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Zum Tod des großen Schweizer Fotografen Balthasar Burkhard

Zeitlos im Auge des Sturms



Fragt man junge Fotografen nach ihrem Studio, so zucken sie oft nur verdutzt mit den Achseln. Atelier? Dunkelkammer? Negative? Von wegen! Alles ist digitalisiert und auf dem Laptop abgespeichert. Das ganze Werk auf einer Festplatte archiviert, jederzeit abrufbar mit ein paar Mausclicks. Beim am vergangenen Freitag im Alter von 65 Jahren in Bern verstorbenen Schweizer Fotografen Balthasar Burkhard war das alles ganz anders. Hier wurde noch von Hand gearbeitet. Aus analogen Großnegativen entstanden in der Dunkelkammer klassische Schwarzweißabzüge auf hochwertigem Barytpapier. Bilder von beeindruckender Größe und Prägnanz. Eigentlich ganz beruhigend, dass es im Zeitalter von Photoshop, Megapixeln und Laserprintern in der beschaulichen Schweizer Bundeshauptstadt Bern noch Leute wie Balthasar Burkhard gab.


Dabei war Balthasar Burkhard nicht irgendwer, sondern einer der bedeutendsten Schweizer Fotografen überhaupt. In Deutschland aber blieb sein Werk leider weitgehend unbekannt. Woran das liegt? Vielleicht an der hierzulande verbreiteten Vorliebe für den unterkühlten Dokumentarstil der Düsseldorfer Becher-Schule. Burkhards Bilder waren anders. Elementarer, vielleicht auch emotionaler. In der Schweiz und in Frankreich wird Balthasar Burkhard hoch geschätzt. Im vergangenen Winter hat das Museum im Bellpark in Kriens seine letzte große Ausstellung gezeigt, die zur Überraschung vieler Besucher auch Bildzyklen mit Blumen- und Landschaftsbildern in Farbe präsentierte. Eine neue Werkgruppe, die nun leider nicht weiter ausgebaut werden kann.

Was bleibt, ist also die Erinnerung an den überzeugten Schwarzweiß-Fotografen Balthasar Burkhard. Ein Nostalgiker war er aber überhaupt nicht. Dass er nach wie vor auf klassische Abzüge in Schwarzweiß spezialisiert war, hatte ganz andere Beweggründe. Burkhard lebte und arbeitete in den modern und hell ausgebauten Räumen einer ehemaligen Wäscherei direkt am Berner Fluss Aare. Er war ein weitgereister Kosmopolit, der nach längeren Aufenthalten in den USA und Frankreich Mitte der 1990er Jahre in seine alte Heimatstadt zurückgekehrt war. Keiner seiner Abzüge gleicht exakt dem anderen. Jeder Burkhard ist deshalb ein Unikat. Seine Produktionsstätte blühte phasenweise wie Andy Warhols Factory auf. Hier wurde gelebt, gearbeitet, und am großen Tisch oft auch gemeinsam mit den Assistenten gegessen.

„Ein Bild entsteht nicht bei der Aufnahme sondern vorher im Kopf“, sagte Balthasar Burkhard einmal. Er war kein Bilderjäger, der mit seiner Kamera durch die Straßen vagabundierte. Burkhard suchte sich seine Motive gezielt aus: Bäume und Wasserfälle, lebensgroße Akte und Körperfragmente, Vogelschwingen, Großstadtpanoramen, Tieraufnahmen oder die Schönheit von Orchideenblüten. Der Schweizer Museumsmann und langjährige Freund Burkhards, Jean-Christophe Ammann, attestierte diesen Bildern die „Reinheit des unverstellten Blicks“: „Balthasar Burkhards Fotografien enthalten etwas Zeitloses“, so Ammann. „Zeitloses, das lebt, so, als würden Mensch, Tier und Natur wie in einem traumlosen Schlaf die Ungereimtheiten des Lebens, den täglichen Überlebenskampf, das Toben des Sturms vergessen.“

Und tatsächlich, Burkhard blendete alles Anekdotische, jedes überflüssige narrative Detail aus. Seine Aufnahmen reduzierten die Motive auf ihre Essenz. Es waren prototypische Aufnahmen. Der Bildgegenstand wurde isoliert. Alles Störende, Schmückende oder Ablenkende blieb außen vor. Farben, so Burkhard, würden den Betrachter doch nur vom Wesentlichen ablenken. Wenn er zum Beispiel einen Elefanten, ein Rhinozeros oder einen Löwen vor einer neutralen Zeltplane fotografierte, dann erhielten diese Bilder eine ganz selbstverständlich wirkende Allgemeingültigkeit: Das ist ein Löwe. Genau so sieht ein Löwe aus. Ähnlich wie bei Albrecht Dürer, dessen Tierdarstellungen vor 500 Jahren entstanden sind, verdichteten auch Balthasar Burkhards Tierporträts alle Eigenschaften einer Art auf einem einzigen Bild.

Und wenn er wie 2007, schon von seiner Krankheit gezeichnet, im spanischen Sevilla Aktaufnahmen von jungen Frauen machte, dann suchte sich Burkhard natürlich Modelle aus, die Schönheit im klassischen, von allen zeitlichen Erscheinungen losgelösten Sinne verkörperten. Keine Profis, keine Szenefrauen, keine durchtrainierten Athletinnen, keine Vamps à la Helmut Newton. Sein Interesse galt der Frau an sich, die auf diesen Abzügen in voller Lebensgröße und aus dem Dunkel der bewusst neutral gehaltenen Aufnahmesituation dem Betrachter vollkommen nackt gegenüberstand.

Ebenso verfuhr Burkhard bei seinen Landschaftsaufnahmen. Das Meer, ein Berg, Wolken, Wasserfälle oder Wüsten stellte er als etwas Dauerhaftes und Unzerstörbares dar. Keine architektonischen Markierungen oder zivilisatorische Verunreinigungen störten die Betrachtung. Balthasar Burkhards Landschaften wirkten so, als hätte es den Menschen nie gegeben: erhaben und ewig, majestätisch und unberührt.

Seit 1997 arbeitete er an einer Werkgruppe mit Städtebildern. Seine Luftaufnahmen von Megastädten wie Mexico City, Los Angeles, Chicago oder Tokio zeigen in beeindruckender Größe das unkontrollierte Hineinwuchern moderner Großsiedlungen in die Landschaft. Schachbrettartig angelegte Straßen oder breite, diagonale Schneisen gliedern die Aufnahmen. Wolkenkratzer stehen neben flacher Bebauung. Diese Aufnahmen entstanden entweder im diffusen Dunstlicht oder in der Nacht. Städtische Agglomerationen, die gleichzeitig abstrakt wirken, betrachtet aus einer nüchternen Distanz, von einem entfernten Standpunkt aus.

Woher kam diese Neugier, dieser unbändige Hunger auf Bilder? „Meine ganze Ausbildung in puncto Kunst habe ich in der Kunsthalle gemacht beim Harry Szeemann“, sagte Burkhard gerne. Gott sei Dank sei er nie in eine Kunstschule gegangen. Fotograf aber wollte er eigentlich immer schon werden. Sein Vater schenkte ihm schon früh eine Kamera. Und bei Kurt Blum, einem anderen Großen der schweizerischen Fotografie, ging er in die Lehre. Blum hat über viele Jahre hinweg die Ausstellungen in der Berner Kunsthalle dokumentiert. Der junge Balthasar Burkhard durfte diese Aufgabe Mitte der 1960er Jahre übernehmen. Ein absoluter Glücksfall, denn genau hier und genau zu dieser Zeit traf er auf den Ausstellungsmacher Harald Szeemann, dessen neuer, unverkrampfter und experimentierfreudiger Umgang mit Künstlern das gesamte Ausstellungswesen revolutionieren sollte.

Burkhard wurde fortan zum Chronisten und lebenslangen Freund des charismatischen Zauberers. Eine Initialzündung nicht nur für Burkhard war die bahnbrechende Ausstellung „When Attitudes Become Form“ aus dem Jahr 1969. 69 internationale Künstler wie Joseph Beuys, Lawrence Weiner oder Richard Artschwager verwandelten damals die Kunsthalle in ein Versuchslabor. Szeemann und Burkhard wurden fortan ein unzertrennliches Duo. Drei Jahre später etwa fotografierte Burkhard Szeemanns Documenta 5 in Kassel. Und nach Harald Szeemans Tod im Winter 2005 war es natürlich sein Freund Balthasar Burkhard, der noch einmal ins Tessiner Maggiatal reiste, um dort das produktive Chaos in Szeemans alter Fabrik in beeindruckenden Bildern festzuhalten.

Balthasar Burkhards meisterhafter Umgang mit Licht und Schatten, seine Fähigkeit, Jahrhunderte alte Motive der Kunst- und Menschheitsgeschichte im Medium großformatiger Fotografie auf das Wesentliche zu reduzieren und damit zu neuem Leben zu erwecken, wird in Erinnerung bleiben. Eine Würdigung dieses beeindruckenden Werkes in einem großen deutschen Museum steht leider immer noch aus.



20.04.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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