Körper provokativ ins Spiel bringen, verlangen Gelatin auch ihren Zuschauern physische Aktivität ab. In den Genuss ihrer Kunst kommt nur, wer die Kunst der eigenen körperlichen Überwindung beherrscht, etwa durch dunkle Röhren zu schlüpfen, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen oder sich gar durch einen Hühnerstall scheuchen zu lassen.

Die Kunst der eigenen Bloßstellung

Letztgenannte Möglichkeit bot im vergangenen Jahr die Aktion „Pollo Feliz“, mit der Gelatin im Rahmen des Wiener Festwochenprojekts „Wahlverwandtschaften“ in ihrer Heimatstadt für Gesprächsstoff sorgten. Zu diesem Werk ließen sich die Vier während einer gemeinsamen Mexiko-Reise inspirieren und tauften es auf den Namen der dort beheimateten Fast-Food-Kette “Pollo Feliz“, was übersetzt heißt: „Das glückliche Huhn“. Die traditionellen Glückseier der Mexikaner boten dem Team Anreiz sich in einer sechsstündigen Performance als glückliche Hühner verkleidet zu präsentieren. Was den Zuschauern in erster Linie Amusement und Heiterkeitsausbrüche einbrachte, löste bei den Darstellern selbst ein peinliches Gefühl des Ausgeliefertseins als nicht alltägliche Erfahrung aus.

Um eben dieses Ausloten des Empfindungsbereichs geht es der Truppe bei ihrer künstlerischen Tätigkeit. Im Vordergrund steht nicht pure Effekt-Hascherei sondern subtile Komplexität. Gelatin erfüllen während ihrer performanceähnlichen Auftritte entweder die Funktion aktiver Darsteller oder eher in passiver Haltung posierender Kunststars. Ihre Umgebung gestalten sie dabei bühnenartig, wobei die verwendeten Materialien in ihrer kollageartigen Zusammensetzung dem Betrachter eher improvisiert erscheinen.

„Operation lila“

Mit einem beeindruckenden Gefüge aus altem Krankenhausmaterial und medizinischen Geräten bewies die Truppe im letzten Jahr auch ihr soziales Engagement. Bei dieser Dauerinstallation in einer Klinik in Meran wurde ein Operationssaal zum Spiel- bzw. Experimentierzimmer für Kinder umfunktioniert. Je nach Belieben ermöglichen verschiebbare Bauelemente die Umstrukturierung des Raumes zur Arztpraxis, zum Labor oder gar zum futuristischen Operationssaal. Das sonst eher triste Krankenhausmobiliar wurde mit pulsierenden Lichtern und bunten Schläuchen ausgeschmückt, um eine kindgerechte Atmosphäre herzustellen.

Als Versuchspersonen schufen die Künstler zwei Stofftiere, einen Bären und einen Hasen. Durch bauchseitig angebrachte Reißverschlüsse ermöglichten Gelatin den Einblick in das Innenleben der Tiere. Gefütterte Stoffformen stellten Organe wie Herz und Nieren dar, welche per Klettverschluß austauschbar waren. Den kleinen Besuchern bot sich die Möglichkeit, mit weißen Kitteln und Stethoskopen ausgerüstet in die Rolle des von ihnen oft so gefürchteten Arztes zu schlüpfen. Mit ihrer „Operation lila“ schufen Gelatine Kindern einen Raum, um spielerisch medizinisches Wissen zu vermitteln und Ängste abzubauen.

„Riesiger flacher Häckelhase“ und „Schlürfbrunnen“

Verspielt klingen auch die Titel, mit denen die Künstler ihre Werke versehen. Was verbirgt sich hinter derartig skurrilen Wortschöpfungen der Gelatines? Der Prototyp des „Riesigen flachen Häckelhasen“ wurde in diesem Jahr geboren. Er kann über jeder beliebigen Stadt in den Lüften ausgesetzt werden. Menschen, die sich von unten nach ihm den Hals ausrecken, können die Atmung dieser von Gelatin erschaffenen Kreatur durch seitliche Öffnungen seines begehbaren rosafarbenen Gummileibs beobachten.

Der „Schlürfbrunnen“ definiert sich als kreisrunde, trichterförmige Vertiefung im Boden, die steilabfallend in ein Rohr mündet. Durch eine bestimmte Absaugtechnik des Wassers entsteht ein Strudel der Schlürfgeräusche verursacht, ein wahrhaftig „sprechender“ Strudel also, den das Künstlerquartett erst kürzlich für einen Parkplatz der niederösterreichischen Gemeinde Staatz entwarf. Solch in die Alltagswelt integrierte Skurrilitäten, die zum Staunen und Umdenken anregen, gehören allerdings zu den harmloseren Varianten psychischer Prozesse, die Gelatin mit ihrer Kunst beim Betrachter in Gang zu setzen vermögen.

Grenzerfahrungen

Mut und Vertrauen sind entscheidende Kriterien, die der Interessierte mitbringen sollte, um Gelatins Kunst genussvoll begegnen zu können. So regte auch die zur Mediensensation gewordene Weltwunder-Inszenierung in Hannover eben nicht nur Neugier, sondern auch Skepsis und den Nervenkitzel ihrer Besucher an. Dementsprechend äußerte sich Gelatin-Mitglied Florian Reiter zur Intention dieser Aktion: „Es geht um extreme Überwindung, dass man darauf vertraut vorzufinden, was einem erzählt wurde.“

Grenzerfahrungen sollen die Leute machen, indem sie sich in scheinbar gefährliche Situationen begeben, sich freiwillig extremer Enge, Weite, Kälte, Hitze, Höhe oder Tiefe aussetzen. Zum Erlebnis starker Beklemmung lud die aufblasbare Installation „Suck and blow“ 1998 in der Spencer Brownstone Gallery in New York ein. Hier wurde das Publikum mit einer „atmenden“ Plastikblase konfrontiert, die phasenweise luftdicht verschlossen war. Im selben Jahr erzielten die in Los Angeles produzierten „Abgasblasen“ einen ähnlich verstörenden Effekt. Aus dem Auspuff eines goldenen Sportwagens führten Schläuche zu zwei aufblasbaren Riesenanzügen, in denen Gelatine-Mitglieder eingeschlossen waren. Luftkanäle dienten dabei den Isolierten als einzige Verbindung zur Außenwelt.

Ebenfalls 1998 schuf das Künstlerquartett seine „Chill-out-Zone“ im Kulturzentrum „PS.1“ auf Long Island bei New York. Die Installation aus alten Kühlschränken und einem wackligen acht Meter hohen Turm aus Büromöbeln beschriftet mit der Warnung „Betreten auf eigene Gefahr“ lud den irritierten Betrachter zur vorsichtigen Annäherung ein.

Wer’s wagt, erlebt sein blaues Wunder !?!

Ob der wagemutige EXPO-Besucher nun wirklich nach seinem Tauchtrip um eine unvergeßliche Erfahrung reicher war, sei dahingestellt. Nach Angaben „Weltwundererfahrener“ habe das Tauchen zwar Spaß gemacht, das Ziel des Weges sei jedoch weniger spektakulär gewesen. In Anbetracht der Tatsache, daß der Antritt ins Wasserloch Risiken wie Trommelfellrisse oder Druckverletzungen des Lungengewebes in sich birgt, bestehen an dieser Stelle wohl keine Bedenken zur hemmungslosen Lüftung des Geheimnisses.

Tatsache ist: Das Weltwunder unserer Tage ist eine 1,5 Meter mal 1,5 Meter große Plastikkammer – öde, weiß und schlicht. Immerhin bot die Bezeichnung des Objekts eine ironische Anspielung auf das Bestreben zahlreicher Weltausstellungen, zunehmend größenwahnsinnigere Höchstleistungen der Technik ausstellen zu wollen.

„In Between“-Kurator Kasper König jedenfalls gewann dem Projekt deutlich Positives ab: „Das ist ein totales Gegensteuern gegen den Terror der Medien“. Seien wir also gespannt, mit welchen Aktionen die Gelatins zukünftig unser aller Faszination und Schrecken schüren werden – und hoffen wir, daß Wunder in reichhaltiger Zahl ihren kreativen Köpfen entspringen!!!

www.listen.to/gelatin/



15.12.2000

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sandra Herbrandt

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